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Ausreißversuch

Andreas Thier, 06/2017

Auf den letzten Kilometern ging es deutlich rauer zu als bisher. Das Tempo ist deutlich härter als am Vormittag. Die Straße ist alten Zuschnitts und bereits mit zwei modernen Autos gut ausgefüllt. Für Radfahrer ist nicht wirklich Platz. Ich erhöhe mein Tempo und beginne mich zu behaupten. Immerhin schlängelt sich die Straße durch eine Art Naherholungswald und ist an sich ganz nett zu fahren. Die Sonne blinzelt hin und wieder durch das dichte Blätterdach. Es wird immer wärmer. Und schwüler.

Kurz nach Verlassen des Waldes empfängt mich ein Ortseingangsschild. Berlin – Spandau. Fast am Ziel. Aber noch sind es rund 18 Kilometer bis zum Brandenburger Tor, mein eigentliches Ziel. Neben dem freundlichen Berlin Schild empfangen mich auch dunkle Wolken im Südosten. Sehr dunkle Wolken. Und sie ziehen in meine Richtung! In Verbindung mit der schwülen Luft verheißen sie nichts Gutes.

Schlussspurt
Ich versuche das Tempo hoch zu halten. Mich packt der Ehrgeiz, mein Ziel trocken zu erreichen. Die Infrastruktur macht es mir jedoch nicht leicht. Mal gibt es für ein paar hundert Meter einen nagelneuen Radweg mit einer super Oberfläche, mal gibt es rumpelige Gehwegplatten mit unklarer Radwegführung.

So ist das Fahren nervig und wenig effektiv. Meine Entscheidung auf der Straße weiter zu fahren, wird nicht von allen Autofahrern geteilt und es entsteht eine  Art Rennen. Geschwindigkeit begegnet man am besten mit Geschwindigkeit. Offensives Mitschwimmen ist da meiner Erfahrung nach die beste Methode. Was sich in London, Paris, Tirana oder Istanbul bewährt hat, funktioniert auch in Berlin. Also ziehe ich mit über 30 Stundenkilometern meine Bahn.

Plötzlich schießt ein Taxi von rechts aus einer Seitenstraße und nimmt mir die Vorfahrt. Ich muss wirklich sehr hart bremsen, um einen Aufprall zu vermeiden. Die Avid 7 BB Road funktioniert in diesem Moment wirklich in höchstem Maße zuverlässig. Der Taxifahrer ist selber erschrocken. (Ich glaube, auf dem Radweg hätte er mich wohl erwischt.) Er gibt aber sofort wieder Gas, ohne eine entschuldigende Geste.

Ich trete kräftig an und jage ihm irgendwie instinktiv hinterher. Er beobachtet mich im Rückspiegel und wirkt sichtlich nervös. Vor allem als er merkt, mich nicht abschütteln zu können. Beide versuchen wir einen Ausreißversuch. An der ersten roten Ampel versucht er noch stur geradeaus guckend, mich zu ignorieren. An der zweiten roten Ampel wird ihm klar, dass ich gar nichts von ihm will und deutet eine Entschuldigung an, die ich annehme. An der dritten Ampel grinsen wir uns angesichts unseres Privatrennens an. Erst an der sechsten Ampel verlieren sich unsere Wege in unterschiedliche Richtungen. Immerhin winkt und hupt er mir freundlich zu.

Die Gewitterwolken sind noch immer da, aber sie scheinen mir nun nicht mehr gefährlich werden zu können. Ich wechsle vom Fahrradkurier Modus in einen eher touristischen. Der Speed der letzten Kilometer erforderte eine Trittfrequenz von 100 bis 120 Umdrehungen pro Minute. Mangels Schaltmöglichkeit  kann ich ausschließlich über die Frequenz schneller werden. Ich bin auf einem Single Speed Rad unterwegs. Nun geht es aber wieder kommod weiter.

Die Idee zur Tour

Die eher puristische Art des Radreisens ist ohnehin meine bevorzugte Art mit dem Rad zu reisen. Seit längerem beschäftigt  mich der Gedanke, mal mit nur einem Gang unterwegs zu sein. Antriebstechnisch puristischer geht es ja kaum. (Außer per Starrgang.)

Lars Amenda vom Altonaer Bicycle Club e.V. hält Anfang Mai einen Vortag über Gregers Nissen (1867-1942), an dessen Biographie er zur Zeit arbeitet.  

In der Vortragsankündigung heißt es u.a.: “Gregers Nissens Name ist heute weitgehend vergessen. Dabei war er ein bedeutender Fahrradpionier und propagierte wie kaum ein anderer in Deutschland die Vorzüge des „Radwanderns“…“. „Seine Reisebeschreibungen…waren sprichwörtlich wegweisend und portraitierten Land und Leute. Als Funktionär im Deutschen Radfahrerbund bemühte er sich unermüdlich um bessere Bedingungen für Radreisende und setzte sich für gute Radwege in der Stadt und auf dem Land ein.“

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Gregers Nissen (rechts) 1928  in Spanien             

Die Ausführungen von Lars sind total interessant und spannend. Da darf man auf die Biographie gespannt sein. Wirklich klasse sind auch die alten Fotos, die er präsentiert. Es fällt sofort auf, mit wie wenig Gepäck die Altvorderen auf Tour gingen. Das alles hat wohl eine  äußerst inspirierende Wirkung auf mich. Das möchte ich wirklich mal ausprobieren. Tourenfahren wie früher, ohne die technische Raffinesse von 3 x 11 Schaltungen. Wie wird das wohl sein, nur mit einer einfachen Übersetzung unterwegs zu sein? Ich bin gespannt!
Die Planung der Tour

Die Rahmenbedingungen stehen fest und die Planung der Tour ist schnell erledigt. Es soll ein Wochenende ohne zusätzliche Urlaubstage sein und ich will nicht im Kreis (Start=Ziel=Zuhause) fahren. Das Ziel soll ans Bahnnetz angeschlossen sein, sodass eine einigermaßen rasche Rückkehr möglich ist.

Der Aktionsradius entspricht zweieinhalb Fahrtagen, da am Freitag noch etwas Arbeit ansteht. Grob überschlagen sollten sich 400 Kilometer realisieren lassen. Innerhalb dieses Zirkelschlages entpuppt sich Berlin als das interessanteste Ziel.

Die Fahr-Formel lautet: Am Freitag mit dem Rad zur Arbeit und anschließend weiter. (Das passt von der Richtung.) Samstag eine komplette Etappe und am Sonntag eine dreiviertel Etappe, um noch Zeit am Ziel zu haben. Zurück soll es am Montag mit einem ganz frühen Zug gehen. Dadurch könnte ich gegen 09:30 wieder bei der Arbeit sein.

Retro

Neben dem Purismus spielt sicherlich auch der ein oder andere Retro Gedanke eine Rolle.

Dabei geht es mir nicht darum rückwärtsgewandt das Gestrige zu huldigen, sondern mich reizt vielmehr die   tragfähige Kombination von besten Eigenschaften. (Was natürlich nur meiner eigenen Bewertung entspricht).

Ich mag mein Rad mit moderner Geometrie und Scheibenbremsen. Und ich mag ganz doll die klassischen Rahmenrohre aus Stahl. Die britischen Carradice Gepäcktaschen sind nicht nur aus Baumwolle, sondern auch verblüffend regenfest. Und mir sind noch keine robusteren Gepäcktaschen begegnet. Dennoch verzichte ich nicht auf meine Dreilagenregenjacke und den GPS-Navigator (wenngleich immer eine Übersichtskarte 1:500.000 als Backup dabei ist.).

Kurzum, mich reizt die Kombination von Tradition und Moderne. Auch wenn die Form der Funktion folgt, darf sie dabei gut aussehen. Und ein bestimmter Stil spielt vielleicht doch auch eine kleine Rolle.

Die Tour

Den Spruch mit dem frühen Vogel, fand ich schon immer blöd. So auch an diesem Morgen. Aber es nützt nichts. Um dem Freitag auch noch etwas Arbeitszeit realisieren zu können, gehe ich früh auf die 52 km lange Strecke zum Schreibtisch. Also richtig früh! Die aufgehende Sonne muntert die Lebensgeister auf und taucht den Hafen von Eckernförde in ein wundervolles Licht.

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                             Morgenstimmung im Hafen von Eckernförde

Einige Stunden des Wuselns und ein Kantinenessen später verlasse ich den Firmenhof. Im Regen. Na toll! Nach Passieren des Zentrums von Kiel geht es weiter in Richtung Südosten. Es ist bemerkenswert, wie schlecht es um die Radinfrastruktur der Landeshauptstadt bestellt ist. Die Radwege sind durchweg von miserabler Qualität. Immerhin hört es auf zu regnen. Nach anfänglichem Zögern verschwindet die Regenjacke dann doch in der Lenkertasche.

Die Holsteinische Schweiz trägt ihren Namen zu Recht, was ich mit dem Singlespeed Rad deutlich zu spüren bekomme. Vor ernsthafte Probleme stellen mich die Steigungen aber nicht. Zudem kommt nun sogar die Sonne heraus. Radeln pur.

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                                            Am Plöner See


In Plön bieten sich nette Ausblicke auf den See und in der Schlossstadt Eutin gönne ich mir einen halben Liter Kakao. Etwas später entdecke ich verblüfft ein Hinweisschild „Berlin 6 km“. Bei der Weiterfahrt erkundige ich mich bei einem älteren Herrn auf einem noch älteren Rad nach der Kuriosität. Das Dorf Berlin feierte 2015 das 800jährige Bestehen und gilt als das älteste Berlin der Welt, wie er mir zwinkernd berichtet. Viele Straßennamen seien an Hauptstadtstraßen angelehnt. Einen ‚Potsdamer Platz‘ gäbe es ebenso wie die Durchgangsstraße ‚Unter den Linden‘.

Nach weiteren diversen Hügeln erreiche ich mein Tagesziel, Lübeck. Das hat ja schon mal gut geklappt. Der Abend ist lau und eine mediterrane Lebensart pflegend, sitzen die Leute im Freien vor den Restaurants und Bistros. Nach insgesamt 127 km erreiche ich meine Unterkunft und bin sehr zufrieden. Ebenfalls ganz mediterran suche ich eine Pizzeria auf. Der Laden sieht ganz nett aus. Aber für die Lasagne, die mir serviert wird, würde man In Italien dem Koch wohl ein paar Betonsandalen verpassen, bevor man ihn im mediterranen Meer baden würde… - Aber egal. Die Akkus werden in jedem Fall aufgefüllt.

Samstag
Das wirklich gute Frühstück am folgenden Morgen genieße ich daher umso mehr. Wie schön es ist, wieder auf Tour zu sein. Obwohl es erst der zweite Tag ist, scheint mir der Abstand zum Alltag schon bemerkenswert groß. Die Hansestadt Lübeck weist eine deutlich bessere Fahrradinfrastruktur auf, als die Landeshauptstadt. Und so komme ich schnell aus der Stadt heraus und in meinen Überland-Rhythmus hinein.

Radfahren auf mittleren und langen Strecken hat für mich auch immer etwas Kontemplatives. Meine Gedanken kreisen um das Tourenradfahren zu Zeiten von Gregers Nissen. Was hat die Radler damals losziehen lassen? Wie war es für sie, unterwegs zu sein? Hielt man sie vielleicht für extravagant oder gar für vagabundierend?  Und überhaupt – wie war es früher so, mit dem Rad auf Tour zu sein? Manche Antworten liegen buchstäblich auf der Straße. Denn die eine oder andere Ortsdurchfahrt hilft dem Einfühlen mit grobem Kopfsteinpflaster. Die Fragen machen mich dennoch immer neugieriger und ich beschließe, mir Nissens Biographie zuzulegen, um noch besser in die Welt von damals eintauchen zu können.

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                                  Nostalgischer Straßenbelag

Meine Route führt mich konsequent und nahezu geradlinig durch das ländliche Mecklenburg-Vorpommern in Richtung Südost. Die Frage nach den Distanzen und Geschwindigkeiten von früher hat einen absolut praktischen Hintergrund. Denn ich begegne auf meiner Route ausgesprochen wenigen Möglichkeiten der Versorgung. Das ist es klug, bei ‚Klug’s Backstube‘ eine Rast einzulegen. Wie löste man das Problem früher? Sicherlich gab es in den Dörfern eher mal Einkaufsmöglichkeiten. Oder man hat vielleicht direkt bei Bauernhöfen nach Essbarem gefragt. Aber die Überwindung der Distanzen zwischen den Dörfern  hat bestimmt auch mehr Zeit in Anspruch genommen.

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                           Verpflegungsstation

Für mich läuft es dagegen richtig gut. Ein mäßiger Wind aus Ost (also von vorne links) lässt sich nicht leugnen, aber dafür wird das Gelände immer flacher. Die Routenwahl beschert mir eine Fahrt durch ländliche Gegenden und über asphaltierte Wirtschaftswege sowie über  schmale, kaum befahrene Landstraßen.  

Ich genieße die grünen Aussichten und hänge vielerlei Gedanken nach, die im Alltag zu oft an den Rand gedrängt werden. Fast nebenbei fliegen die Kilometer dahin. In Parchim gönne ich mir eine zweite Pause mit einem guten Kaffee. Dann heißt es wieder Kurs Südost. Nach 160 Kilometern erreiche ich meine Unterkunft südlich von Pritzwalk. Zum Glück handelt es sich um eine Unterkunft mit Gastronomie. Somit ist mir eine stärkende warme Abendmahlzeit sicher. Auf der angegliederten Kegelbahn tobt zwar der Bär, aber ich bin der einzige Übernachtungsgast im ‚Brauhaus‘. Frühstück gäbe es aber erst ab acht Uhr, teilt mir die nette Bedienung, fast entschuldigend, mit.

Meinen Vorschlag, mir stattdessen ein Lunchpaket vorzubereiten, nimmt sie erleichtert und erfreut an. (Wahrscheinlich wäre die Frühschicht an sie gegangen…smile.) Auf dem Flur des Gästehaus gäbe es eine Kaffeemaschine und einen Kühlschrank. Dort wolle sie das Lunchpaket später deponieren. Das ist mir sehr recht.

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                            Brauhaus bei Pritzwalk

Ungefragt erlaube ich mir, das Rad mit auf das Zimmer zu nehmen. (Wer viel fragt, erhält viele Antworten.) Nicht nur, dass ich besser schlafe, wenn ich mein Rad sicher verwahrt weiß, es verschafft mir beim morgendlichen Packen auch einen kleinen taktischen Vorteil, weil ich die Taschen nicht demontiere.

Morgen soll es zeitig losgehen. Schließlich möchte ich noch etwas von Berlin sehen. Eine angekündigte Unwetterfront mit Sturmböen und Starkregen sind eine zusätzliche Motivation für einen frühen Start und eine flotte Fahrt. Die Front soll zum Nachmittag von Westen aufziehen und sich von Schleswig-Holstein bis Sachsen erstrecken. Ich dürfte mich zwar mehr oder weniger östlich des Wettersystems befinden, werde die Sache aber dennoch nicht auf die leichte Schulter nehmen. Ohne an das Wetter zu denken, falle ich in einen tiefen wohligen Schlaf…


Sonntag

Die Sonne lacht ins Zimmer und lädt zum Pedalieren ein. Schnell bin ich auf den Beinen und hole mir einen Kaffee sowie mein Lunch Paket auf’s Zimmer. Da hat es wohl jemand gut gemeint mit der Kühlung. Das Lunch Paket ist reichhaltig, aber alles ist fast gefroren. Mühsam mümmel ich ein eisiges Butterbrot. Egal – der Rest kommt in die Satteltasche und wird schon noch auftauen.

Die Verpflegung für unterwegs erweist sich als äußerst angebracht. Ich verlasse die Prignitz und erreiche das Havelland. Irgendwie wird es immer einsamer. Natürlich habe ich die Route so zusammengestellt, dass ich Bundesstraßen und größere Landstraßen nahezu komplett meide. Landschaftlich ist das total toll. Allerdings bin ich damit auch fern der Lebensadern. Und selbst diese pulsieren hier nicht besonders üppig. Das Havelland scheint mir ein bisschen ‚vergessenes Land‘ zu sein. Die an sich schon geringe Bevölkerungsdichte wird wohl durch Landflucht immer weiter ausgedünnt. In manchen Dörfern scheint die Zeit irgendwann stehen geblieben zu sein.

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               Wirtschaftswege in Mecklenburg-Vorpommern

Mit dem Siegeszug des Aufbackbrötchens haben hier wohl auch die letzten Bäcker das Handtuch geschmissen. Die Versorgungsmöglichkeiten sind jedenfalls ziemlich dünn gestreut. Nach etwa eineinhalb Stunden gelingt es mir eine kleine Dorftankstelle anzusteuern, die am Sonntag Morgen auch geöffnet hat. (Es mag unromantisch klingen, aber Tankstellen finde ich beim (Langstrecken-) Radeln manchmal ganz schön praktisch.)

Die sich mir bietende Szene erfüllt alle klassischen Klischees, die man sich für eine derart ländliche Tankstelle vorstellen kann. (Ich darf das schreiben, denn ich lebe selber auf dem Land…smile.) Eine sich für jünger, als sie tatsächlich ist, haltende und stark blondierte Kassiererin blickt genervt von ihrem Smartphone auf, als ich den Verkaufsraum betrete. Sie verliert sich aber umgehend wieder in ihr Multifunktionstelefon.

In der Ecke beim Kaffeeautomat sitzen drei verwegen wirkende Russen und frühstücken. Kurzhaarschnitte, schwarze Lederjacken, Jogginghosen und der Versuch von modischen Turnschuhen. - Halb zehn in Deutschland. An den Russen führt kein Weg vorbei. Denn der Kaffeeautomat ist genau hinter ihnen. Vielleicht wirkt es Wunder, dass ich einfach ebenso mürrisch gucke wie sie selbst. Jedenfalls rücken sie bereitwillig zur Seite und bieten mir sogar einen Bistrohocker an. So kommen wir dann doch noch in einen kleinen Schnack.

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                                             Simson Pilot

Im weiteren Verlauf werden die Straßen allmählich besser. Gewisse archaische Strukturen halten sich dennoch. Ich finde ja auch, dass zu große Nummernschilder, im Jargon auch Backbleche genannt, die Heckpartie von Motorrädern verunstalten.  Aber so konsequent wie bei dieser 125er (?) Simson habe ich es auch noch nicht auf öffentlichen Straßen gesehen. Der Pilot verzichtet komplett auf Verunstaltendes. Im Hinterradschutzblechsind nicht einmal Löcher für einen Kennzeichenhalter.

Für mich läuft es gut weiter. Heute herrscht kein Gegenwind und die Temperaturen sind sommerlich, wenngleich es zunehmend schwüler wird. Im Südwesten lassen sich dunkle Wolken eher erahnen als sichten. Kurze Zeit später rausche ich an einer Säule vorbei – 80 Kilometer bis Berlin. Ich bremse und kehre sofort um. Das ist mir doch ein Foto wert. Von der anderen Straßenseite ruft eine Frau im Kittel herüber: Wolln’se bis Berlin. Det is noch en janzet Stück. Ich wende mich ihr zu und bejahe ihre Frage. Aber nich heute wa? Ich kläre sie darüber auf, dass ich am Freitag im nördlichen Schleswig-Holstein gestartet bin. Ne wa? Schlagartig stellt sie das Fegen des  Gehweges ein, stellt den Besen zur Seite und schaut mich mit großen Augen an. Wolln‘se nen Kaffe?

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                                  Noch 80 km bis Berlin

Nun habe ich ja quasi gerade erst einen Kaffee in der Gesellschaft der drei Herren aus dem großen östlichen Land genossen. Dennoch interessiert mich die Einladung. Aber ich überschlage, dass ich dann vor einer Stunde wohl nicht wieder los komme. Ein wenig sitzt mir die Wetterentwicklung im Nacken und ich möchte auch noch etwas Zeit für das Ziel haben. (Reisen und limitierte Zeit, passen einfach nicht zusammen….smile.) Daher lehne ich dankend ab. Aber ich schiebe mein Rad zu ihr auf die andere Straßenseite und wir schnacken noch ein wenig über das Leben im Havelland.

Die nächsten etwas über drei Stunden vergehen wie im Flug. Die Gedanken kreisen um das Gespräch, das Leben im Havelland und wie große Geschichte den kleinen Einzelnen treffen kann. Ehe ich mich versehe, erreiche ich dann auch schon die äußeren Stadtgrenzen von Berlin Spandau…

Gegen 14:30 erreiche ich dann das Brandenburger Tor. Das ameisenhafte Gewimmel der vielen Menschen ist für mich nach den zweieinhalb Tagen der Ruhe regelrecht gewöhnungsbedürftig. Dennoch radel ich gemütlich auf Erkundungstour durch die Stadt und finde sogar ruhige Plätzchen. Zum späten Nachmittag kommt ein Ausläufer des Unwetters in Berlin an. Ich flüchte zum Abwettern in ein gemütliches  Café.  Verblüffender Weise zieht das Wetter rasch durch, sodass ich den restlichen Tag noch ausgiebig nutzen kann, um interessante Eindrücke von Berlin zu sammeln, bevor ich am Abend meine Unterkunft aufsuche.

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                              Nach 420 Kilometern am Ziel

So früh aufzustehen, dass man um 05:06 in einem Zug sitzt, lässt sich nicht schön reden. - Egal wie nah am Bahnhof man übernachtet. Aber bereits auf dem Bahnsteig stoße ich auf einen Leidensgenossen. Bekanntermaßen ist geteiltes Leid, halbes Leid. Und so radeln wir nebeneinander rasch den Bahnsteig entlang, da sich heute der Fahrradwagon genau am anderen Ende des Zuges befindet, als es der Wagenstandsanzeiger anzeigt. Nicht erlaubt, aber hilfreich. Immerhin erreichen wir den Wagon, bevor sich der Zug wieder in Bewegung setzt. Bei dem Radler handelt es sich um einen in Lüneburg lebenden Kolumbianer, der per Rad Freunde in Berlin besucht hat. Über technisches Fachsimpeln landen wir schnell beim Thema Radtouren in Südamerika….

Am Ziel und eine Erfahrung reicher

Das Ziel der Tour war nicht nur ein geografisches, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine Erfahrung. Und wie war diese? – Nun, es war eine runde Sache mit dem Singlespeed Rad auf Tour zu gehen. Und ich werde es wieder tun. Allerdings hat sich, auch wenn es den Anschein erweckt, kein so richtiges ‚Nostalgie Gefühl‘ eingestellt. Das geht wahrscheinlich auch nicht wirklich. Als moderner Mensch der Gegenwart ist man ja schließlich auch in der Gegenwart, mit all ihren Annehmlichkeiten, unterwegs. Unsere Räder sind zuverlässiger, die Straßen sind besser, unsere Bekleidung schützt wirksamer vor unangenehmer Witterung und wahrscheinlich sind wir auch fitter und besser trainiert.

In meiner Quintessenz erscheint mir jedoch das Entscheidende zu sein, dass uns wahrscheinlich die gleiche Motivation, wie die der Altvorderen, losziehen lässt. Die Neugier über den Tellerrand schauen zu wollen, Landstriche zu entdecken und mit Menschen in Kontakt zu kommen, ist sicherlich eine der starken Triebfedern dabei. Möglicherweise ist auch die Freude und Zufriedenheit an der eigenen Ertüchtigung, die so eine Tour naturgemäß mit sich bringt, ähnlich. In weit man früher das Bedürfnis hatte einem Alltag mit zunehmender Arbeitsverdichtung und Streubreite zu entkommen, vermag ich dagegen nicht zu beurteilen.

Was nun das Besondere war? – Ich denke, es ist die (innere) Haltung, die erforderlich ist oder die sich einstellt, wenn man mit einem Rad ohne Schaltung unterwegs ist. Schließlich lässt sich keine Erleichterung durch Änderung des Übersetzungsverhältnisses herbeiführen. Bei Hügeln und Gegenwind muss man sich eben durchbeißen. Und dabei hilft die äußere Haltung ganz erheblich. Ergonomisch gut und windschnittig auf dem Rad zu sitzen, sorgt neben präzisem Pedalieren für einen effektiven Vortrieb. Andererseits muss man sich bergab und / oder bei Rückenwind damit begnügen, dass man eine gewisse Geschwindigkeit nicht überschreitet. Vielleicht gefällt mir auch der Grad an Stoizismus, den es erfordert, zwar nur mit einem Gang, aber dennoch flott unterwegs zu sein.

Es ist wohl die Konzentration auf das Wesentliche, die mir einfach großen Spaß und eine intensive mentale Entspannung bereitet.

Ausreißversuch

Ein Ausreißversuch ist im Radrennsport der Versuch, sich vom Hauptfeld oder von einer Gruppe von Radrennfahrern zu lösen, diese zu distanzieren und das Ziel mit einem Vorsprung zu erreichen. Abgesehen von dem kleinen Scharmützel mit dem Berliner Taxifahrer, habe ich natürlich keine rennsportlichen Ambitionen verfolgt.

Ersetzt man ‚Hauptfeld‘ allerdings durch ‚Alltag‘, war die Tour nach Berlin ein überaus erfolgreicher Ausreißversuch. Die Intensität sorgte für ein deutliches Lösen vom Alltag. Es ist erstaunlich, was wenige Tage des Radelns bewirken können. Diese Entspannung ist vielleicht der wertvolle Vorsprung, mit dem man sich wieder dem Alltag stellen kann.

Wer es genau wissen will

Das Übersetzungsverhältnis entsprach 44/19 (meine Winterstarrgangübersetzung). Interessanter Weise war bei den Tagesetappen der Unterschied zum Schaltungsrad deutlich geringer als vermutet. Dabei war die Route war durchaus hügelig und Freitag sowie Samstag herrschte spürbarer Gegenwind. Am Ende der Etappen lag die Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 23,5 und 25 km/h. Das ist ganz ordentlich. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass mir sowohl der Wind als auch die Art der Topographie aus dem heimatlichen Trainingsevier vertraut sind. Mit einem Singlespeed Rad zu touren halte ich auch ausschließlich bei geeignetem Gelände für sinnvoll. Als Reifen hat sich der Continental Touring Plus 32 mm  (5,0 Bar) bewährt. Diese breitere Ausführung dämpft naturgemäß deutlich stärker als die 28 mm Version (7,0 Bar).

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                                 Pure Bros Single Speed Tourer


Equipment

Immer wieder werde ich ungläubig gefragt, ob dies mein gesamtes Gepäck sei, was am Rad zu sehen ist. Wen es interessiert, wie sich meine Ausrüstung zusammen setzt, kann der folgenden Ausführung folgen. (Von links unten beginnend)

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Tourengepäck

Zivilbekleidung: Schuhe, kurzer Pyjama (Seide), Hemd, Hose, Slip, Socken, wattierte Jacke (schwarz)

Radbekleidung (Schietwetter): leicht wattierte Jacke (gelb mit Reflexstreifen), Mütze, Handschuhe , Überschuhe, Windjacke, Windweste, Regenjacke

Sonstiges: Digicam, GPS Navigator, 220 V Universal Adapter/Ladegerät mit 2 USB Ladekabeln, Kulturbeutel (grau), Lesebrille, Sonnenbrille, Taschenmesser, Löffel, Übersichtskarte 1:500.000, Flickzeug/Werkzeug,Front-, Heckakkulicht zum Anstecken, Schloss und 12mm Kabel 1,5 m

Gewicht inklusive Lenker- und Satteltasche: 5,25 kg (plus  0,5 kg für Schloss und Kabel)

Fahrerbekleidung (getragen, nicht im Gepäckumfang): Netzunterhemd lang, Trikot lang, Radhose kurz, Überhose lang (ohne Einsatz), Socken, Radschuhe, Kappe. (Bei wärmerer Witterung Trikot und Hose kurz plus Arm-, Beinlinge)

Mit diesen Dingen fühle ich mich, sofern ich auf feste Unterkünfte zurückgreife, absolut gut gerüstet für Touren von Frühjahr bis Herbst. Die Dauer einer Tour hat dabei keinen Einfluss auf den Umfang meiner Ausrüstung. Sie funktioniert für ein Wochenende ebenso, wie für drei Wochen. Bei der Verwendung entsprechender Textilien, lässt sich Bekleidung abends von Hand waschen und sie ist am nächsten Morgen trocken. Bei mehrwöchigen Touren würde ich jedoch sicherheitshalber noch einen Reserve-Faltreifen mitnehmen. Je nach Reifen kommen zwischen 260 und 550 Gramm zum Gesamtgewicht dazu.

Und nun wünsche ich den Lesern viel Vergnügen bei der nächsten eigenen Tour.

Hamburg-Berlin (15.10.)

Ende des Sommers kribbelte es nach längerer Rennradabstinenz wieder in den Beinen und der Wunsch nach extensivem Radfahren brach sich mehr und mehr Bahn. Also reifte der Entschluss vor dem Winter noch einmal das Abenteuer zu suchen und ich meldete mich für HH-B an. In der verbliebenen Zeit bis zum Start versuchte ich noch ein paar Kilometer auf das Tachometer zu spulen und fand in Udo einen motivierten Mitstreiter, der sich überdies auch als Windschild andiente. Anfangs konnte ich kaum das Hinterrad halten und bei der ersten Tour über 100 km in der zweiten Septemberhälfte erlebte ich einen bösen Einbruch. Nicht die besten Voraussetzungen also für HH-B. Aber mit jeder weiteren Tour stieg die Formkurve an und Anfang Oktober kam der ultimative Test in Form einer 160er Runde, die letzte Gewissheit brachte, dass es schon irgendwie klappen sollte mit der Ankunft in Berlin. Während der ganzen kurzen Vorbereitung klebte ich bei den gemeinsamen Touren quasi an Udos Hinterrad, da „vorne" fahren ob der angeschlagenen Geschwindigkeit kaum bis gar nicht möglich war.  Es hatten noch mehrere ABCer und weitere Bekannte Interesse an HH-B bekundet aber aus diversen Gründen standen wir letztlich leider dann doch nur zu zweit bei frischem Wind und kühlen Temperaturen im Dunkeln am Start. 

Für Udo sollte es die Premiere über diese Distanz und überhaupt das erste mal sein, eine Tour über 200 Kilometer und mehr zu versuchen. So machten wir uns kurz vor 7 auf zu einer Fahrt ins Ungewisse. Praktisch mit der ersten Kurbelumdrehung fing es an zu tröpfeln. Glücklicherweise konnte sich der Regen zunächst nicht dazu entschließen, uns gänzlich zu durchnässen. Der am Deich recht deutlich zu spürende und Kälte verströmende Gegenwind war jedoch schon einmal Vorbote der vor uns liegenden Strapazen. Wir legten uns nach dem Start gleich ordentlich ins Zeug, denn in der Ferne waren 5 rote Lichter in Sicht, die etwas Windschatten versprachen. Nach etwa 4 Kilometern schlossen wir auf und wurden Teil der Gruppe. Die Gruppe lief recht harmonisch und es war bei dem Gegenwind eine tolle Sache, die Arbeitslast auf mehrere Schultern verteilt zu wissen. 


Natürlich trugen auch wir unseren Teil an der Führungsarbeit bei. Aufgrund der widrigen Witterungsverhältnisse dauerte es sehr lange, bis wir endlich unsere Beleuchtung ausschalten konnten. Im landschaftlich reizvollen Teil der Strecke zwischen Bleckede und Hitzacker waren die Straßen endlich mal trocken und die Stimmung in der Truppe stieg merklich an. So erfreuten wir uns an dem dortig hügeligem Terrain und schossen die kurzen Abfahrten bestens gelaunt hinunter.
Etwa bei KM 70 wurden wir nach einigen Überholvorgängen letztlich von einer Riesengruppe mit Tandem-Schrittmacher „geschluckt“. Ob der Größe der Gruppe war zunächst nicht klar, wer sich wo von den 7 Mitstreitern befand. Ich fuhr zuvor an zweiter Stelle und orientierte mich einfach an meinem Vordermann. Leider hatten sich seine vier Begleiter aus der Meute zurückfallen lassen und Udo hatte es ihnen gleich getan. Als er merkte, dass ich offenbar gewillt war, in der Riesengruppe zu verweilen, entschloss er sich unter Aufwendung beträchtlicher Ressourcen, alleine wieder an die Truppe ranzufahren. Ich ließ mich derweil immer weiter aus meiner vorderen Position zurückfallen, um zu schauen, wo die übrigen Mitstreiter abgeblieben waren. Als ich am Ende der Gruppe angelangt war, schloss Udo gerade wieder auf. Mit recht gesunder Gesichtsfarbe und erhöhter Atemfrequenz berichtete er mir von dem erlebten Ungemach. Wichtige Körner wurden vergeudet. Bis nach Dömitz waren es noch etwa 10 KM und die  Riesengruppe zerriss aufgrund der winkligen Strecke in immer mehr kleine Grüppchen.  Auch hier wurden weitere Körner verschwendet, da sich immer wieder Löcher nach scharfen Kurven auftaten, die wieder zugefahren werden mussten. In Dömitz kam dann die Verpflegung wie gerufen. Leider setzte dort der Regen verstärkt ein und die Temperaturen schienen etwas zu fallen. 

Lange hielten wir uns deshalb nicht auf und fuhren zu zweit weiter, da aus der 5er Gruppe vom Start leider 2 Mitstreiter noch vermisst wurden. War zuvor noch viel Radverkehr auf der Strecke gewesen, wurde es mit einem male recht einsam.  Für Udo begann spätestens jetzt ein Martyrium, welches ihn die nächsten circa 80 km hartnäckig begleiten sollte. Er hatte sich noch nicht wieder erholt von der vorherigen Hatz und konnte das Hinterrad häufiger nicht mehr halten. So mussten wir mehrere Gruppen ziehen lassen und waren letztlich auf uns alleine gestellt. Jetzt konnte der Wind vollends sein auszehrendes Spiel mit uns treiben. Es gab kein Entrinnen vor unserem Peiniger, denn wir fuhren unserem Gegner auf schnurgeraden Straßen ohne Autoverkehr direkt entgegen. Die Motivation sank ob des Regens und des Gegenwindes bei KM 140 so ziemlich auf 0, als Udo auch noch einen Schleicher feststellte. Er konnte sich nicht so recht entschließen Hand anzulegen, da der Gedanke der Aufgabe im Raum stand. Also wurde der Reifen vorerst nur wieder mit Luft gefüllt, statt die Ursache zu beheben. Wir schmiedeten den Plan, erst mal bis Havelberg zu fahren, dort dann ausgiebig zu pausieren und die vorhandenen Optionen abzuwägen. Mit wieder prallem Reifen klappte es dann mit dem radeln erst mal wieder ganz gut und für kurze Zeit konnte wir uns auch wieder einer Gruppe anschließen. Aber nach Kurven oder kleinen Rampen fiel es Udo schwer, wieder Fahrt aufzunehmen. Ich sortierte mich hinter ihm ein, um ihn im Bedarfsfalle etwas Schub zu verleihen oder Lücken zu zu fahren. Aber 10 km vor Havelberg war der Reifen wieder platt. Wieder wurde gepumpt und Havelberg wurde mittlerweile zu einem Sehnsuchtsort. Im hiesigen Supermarkt wurden dann Cola und Schokoriegel gekauft, im angeschlossenen Café konnte jedoch nichts warmes erstanden werden, da so kurz vor Feierabend schon alles „gemacht“ sei. 20 Minuten vor offiziellem Ladenschluss fand ich das schon reichlich service-unorientiert. Aber sei es drum.  Die Cola wirkte offenbar Wunder bei Udo. Er hatte zuvor nur Wasser in seinen Trinkflaschen gehabt, so dass es ihm offenbar nur an schnell verfügbaren Kohlenhydraten gemangelt hatte. Das ist natürlich nicht optimal, wenn es auf der Strecke kalt, nass und gegenwindbehaftet ist und einem die Energiespeicher schneller entleert werden, als dieses bei milderen Temperaturen der Fall ist. Da die Lebensgeister wieder geweckt waren, entschlossen wir uns, erst einmal bis Friesack zu fahren. Dort könnte man schauen, wie es um die Befindlichkeiten stünde und notfalls den Bahnhof ansteuern. Mit neuem Mute und abermals aufgepumptem Reifen machten wir uns wieder auf den Weg. Es lief auf einmal wieder rund und wie konnten einen ähnlich angenehmen Rhythmus anschlagen, wie wir ihn eingangs noch in der 5er Gruppe genossen hatten. Ohne Zwischenfälle kamen wir gut voran. Auch die ewig langen, schnurgeraden Schneisen durch die Ödnis konnten die Stimmung nicht trüben.


In Friesack machten wir dann eine Pause etwas abseits der Strecke. Wir freuten uns, nunmehr bereits 210 KM zurückgelegt zu haben und der Regen hatte mittlerweile auch endlich aufgegeben, uns zum Aufgeben bewegen zu wollen. Wir fühlten uns noch fit und statt zum Bahnhof zu fahren, entschieden wir uns, Nauen als nächstes Zwischenziel auszurufen. Von dort wären es nur noch etwa 30 km bis ins Ziel. 

Gerade wollten wir nach einem schnellen Energieriegel und der mittlerweile schon obligatorischen Pumpaktion wieder losfahren, da sahen wir eine etwa 20 Mann große Gruppe. Leider waren wir etwa 200 Meter von der Kreuzung entfernt und mussten uns erst wieder auf die Räder schwingen. Wir versuchten es etwa 10 Minuten lang, die Lücke zur Gruppe zu schließen, aber wir konnten sie nicht entscheidend verkleinern. Also blieb es beim Duett. Schade, das wäre jetzt wohl der Schlafwagen nach Berlin gewesen, aber an diesem Tage wollte uns das Glück wohl einfach nicht übermäßig hold sein…Das war aber gar nicht weiter schlimm, denn der gemeinsam Rhythmus war nunmehr gefunden und wurde beibehalten. Bei KM 240 in Nauen ging es nochmals in einen Supermarkt, um uns für die letzte Etappe zu stärken. Schnell saßen wir wieder im Sattel. Udo’s Reifen verlor nun immer schneller Luft, so dass wir uns kurz vor Berlin noch eine Zwangspause mit Schlauchwechsel einhandelten. Wäre wohl besser gewesen, gleich einen neuen Schlauch einzuziehen, aber zum Zeitpunkt der ersten Panne, schien die Weiterfahrt nach Berlin noch Utopie. Diese Pause sorgte dann dafür, dass wir uns im Dunkeln durch Berlin tasten mussten. Ich zog jetzt das Tempo noch einmal an, da mein Navi akute Akku-Schwäche anzeigte und mir die Strecke noch nicht aus dem ff geläufig war. Das Navi fiel dann genau an der letzten Streckengabelung aus und meine Rückleuchte tat es dem Navi kurze Zeit später nach. Das war aber zum Glück etwa 2 km vorm Ziel, welches wir dann kurze Zeit später wohlbehalten und guter Dinge erreichten. Es war echt nett, dass die ankommenden Fahrer bei der Einfahrt zum Wassersportheim von einem Spalier applaudierender Zuschauer empfangen wurden. Das entschädigte sehr für die zuvor erlebten Strapazen und die etwas nervige Fahrt durch die verkehrsreiche westliche Peripherie Berlins. 

Hamburg, den 23.10.2016 / Stefan

Haderslev-Hamburg, 27.8.2016

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Lars A. und Lars B.: Dieses Jahr sollte es keine Ausreden geben. Wir wollten von Haderslev in Südjütland nach Hamburg rund 250 Kilometer mit dem Fahrrad fahren und damit an eines der frühesten und bedeutendsten Radrennen in Norddeutschland (seit 1894) erinnern. Das Wetter spielte auch mit und versprach am Samstag (27.8.) bestes Sommerwetter.

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Die Anfahrt gestalte sich einfach, denn wir nahmen die Bahn nach Flensburg, wo es am Bahnhof ein schnelles Abendbrot gab. Dann schwangen wir uns in die Sättel und radelten 60 Kilometer nach Haderslev, wobei wir das hügelige Terrain schon einmal inspizieren konnten. Den Rest der Strecke legten wir bei Dunkelheit zurück und trafen dann rechtzeitig in unserer sehr zentralen und sehr schönen Unterkunft ein.

Am nächsten Morgen verabreichten wir uns schnell Kaffee und Tee, das Frühstück musste warten. Dann ein wenig Spannung: wer würde uns an der Marienkirche (Domkirke) erwarten? Es waren Jesper, Mads und Niels, kurz danach traf auch Lennart Madsen vom ortsanssässigen Museum ein und knipste die kleine Runde von fünf Fahrern.

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Auf schon ging es los. Jesper wies uns den Weg und führte auf echt schönen Wegen Richtung Süden. Die Hügel waren bisweilen recht knackig, was insbesondere ich (Lars A) unangenehm direkt in den Beinen spürte.  

Nach einiger Zeit erreichten wir die Grenze. In Flensburg trennte sich dann die Gruppe und ich (Lars A.) beschloss, alleine weiter nach Hamburg zu fahren.

Lars B.: Welches Tempo die Dänen anschlagen würden, wussten Lars und ich vorher nicht. Schnell wurde deutlich, dass nicht ihre Carbonboliden und elektronischen Schaltungen für das hohe Tempo, mit dem wir durch die Wälder und vorbei an Strandbuchten Süddänemarks rauschten, verantwortlich waren. Die Jungs waren alle verdammt fit. Die 50 km durch Süddänemark, durch Wälder und vorbei an Strandbuchten und Feldern waren schön und schnell vorbei. Lars A. fiel immer wieder zurück. War es das fehlende Frühstück? In Flensburg trennten sich dann unsere Wege. Zu groß war an diesem Tag der Leistungsunterschied. Ungern ließ ich Lars zurück, doch die Dänen konnte ich erst recht nicht ziehen lassen, wollten sie doch bei mir duschen.

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Weiter ging es über ruhige Nebenstraßen, und im Gegensatz zu den 50 km in Dänemark, fast vollkommen flach. Stellen, an denen ich letztes Jahr bei der Streckeninspektion entkräftet Pause machen musste, flogen nur so an uns vorbei. Der leichte Wind kam oft von hinten, was unsere Leistung nur wenig schmälern mag. Plötzlich wurde der Weg immer schlechter und schon standen wir auf einer saftigen Wiese. Vor uns ein Fluss. Alles wieder zurück, neuer Versuch. Schon tauchte der Nord-Ostseekanal vor uns auf. Die Fähre stand schon abfahrbereit. Dann noch ein halber Liter Cola für jeden am Imbiss, und der Zuckerspiegel stimmte wieder um die restlichen 100 km auf uns zu nehmen.

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Irgendwann war dann Schluss mit der Ruhe auf den Straßen. Immer mehr Autos tauchten neben uns auf. Deutliche Zeichen, dass Hamburg nicht mehr fern sein kann. Und tatsächlich waren wir bald auf Hamburger Stadtgebiet. Noch ein paar Ampeln und das Dach der Radbahn in Stellingen tauchte zwischen den Blättern auf. Hier warteten schon die Freundinnen von Jesper und Niels, die die drei und ihre Räder wieder zurück nach Haderslev fahren sollten. Mit 31 km im Schnitt hatten wir das Ziel erreicht. Dazu insgesamt eine Stunde Pause. Ganz schön flott für die Streckenlänge.  

Lars A.: Ich war nun alleine auf weiter Flur. Allerdings auch ohne Track und ohne Karte, das Abenteuer konnte also beginnen. Ich genoss die Fahrt durch Angeln, auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren konnten, ein wenig im Kreis zu fahren. Die Landschaft konnte ich jetzt richtig genießen. Die Autobahn nach Hamburg wies mir den Weg; ich war froh, als ich sie hinter mir lassen konnte.

Die Navigation gestaltete sich schnell als, nun ja, schwierig. Also ging die Fragerei los. “Wo geht es denn hier nach Hamburg?” Immerhin, die Lacher hatte ich auf meiner Seite. Viele wussten auch gut Bescheid, jedoch nur was den Weg per Auto/Bahn betraf …

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Erst hatte ich keinen Track, dann kam auch noch Pech dazu: Ich verlor Luft, hatte einen Platten, den ich höchst umständlich und zeitaufwändig flicken konnte. (Die ersten Flicken setzte ich komplett daneben, den zweiten verhunzte ich irgendwie, der dritte saß dann - erst mal - bombenfest.)

Weiter ging es. Ich orientierte mich an der Bahnstrecke und wollte, so gut es ging, die Städte entlang der Route “abklappern”. Die Durchfahrt in Schleswig war abermals etwas problematisch. (Vielleicht besorge ich mir in Zukunft doch so ein Navigationsgerät, dieses Zaubergerät, das einem wie von Geisterhand den Weg zu zeigen weiß).

Das gleiche Spiel in Rendsburg. Hier machte nun mein Hinterreifen abermals schlapp. Ich hatte jetzt keinerlei Material mehr an Bord, was ich zum Flicken verwenden konnte. Es war wirklich verflickt & zugenäht. Einen Fahrradladen konnte ich in der Nähe auch nicht ausfindig machen, der ADFC-Stand des Stadtfestes hatte auch nichts Verwertbares. Nun denn.

Also machte ich Feierabend. Für mich sollte es in diesem Jahr also kein “Finish” geben. DNF - Das Navigationsgerät fehlte! Ähem, hüstel, und ein ganz bisschen Fitness vielleicht auch … und ein paar technische Grundkenntnisse … und …

Ich taperte zum Bahnhof und fuhr von dort nach Hamburg-Altona. Nächstes Jahr wird alles anders …

Lars B.: Nach der Ankunft ging es zunächst nach einem schnellen Bier zu mir nach Hause, wo jeder nach einer Dusche zwar nicht unbedingt wieder fit wurde, dafür aber wieder so gut roch, um einen Restaurantbesuch zu wagen. Hier ließen wir das Erlebte (Erfahrene) nochmal Revue passieren. Das war ein schöner Tag mit den netten Jungs, die sehr nett und sympathisch sind. Über Jespers trockene Witze musste ich des öfteren unterwegs lachen. Hoffentlich nächstes Jahr wieder Haderslev-Hamburg!

Lars A.: Mein Fazit? Die Strecke, woweit ich sie genießen durfte, ist wirklich sehr schön. Durch die Städte und damit auf der originalen Strecke zu fahren, davon kann ich reinen Herzens abraten. One Way-Strecken machen erst richtig deutlich, was für eine Entfernung zurückgelegt wird. 250 Kilometer in eine Richtung zu fahren, das ist schon eine kleine Reise. Und Hamburg als Zielort ist wohl für Hamburger und Nicht-Hamburger ein guter Magnet. Neben der Strecke ist vor allem die Geschichte des Rennens sehr charmant. Möglicherweise sehen es einige ja auch so. Wir werden im kommenden Jahr, Ende August oder Anfang September 2017, die Fahrt vermutlich wieder durchführen - dann vielleicht schon als “richtige” Veranstaltung. Wir werden sehen.

Hamburg, den 31. August 2016

Fotos: ABC & Lennart Madsen

Kære presse [Presseerklärung]

Dette blot for at orientere om genoptagelsen af et af de store klassiske cykelløb fra slutningen af 1800-tallet og begyndelsen af 1900-tallet – Cykelløbet Haderslev-Hamborg.

Lørdag d. 27. august kl. 8:00 stiller et lille hold entusiastiske cykelryttere til start ved Haderslev Domkirke! Det drejer sig om cykelryttere fra Haderslev-Starup Cykelklub og Altonaer Bicycle-Club von 1869/80 fra Hamborg. Den tyske klub er angiveligt den ældste endnu eksisterende cykelklub i verden.

Den lille gruppe ryttere begiver sig kl. 8 ud på den godt 250 km lange tur tværs gennem Nord- og Sydslesvig samt Holsten med mål i Altenau udenfor Hamborg.

Cykelturen er et forsøg på at genoplive et af verdens ældste cykelløb, nemlig cykelløbet Haderslev-Hamborg. Det første løb fandt sted i 1894, hvor i alt 27 ryttere gennemførte løbet. I slutningen af 1890’erne var det et af Europas vigtigste langdistanceløb ved siden af Paris-Roubaix, Milano-München og Wien-Berlin. I 1898 var der således hele 74 ryttere til start. Løbet fandt sted årligt frem til 1. Verdenskrigs udbrud i 1914 men har ikke siden været gennemført.

I tidsskriftet Langs Fjord og Dam 2015 skrev formanden for Altonaer Bicycle-Club, Lars Amenda, en artikel om dette cykelløb (artiklen er vedhæftet denne mail) og lørdag 27. august 2016 vil der så blive gjort et forsøg på at genoplive løbet.

Man kan læse mere om løbet ved at følge dette link.

På vegne af de to cykelklubber og med henblik på at hjælpe med at få det traditionsrige løb genoplivet, håber jeg at medlemmer af pressen kunne have lyst til at møde op ved starten lørdag morgen.

Mange hilsener

Lennart S. Madsen

Museum Sønderjylland - Arkæologi Haderslev

Baltikum-Tour - Fortsetzung

[Zum Anfang des Tour-Berichts geht es HIER].


13. Tag, 28.08.2016

Ventspils an der Mündung des Flusses Venta gelegen, blickt auf eine lange Tradition als Hafenstadt zurück. 1253 erstmals schriftlich erwähnt, gehörte die Hafenstadt später zeitweise der Hanse an. Ab 1642 avancierte sie zu einem Zentrum des Schiffsbaus. 44 Kriegs- und 79 Handelsschiffe liefen vom Stapel. Angeblich sollen von hier sogar Flotten zur Kolonialisierung von Gambia und Tobago gestartet sein. Unter sowjetischer Herrschaft wurde nach dem zweiten Weltkrieg eine Ölpipeline nach Ventspils verlegt. Auch aufgrund der Eisfreiheit wurde Ventspils für Russland zu einem wichtigen Exporthafen für Erdöl und Kohle. Durch die Hafeneinahmen ist Ventspils eine der wohlhabendsten Städte Lettlands.

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Nach dem Frühstück kurve ich mit meinem bepackten Rad noch eine gute Stunde durch verschiedene Ecken und Winkel von Stadt und Hafen. Ich liebe diese kleinen Hafenstädte, in denen der Hafen noch organischer Bestandteil der Stadt ist und kein autonomes Dasein führt.

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Dann erst geht es nach Nordost, in Richtung der Landspitze Kolkasrogs. Ich rechne damit, dass vor mir die 83 einsamsten Kilometer der Tour liegen. Keine Ortschaften, einfach nichts. Das Wetter ist grau, es nieselt ununterbrochen . Die Nadelbäume rechts und links der Straße sind, wie Nadelbäume nun einmal so sind. Es geht viel geradeaus und die Straße ist zum Teil außerordentlich rau. Wenigstens festigt sich die Erkenntnis, dass mein gesamtes Setup hervorragend passt. Rad und Laufräder meistern die Bedingungen souverän. Mit meinen leichten Gepäck sind die 28 mm Contis super. Für schwereres Gepäck würde ich breitere Pneus aufziehen. Die DT Swiss TK540 Felgen und auch die Durchlaufbereiche des Rahmens verkraften bis 42 mm breite Reifen. Damit würde ich mich auch für Fahrten in entlegende Gegenden gut gewappnet fühlen.

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Außer zwei Vermessern, die was auch immer vermessen, begegnen mir keine Menschen. (Abgesehen von den Insassen der rund fünf Autos pro Stunde, die ich sehe.) Nach etwa der Hälfte der Distanz lege ich eine Pause ein, um eine Kleinigkeit zu futtern. Just als ich wieder starten will, nehmen ich am südlichen Horizont der Straße einen Punkt wahr, der sich auf mich zu bewegt. Schnell erkenne ich darin einen Radfahrer. Natürlich warte ich noch so lange. 

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Es ist Alexandra aus Barcelona. (Übrigens mit Ortlieb Packtaschen…haha.) Wir freuen uns beide über die unerwartete Begegnung und schmieden eine Allianz für den zweiten Teil der langen Strecke. Natürlich gibt es eine Menge zu erzählen. Da ohnehin kaum Verkehr herrscht, fahren wir die ganze Zeit nebeneinander. Es sind gerade auch solche Begegnungen, die das Salz in der Suppe von Radtouren sind.

In Kolka trennen sich unsere Wege, da Alexandra Quartier beziehen will, während ich noch eine Weile weiter radeln werde. Als ich mich beim Krämer verpflege, stoße ich auf ein Paar aus den Niederlanden. Sie sind mit einem kuriosen Tandem unterwegs. Ein Liegetandem, bei dem jeder unabhängig von dem anderen ein Rad antreibt! Sie sind mit der, im übrigen deutschen, Konstruktion im vierten Jahr unterwegs und hoch zufrieden. Ich finde es total klasse, wie kreativ Radler nach Möglichkeiten suchen, zusammen auf Tour gehen zu können, obwohl die Leistungsunterschiede sehr groß sind.

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Bei mittlerweile trockenem Wetter radel ich noch rund 40 Gegenwindkilometer. Gerne würde ich noch 20 oder 30 weitere km fahren, aber es gibt dort keinerlei Unterkünfte.
Als es, gerade nachdem ich mein Quartier beziehe, zu regnen beginnt, bin ich doch äußerst zufrieden mit meinem Quartier. Wie ich überhaupt mit dem heutigen Tag zutiefst zufrieden bin.

5 km südl. Roja, 125 km, total 1.560 km


14. Tag, 19.08.2016

Ich wache auf und sehe Schatten. Nicht an der Wand und auch nicht vor dem inneren Auge. Nein, ich bin noch nicht zu viel Rad gefahren. Ich sehe Schatten, wenn ich aus dem Terrassenfenster in den Garten schaue. Es sind Schatten von Bäumen und Gebäuden. Und wo Schatten sind, ist bekanntlich auch Licht. Und das kommt in diesem Fall von der Sonne. Hurra, es gibt sie noch.

Frühstück gibt es erst um 09:00. Das ist mir zu spät. Ich lebe von meinen Vorräten in den Satteltaschen und sitze um 08:00 im Sattel. Ich hoffe irgendwo einen Kaffee auftreiben zu können. Das dauert dann über eine Stunde. Ein Krämerladen hat eine Kaffeemaschine an der Kasse stehen.

Hmm…das tut gut. Bisher ist die Straße  rau und rumpelig. Ich komme heute nicht so richtig in den Tritt. Und das, obwohl ich gestern abend gut gegessen und dann tief und viel geschlafen habe. Aber mit dem Kaffee geht es dann doch merklich besser.

Die Straße wird besser und die Sonne sorgt für eine angenehme Wärme. Und das Meer ist auch wieder blau. Immer wieder kann ich einen Blick auf den Rigaischen Meerbusen werfen.

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Das relativiert die 5 Bft aus Südost (also genau von vorne). Ansonsten steht auch wieder viel geradeaus auf dem Programm. Aber heute ist die Dichte der Ortschaften größer. Spannend wird es noch einmal in einem mehrere Kilometer langen Baustellenabschnitt. Auf Einwegpisten werde ich immer wieder mit entgegen kommenden Fahrzeugen oder Baumaschinen konfrontiert, denn für die Ampelphasen bin ich natürlich zu langsam. Aber es läuft alles völlig stressfrei ab.

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Die Ansteuerung von Riga verläuft dagegen einfacher als gedacht. Bereits 20 km vor dem Zentrum stoße ich auf eine entsprechende Radwegestrasse. Die ersten 10 km sind hundsmiserabel. Die letzten 10 km sind total super. Und schon geht es über eine monumentale Brücke in die Altstadt.

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Riga ist total faszinierend und sicherlich ein ganzes Wochenende wert. Ich cruise rund drei Stunden durch die Stadt und verschaffe mir einen bleibenden Eindruck. Es sind hier einige sehr gestylte Menschen unterwegs, deren Einkommensgefüge wohl weit über dem lettländischen Durchschnitt liegen dürfte. Erfreulich stelle ich fest, dass hier auch einige stylische Fahrräder unterwegs sind.

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Und außerdem ist noch ein Radler unterwegs, dessen Namen ich leider nicht richtig wiedergeben oder gar schreiben kann. Denn er kommt aus Xian in China.

Er ist über die Seidenstraße gekommen und will weiter nach Rom. Der Bursche hat bereits über 10.000 km auf der Uhr. Wir tauschen uns eine ganze Weile angeregt aus und ich muss zugeben, dass diese Begegnung dann, trotz großer Stadtgeschichte, mein persönliches Riga Highlight ist!

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Riga, 123 km, total 1.683 km


15. Tag, 20.08.2016

Die Sonne steigt über den gegenüber liegenden Häuserblock und weckt mich sanft. Und sie macht mich richtig munter für den neuen Tag. Das ist auch gut so, denn  durch die Recherche zur Seidenstraße ist es gestern doch etwas später geworden…

Mir scheint, ein Samstag Morgen ist eine gute Zeit, um auf einem Fahrrad Riga zu verlassen. Es ist nicht viel los auf den Straßen. Am Rande der Peripherie mache ich es wie alle anderen Verkehrsteilnehmer auch und fahre ohne Umschweife ein Stück auf der Autobahn. Wenn man lange genug unterwegs ist, sinkt die Hemmschwelle für so etwas deutlich.

Die Sonne lacht weiterhin, es ist windstill und angenehm warm. Auch heute ist wieder ganz viel geradeaus angesagt. Aber es ist der erste Tag seit dem ersten Tag, an dem die Straßenbeläge ohne Einschränkung zum Rollen einladen. Und ich lasse es ordentlich rollen. Von meinem vierzehn Fahrtagen wiesen die letzten dreizehn meistens Schwächen bei den Belägen auf.  Daher freue ich mich über die heutigen Voraussetzungen besonders.

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In Saulkrasti schiebe ich noch einen Kulturblock ein und besuche ein Museum. Ein Fahrradmuseum!  Den Tipp habe ich von Alexandra. Ein richtig guter Tipp, wie sich herausstellt. Im Grunde ist es eine private Sammlung, die vom Betreiber zugänglich gemacht wird. Der Schwerpunkt liegt auf Rädern lettländischer Produktion. Einige Ausländer wie Opel, Bauer oder Dürkopp finden sich auch unter den wirklich hervorragenden Exponaten.

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Meine Fahrt führt mich weiter nordwärts. Von Ainazi bis Häädemeeste führt eine kleine Straße zwischen skandinavisch wirkenden Holzhäusern hindurch. Das Meer ist dabei in Sichtweite. Das ist der bisher schönste Streckenabschnitt der Tour.

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Es folgt der unspektakuläre Grenzübertritt nach Estland und die flotte Weiterfahrt bis Pärnu. Nach 14 Fahrtage ist Tallin nun auf direktem Wege nur noch 130 km entfernt. Da ich noch etwas Zeit bis zur Rückreise habe, werde ich nun noch einen Blick in die Karte werfen und mal schauen, was mich hier noch so lockt.

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Pärnu, 178 km, total 1.861 km


16. Tag, 21.08.2016

Was mich so richtig locken würde, wäre St. Petersburg. Doch dafür reicht leider (!) weder meine Zeit, noch mein Visum.

Daher beschließe ich nach einer kleinen Stadtrundfahrt durch Pärnu einen großen westlichen Bogen zu fahren, anstatt direkt nach Tallin zu radeln. Der Tag meint es gut mit mir. Es ist sonnig und warm. Ich freue mich darüber, wie auch gestern, ohne Arm- und Beinlinge radeln zu können und Sonne und Luft an die Haut zu lassen. Heute schiebt sogar etwas Wind von hinten.

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Die Landschaft ist abwechslungsreich. Wälder, Felder und Wiesen wechseln einander ab. Farmen und Holzhäuser unterschiedlichen Zustands lassen den Blick nach rechts und links schweifen. Das Fahren ist angenehm kurzweilig. Ganze Dörfer bestehen aus Holzhäusern.

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In Lihula entdecke ich ein süßes Café in einem alten Herrenhaus. Das Haus hat seine besten Zeiten längs hinter sich. Die Familie ist irgendwann in die Vereinigten Staaten ausgewandert und die Sowjetzeit hat das Gebäude auch nicht besser aussehen lassen. Aber das Café hat definitiv Charme.

Ich sitze gerade wieder im Sattel, als ich im Westen eine enorm dunkle Wolkenfront entdecke. Meinen besten Hut würde ich darauf wetten, dass mir ein fettes Unwetter im Nacken sitzt. Vor mir liegen noch 80 km.

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Ich will mein Fell so teuer wie möglich verkaufen und versuche, so lange es geht trocken zu bleiben. 48 km kurbel ich in weniger als einer Stunde und vierzig Minuten. Dann lösen sich die Wolken so spontan auf, wie sie gekommen sind.

Gut, dass ich niemandem zum Wetten gefunden habe. Ich kann meinen Hut behalten. Entspannt radel ich die verbleibenden 32 km zu meinem Quartier. Heute, nach 1.999 km,  gönne ich mir etwas Besonderes.


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Padise, 138 km, total 1.999 km


17. Tag, 22.08.2016

Was für ein entspannter Tag! Ich bin kurz vor dem Ziel und die Distanz entspricht eher der einer kurzen Trainingsrunde. Frühstück gibt es erst um acht, so dass ich ein wenig länger schlafe. Das Frühstück findet im dem beeindruckenden Ambiente des Padise Manor statt, einem Herrenhaus mit gelebter Familientradition.

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Die Familie stammt aus Deutschland und hat wohl über knapp 200 Jahre ein landwirtschaftliches Gut aufgebaut und betrieben. In den Wirren des zweiten Weltkrieges flüchtete die Familie vor den heranrückenden russischen Truppen und landete in den Vereinigten Staaten von Amerika. Mit der Öffnung des Ostens nach 1989 kamen der Sohn und der Enkel der Familie zurück nach Estland und bauten den Hotelbetrieb auf. Somit setzt sich die mit dem Herrenhaus verbundene  Familientradition fort.

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Ich fahre nicht auf direktem Wege nach Tallin, sondern schlage einen westlichen Bogen über wenig befahrene Straßen ein. Dabei entdecke ich weitere Herrenhäuser. Das muss hier wohl früher eine reiche Gegend gewesen sein. Zudem gelingt mir noch der ein oder andere Blick auf’s Meer, was mich sehr freut.

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Tallin fasziniert mit einer tollen historischen Kullisse an Gebäuden und Gassen. Natürlich wird es stark touristisch ausgeschlachtet, aber ich finde es dennoch charmant. Abseits des Haupttrubels gönne mir ein koffeinhaltiges Heißgetränk in einem Straßencafé. Ich komme mit einem deutschen Paar ins Gespräch. Die beiden sind mit einer AIDA Kreuzfahrt unterwegs und wir tauschen unsere Erfahrungen über das Baltikum aus.
Fast könnte man meinen, wir wären in völlig unterschiedlichen Regionen unterwegs, so unterschiedlich sind die Wahrnehmungen.

Ich werde zwei Nächte in Tallin bleiben, dann mit der Fähre nach Helsinki übersetzen und nach einer weiteren Übernachtung geht es mit dem Dampfer nach Travemünde. Über Tallin werde ich morgen noch etwas berichten.

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Langeweile muss hier am Abend jedenfalls  nicht aufkommen. Außerdem kann ich ja morgen so richtig ausschlafen…smile.

Tallin, 69 km, total 2.068 km


18. Tag, 23.08.2016

Auf wilden Wölfen durch die Stadt reitende weibliche Wesen habe ich gestern nicht mehr gesehen. Heute geht es auch alles andere als wild zu. Bei mir und auch bei den vielen anderen Besuchern Tallins. Und hier sind nicht wenige Besucher unterwegs. Denn Tallin ist ganz klar ein starker touristischer Anziehungspunkt.

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Die Ursprünge der Stadt reichen bis in die Mitte des 11. Jahrhunderts zurück, als auf dem heutigen Domberg eine hölzerne Burg errichtet wurde. In dieser Zeit wurde auch ein Hafen angelegt. Den Namen Tallinn trägt die Stadt seit der Eroberung durch den dänischen König Waldemar im Jahr 1219. Tallinn bedeutet so viel wie “dänische Stadt” oder “dänische Burg”.

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Dänen und Deutsche prägten den wirtschaftlichen Aufstieg der Stadt. So wurden beispielsweise 1230 rund 200 westfälische und niedersächsische Kaufleute angeworben. Es bestand ein enger Kontakt zur Hanse und Tallin wurde ein wichtiger Knotenpunkt im Ostseehandel. Die Stadt erlebte eine bewegte Geschichte bis hin zur sowjetischen Herrschaft nach dem zweiten Weltkrieg.

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1991 wurde Tallin Hauptstadt des unabhängigen Estland. Eine niedrige Steuerlast und und ein liberales Wirtschaftsumfeld trugen zu einem großen Wirtschaftswachstum bei. Im Süden der Stadt entstehen noch immer moderne Neubausiedlunden für die stärkeren Profiteure des Wohlstandes. Das habe ich gestern bei meiner Ansteuerung eindrucksvoll zu sehen bekommen. Das Preisniveau liegt auf westlichem Niveau. Insgesamt ist das ein starker Kontrast zu den Siedlungen um sozialistischen Stil.

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Tallin ist die wirtschaftstärkste Stadt des Landes und steuert 60% des estnischen BIP bei. Firmen mit großen Namen im Elektro- und Telekommunikationsbereich sind hier zu finden. Zudem existiert hier der größte Bankensektor des Baltikums. Vom Domberg betrachtet, bilden die modernen Geschäftsgebäude in Richtung Westen den Hintergrund für die pittoreske Altstadt. Aber natürlich ging es auch früher ums Geldverdienen.

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Ordentlich verdient wird heute auch mit dem Tourismus. In einem Gespräch beim Frühstück bedauert eine Dame, dass Tallin überhaupt nichts “natürliches” ,  vorzuweisen habe. Wir philosophieren zwei Kaffee lang um diese Thematik, ohne sie jedoch aufzulösen. Ich kann ihre Enttäuschung gut verstehen. Da reist die betagte Dame mit der Unterstützung ihrer Tochter extra hier her und findet sich in einem estnischen Disney Land wieder. Und nichts anderes ist es im Altstadtbereich. Jedes und zwar absolut jedes Geschäft und Lokal ist ganz und gar touristisch ausgerichtet. Als sie von meiner Reise hört, fragt sie interessiert und wissbegierig danach, wie es sonst so in den Ländern außerhalb der Städte aussieht. Wir beschließen das Gespräch beim einem gemeinsamen abendlichen Dinner fortzusetzen.

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Ich stürze mich ins Disney Land und kann ihre Ansicht immer besser verstehen… Morgens ist es zum Glück noch recht ruhig in der Stadt, doch sobald die Kreuzfahrer Land betreten ist Schluss mit lustig. Meine Kreise werden derweil größer und ich finde ruhige und lauschige Ecken. Am ehemaligen Knast vorbei, gelange ich zu einem abgefahrenen Café mit etwas bunterer Kundschaft. Nach dem Besuch des maritimen Museums, das mir gut gefällt, kehre ich zu dem coolen Laden zurück und lasse den Nachmittag auf’s Wasser blickend ausklingen.

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Eine gute Gelegenheit, die Tour in Ruhe wirken zu lassen. Davon und über ein paar Ausrüstungsgedanken (Fragen haben mich bereits erreicht) berichte ich dann gerne morgen noch einmal.

Tallin, Fußgängertag


19. Tag, 24.08.2016

Der Start ist heute echt hart. Prolog ohne Warmfahren. 1,77 km bis zum Fährterminal. Keine leichte Sache. Zumal mir kurz vor Erreichen des Ziels noch eine  weitaus preisgünstigere Variante für das Übersetzen nach Helsinki angeboten wird. Auch die Vertrauen erwecken wollende Namensgebung kann mich nicht überzeugen. Ich bleibe bei der Wahl des großen Schiffes.

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So verlasse ich die alte Stadt mit den vielen modernen Gesichtern. Die Überfahrt ist äußerst kurzweilig, da ich mit einem Motorradreisenden ins Gespräch komme.

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Helsinki empfängt mich mit dem netten Flair einer entspannten skandinavischen Großstadt und einer fantastischen Lage am Meer. Und einem Kaffeepreisniveau, dass deutlich über dem von Monaco liegt. Ich tingel gemütlich mit dem Rad durch verschiedenste Viertel. Von umgenutzen Hafenbereichen mit Szenekneipen bis zur Prachteinkaufsstraße ist alles dabei. Angenehm auffallend sind etliche ansprechend aufgebaute Single Speed Räder. Also eine Stadt mit Kultur…smile.

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Zum späten Nachmittag schlage ich den Weg zur Unterkunft ein. Ohne Herrn Garmin hätte ich den Weg wohl kaum gefunden, trotz der sicherlich gut gemeinten Beschilderung.

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Morgen sind es dann noch einmal 8 oder 9 km bis zum Fährterminal. Und dann werde ich die Passage nach Travemünde einfach nur genießen….

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Ein paar grundsätzliche Worte möchte ich noch zur Ausrüstungsorganisation verlieren.

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Wie ganz zum Anfang geschrieben, liegt das Ausrüstungsgewicht inklusive der Taschen bei 10,5 kg. Dazu kommt das unterwegs variierende Gewicht zweier 0,75 l Trinkflaschen sowie ein Ausgangsvorrat von rund 10.000 kcal. Da rede ich jetzt nicht von zwei Müsliriegeln, sondern von echten und wertigen Rationen. Mir ist es sehr wichtig, über einen gewissen Zeitraum autark sein zu können. Sinkt der Vorrat auf unter 5.000 kcal, stocke ich wieder auf. Insgesamt macht das noch einmal bis zu einem Kilogramm aus.

Ferner sind mir persönlich  die folgenden Aspekte wichtig:
-eine zivile Garnitur (Schuhe, Hemd, Hose möglichst ohne Outdoor Look)
-Zelt darf klein, muss aber starkregenfest sein
-ein Reservefaltreifen 28 mm
-gut funktionierende Luftpumpe mit Manometer (Also keine Minipumpe, die gefühlte 1.000 Hübe benötigt, um einen 28er Reifen zu füllen.)
-Ersatzspeichen, Zahnkranzabzieher, Kettennietdrücker, Kettenlink…

Die Reifen zeigen sich nach 2.100 km verschleißtechnisch völlig unbeeindruckt. Bei meinem Systemgewicht (Rad, Fahrer, Gepäck) von unter 100 kg traue ich einem Satz Reifen durchaus 8.000 bis 10.000 km zu ( bei einem Wechsel hinten / vorne nach 4.000 km). Bei schlechten Straßen fuhr ich die Reifen mit 4,5 bar, bei guten Oberflächen mit 6 bar.


ORGANISATION GEPÄCK:

LENKERTASCHE - Regenjacke, Überschuhe, Windjacke u. -weste, Bein- u. Armlinge
PACKTASCHE LINKS - alles was trocken bleiben muss. Die Tasche wird im Regelfall unterwegs nicht geöffnet. Daunenschlafsack u. -jacke, zivile Bekleidung, Universalnetzteil mit Kombistecker, ggf. Dokumente, 5.000 kcal Reserve….
PACKTASCHE RECHTS - die Servicetasche für alles was zur Hand sein muss. 5.000 kcal, Kettenschmiermittel, Werkzeug, Reservereifen, Luftpumpe, Straßenkarten, Stahlkabel als Ergänzung zum Schloss, Kamera, Kulturbeutel, Lesebrille….
GEPÄCKTRÄGER - Schuhe (gelbes Säckchen), Zelt (grün), Schloss
SATTELTASCHE - Reserveschlauch, Flickzeug, Reifenheber, Multitool…


ORGANISATION TRIKOT TASCHEN
(hinten - von links nach rechts)
Smartphone // Sonnenbrille, Schweizer Messer  (große Ausführung mit langer, arretierbarer Klinge, damit man auch Brot schneiden kann. Und mit Korkenzieher…) // Übersichtskarte (erleichtert unterwegs die Kommunikation), Löffel // Reißverschlusstasche mit den wichtigsten Karten und Bargeld für drei Tage. // Brusttasche: Signalpfeife ( über 100 Dezibel) verschafft bei unangenehmen Situationen Zeitvorteil gegenüber Vier- und Zweibeinern.

Den Löffel führe ich mit, da ich gerne Joghurt esse. Nachdem mir in relativ kurzen Zeitabständen zwei high tech Kunstfasermodelle gebrochen sind, setze ich nun die heavy duty Metallausführung mit viktorianischer Prägung. Eine freundliche Leihgabe eines britischen Hotels.

Bis auf Werkzeug, Ersatzteile (toi, toi, toi) und Zelt/Schlafsack sind alle Ausrüstungsbestandteile zum Einsatz gekommen. Ich hatte also nichts Überflüssiges dabei. Was ich (vielleicht) beim nächsten Mal ergänzen würde, wäre eine Klingel. In von Radfahrern stärker frequentierten Abschnitten macht sie das Leben einfacher. Es gibt doch so Bedarfsklingeln, die sich provisorisch befestigen und nach der Tour wieder demontieren lassen. ( Keines meiner Räder verfügt aus ästhetischen Gründen über eine derartige Einrichtung.)

So liebe Leser. Ich hoffe die Lektüre war kurzweilig und es hat Spaß   gemacht sie zu verfolgen. Mir hat es großen Spaß bereitet zu fahren und zu schreiben. Verzeiht den ein oder anderen Schreibfehler. Diese Smartphone Mäusetasten sind nach langen Tagen auf dem Rad irgendwie suboptimal. Einen ausführlichen Bericht wird es Herbst auf meiner Homepage geben.

Und einen ganz besonderen Dank möchte ich an Lars aussprechen, der mein Geschriebenes und die Fotos in die ABC Homepage eingebaut hat.

Baltikum-Tour

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Baltikum 2016 - Tag 0, 05.08.2016

Es ist mal wieder so weit. Das kleine Fernweh hat mich gepackt und es geht wieder los. Von zu Hause aus zu starten hat dabei für mich einen besonderen Reiz. Es ist das Gefühl, direkt in die Welt hinaus zu fahren, wieder etwas Neues zu entdecken. So plane ich vom nördlichen Schleswig-Holstein der Ostseeküste bis Tallin zu folgen.  Das Gepäck fällt auf dieser Tour nicht ganz so spartanisch aus, denn Zelt, Isomatte und Schlafsack sind mit dabei. Da ich in den Stockhlomer Schären in der zweiten Augusthälfte schon Nachttemperaturen von  vier Grad Celsius erlebt habe, sorge ich ausrüstungstechnisch entsprechend vor. Mit dem Gesamtgewicht von 10,5 kg (inkl. Taschen) bin ich daher sehr zufrieden. - Morgen geht es los!

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Tag 1, 06.08.2016

Ich sitze seit 750 Metern im Sattel und schon kommt die erste Steigung. Nix Wildes, aber ich merke die Steigung deutlicher als gewohnt. Seit den knapp 560 km beim 24h Rennen vor drei Wochen habe ich nicht wirklich seriös im Sattel gesessen und ich bekomme fast ein schlechtes Gewissen. Aber das ist natürlich Quatsch. Es ist das Gepäck, welches die Fahrt so ungewohnt erscheinen läßt.

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In Kiel wartet eine Stärkung in Form einer sehr angenehmen Kaffeepause. Beim anschließenden Start regnet es und ich stelle fest, dass ich beim Packen die alten löchrigen Überschuhe erwischt habe. Was hatten die den noch im Schrank zu suchen?  Das hat man davon, wenn man solche Sachen nicht konsequent entsorgt. Haha. Zum Glück liegt ein größere Radladen auf dem Weg, sodass ich für Ersatz sorgen kann. (Und die alten Teile entsorge.)

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Die Fahrt quer durch Ostholstein läuft dann wirklich flott. Einerseits schiebt ein ordentlicher Westwind und andererseits sind die Beine doch nicht wirklich schlecht.

Mit der Priwall-Fähre setze ich auf die Ostseite der Trave und setze die Fahrt fort. Ich peile den Campingplatz in Boltenhagen an. Wenige Kilometer vor Boltenhagen entdecke ich durch Zufall eine Radler Herberge. Trotz des Belegt-Schildes stoppe ich und frage nach einem Platz.

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Hurra, ich habe Glück. Bei Suppe,  Kartoffelsalat und Würstchen klingt der Tag mit Radler -Gesprächen aus. Schön wieder unterwegs zu sein.

Elmenhorst, 162 km


Tag 2, 07.08.2016

Hmm…eine zweite Tasse Kaffee und überhaupt ein herrliches Frühstück. Wie könnte der Tag besser beginnen? Draußen ist es trocken und der Westwind wird auch heute mein Begleiter sein.

Zügig gelange ich nach Wismar und genieße diese schöne Stadt. Nordostwärts geht es an der Insel Poel und am Salzhaff vorbei.

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Kühlungsborn zur Haupturlaubszeit wird höchstgradig touristisch belagert. Den Weg nach Warnemünde verlagere ich etwas ins Landesinnere, um den vielbefahrenen Ostseeradweg zu meiden.

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In Warnemünde bin ich regelrecht erschrocken. Der gesamte Ort gleicht einer Kirmes. Ich habe nach der Wende einige Zeit in Warnemünde gearbeitet und muss enttäuscht sagen, dass der Ort kaum etwas von seinem Charme erhalten hat.

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In Graal-Müritz, wo ich damals wohnte, finde ich ein nettes und preisgünstiges Quartier. Abends schlendere ich noch durch den Ort und am Strand entlang.

Graal-Müritz, 118 km, total 280 km


3. Tag, 08.08.2016

Ein leckeres und reichhaltiges Frühstück bei Heidemarie (im Hotel Heidemarie) und der Tag ist mein Freund. Sonnenschein und Westwind tun ihr übriges. Auf in den Sattel und ab die Post.

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Rasch ist die Halbinsel Fischland Darß erreicht.Das Radeln gefällt mir dort außerordentlich gut. Im Wesentlichen gibt es sogar eine gute Radinfrastruktur. Immer wieder nutze ich die Chance über die Dünen einen Blick auf das aufgewühlte Meer zu werfen und genieße den Ausblick und die Atmosphäre.

So eben vor einer Regenfront erreiche ich nach knapp 100 km um 1415 Stralsund. In einem Bio Café mit Bio Ware und reichlich Bio Kundschaft nasche ich gehaltvollen Bio Kuchen.

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Das stellt sich dann als wirklich gute Stärkung heraus. Denn auf dem Weg nach Greifswald erwarten mich rund 20 km Kopfsteinpflaster. Na super. Das hat mir noch gefehlt. Immerhin bleibt es trocken. Das Pflaster ist einigermaßen  befahrbar, nervt aber dennoch. Und es bremst natürlich. Ich bin froh das Tempo zwischen 15 und 17 km/h halten zu können.

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Von Greifswald aus fahre ich noch an den Peenestrom und beende in Wolgast den Radfahrtag. Nur noch etwas mehr als 40 km bis zur ersten Landesgrenze der Baltikum Tour.

Wolgast, 162 km, total 442 km


4. Tag, 09.08.2016

Auf geht’s. Der erste Grenzübertritt der Tour wartet. Über die Treene Klappbrücke gelande ich auf die Sonneninsel Usedom. So die Eigenwerbung. In der Tat habe ich Glück mit dem Wetter. Auch hier stoße ich auf radtouristische Infrastruktur. Diese ist jedoch eher auf die Gelegenheitskurzstreckenradler ausgelegt. Als Reiseradler mit einigen Kilometern vor der Brust, fühle ich mich manchmal genervt. Aber es ist natürlich schon löblich, Rad- und Kraftfahrzeugverkehr voneinander zu trennen.

Zu der Form von Tourismus kommt mir ‘Billigbudenzauber’ in den Sinn. Leider finde ich kaum Gegenbeispiele, die dies entkräften könnten.

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Hin und wieder gönne ich mir daher einen Blick auf das Meer. Das ist wenigstens eine ehrliche Sache. Ich entdecke eine Skulptur und schieße spontan ein Foto. Irgendwie finde ich das Motiv klasse. Bei der Weiterfahrt sinniere ich über einen möglichen tieferen Sinn, bringe es aber nicht auf den Punkt. Nun, bis zum Ende der Tour bieten sich mir ja noch reichlich Gelegenheiten, dieser Frage auf den Grund zu gehen.

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Der Grenzübertritt ist dann zwar unspektakulär, aber völlig rummelig. Ich hätte auch ehrlich gesagt nicht gedacht, dass der Unterschied zwischen dem östlichen Mecklenburg Vorpommern und Polen derart deutlich ist. Ich bin froh Swinemünde hinter mir zu lassen.

Bei der Weiterfahrt sind die Straßen mal gut, mal besonders schlecht. Aber in jedem Fall sind die polnischen Autofahrer sehr viel rücksichtsvoller als die westlichen Nachbarn.

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Ich werfe den ein oder anderen Blick in überfüllte Küstenorte und an nette Strände. In Trzebiatow steige ich für die Nacht ab.

127 km, total 569 km


5. Tag, 10.08.2016

Was für ein Tag! So einen Tag erlebt man wohl auch nur auf Touren. Facetten- und erlebnisreich mit breiter Abdeckung des Spektrums.

Nach den gestrigen ersten, doch gewöhnungsbedürftigen  Eindrücken,  fühle ich mich nun einigermaßen angekommen. Das liegt ganz stark daran, dass ich neben touristischen Hot Spots auch normale, gewachsene Orten mit ihrem Alltagsleben erlebe. Und das vermittelt einen ganz anderen und vor allem angenehmeren Eindruck. Besonders gut gefällt mir Kolberg mit seinem Hafen.

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Kolberg verfügt auch über eine ausgeprägte Fahrradinfrastruktur. Überhaupt wird hier viel mehr Rad gefahren, als ich gedacht hätte. Im Alltag, zu Sportzwecken und im Urlaub sowieso. Auch einer handvoll Tourenradler begegne ich.

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Meine Route führt mich so gut es geht an der Küste entlang. Von der Radwegetrasse mit Flüsterasphalt bis hin zum Schotterweg ist alles dabei. Etliche Kilometer Spurplattenweg, die mit den Längslöchern (fährt sich fast wie Radengitterstein), rangieren dabei im Mittelfeld. Teilweise starker Verkehr, wie auch Straßen,  deren seitlicher Meter quasi für Fahrräder nicht befahrbar ist, kosten enorm viel Konzentration.

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Gutgemeinte Radwege mit längs verlegten Pflastersteinen sind für 28 mm Reifen die Hölle. Die Reifen fädeln immer wieder in die Rillen ein, was das Fahren enorm unangenehm macht.

Insgesamt bin ich mit dem etwas kühleren aber sonnigen Tag voll zufrieden und komme glücklich in Ustka an.

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In einer ex sozialistischen Ferienanlage finde ich ein passables Quartier. Mein Rad soll draußen vor der Tür bleiben. Mit auf das Zimmer darf ich es nicht nehmen. Ja ne, ist klar. Ich suche und finde einen Nebeneingang ins Haus. Mein Rad schläft heute Nacht neben meinem Bett…smile.

Ustka, 152 km, total 721 km


6. Tag, 11.08.2016

Regen prasselt an die Fensterscheibe. Ein schwerer Wolkenbruch geht nieder. Dennoch nehme ich das Ganze nur gedämpft, wie in Watte gepackt, wahr. Ich schlafe schon fast und bin mir nicht einmal sicher, ob ich das nicht vielleicht nur träume. Es ist auch egal. Ich kuschel mich noch tiefer in die Bettdecke und dämmere endgültig weg.

Ganz und gar nicht egal ist es mir, als ich am Morgen von  schwerem Regen, der an die Fensterscheibe prasselt, geweckt werde. Es reicht ein Auge zu öffnen, um den bedrohlich herbstlichen Himmel zu inspizieren. Na toll!

Der Frühstückssaal und das Buffet versprühen den unzuleugnenden Charme der sozialistischen Herberge. Aber die Auswahl ist handfest und vor allem gut für hungrige Radler. Obwohl ich gut zulange, beschleicht mich das Gefühl, von allen Anwesenden am wenigsten zu verputzen. Was durch die figürlichen Umrisse allerdings mehr als bestätigt wird. Da ist nix mit Arbeitern und Bauern. Hier regiert der postsozialistische Wohlstand.

Beim Start regnet es noch immer heftig. Ich kurbel noch etwas durch den Ort und am Hafen entlang, gönne mir noch einen Kaffee und dann geht es unweigerlich los. Unterwegs nass zu werden ist eine Sache, im Regen zu starten eine andere…

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Ich folge der geplanten Route und fahre quer durchs Land in die grobe Richtung Danzig. Aufgrund der gestrigen Erfahrung mit den Straßen bin ich sehr skeptisch. Denn ich habe mir ausschließlich kleinere Landstraßen ausgesucht. Allerdings werde ich auf das Angenehmste überrascht. Im Großen und Ganzen rollt es recht gut und auf den üblen Abschnitten herrscht so wenig Verkehr, dass ich mühelos die Linie der geringsten Erschütterungen fahren kann.

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Ich bin sehr froh mit meinem fernreisetauglichen Pure Bros unterwegs zu sein. Mein Randonneur wäre hier mit der super sportlichen Auslegung fehl am Platz. 2 bis 3 cm mehr Radstand, erreicht durch einen längeren Hinterbau und einen flacheren Gabelwinkel, wirken bei fast gleicher Oberrohrlänge eben doch wahre Wunder.

Das Touren gefällt mir hier abseits der touristischen Bereiche sehr gut. Felder und Wälder wechseln sich ab. Die Topographie ist leicht wellig. Ich komme durch aufgeräumte Dörfer und schätze die kleinen Läden als Versorgungsstationen.

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Aufgrund des mehr oder weniger ständigen Regens beschließe ich in Lebork (Lauenburg in Pommern) nach 85 km ein Quartier zu beziehen. Mit Stand gestern Abend liege ich rund 1 ¾ Tag vor meinem Zeitplan und kann mir somit  heute eine Halbetappe gönnen. Es bleibt mir ein Plus von 1 ¼ Tag.

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(Mit 111 km pro Tag erreiche ich meine Fähre nach Travemünde rechtzeitig. Großartige Puffer sind in meiner Planung nicht enthalten. In Estland könnte ich zur Not abkürzen und rund 160 km einsparen. Im Grunde basiert mein Konzept darauf, an guten Tagen Puffer für die schlechten Tage zu erkurbeln. Bei dem flachen Gelände sollte das klar gehen. Die große und wirklich spannende Unbekannte bleibt jedoch der Straßenzustand. Nun, wir werden sehen…)

Lebork/Lauenburg i. P., 85 km, total 806 km


7. Tag, 12.08.2016

Neben Radfahren ist hier Schlafen meine Hauptaktivität. Ich genieße jede Nacht neun Stunden erholsamsten Schlaf. Das schaffe ich kaum im Alltag.

Als beim Frühstück am Tisch gegenüber ein weibliches Wesen im Nachthemd und seidenen Morgenmantel mit einem Kaffee Platz nimmt, träume ich jedoch nicht mehr. Vielleicht ist sie ja irgendwie auf Montage. Viele Landsleute arbeiten ja auswärts.

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Anschließend hole ich mein Rad aus dem Konferenzraum, rüste auf und ab geht es. Die Route führt mich durch traumhafte Landschaften. Die Topographie ist recht bewegt. In den Höhen durchfahre ich Wälder mit kleinen Seen. In den unteren Lagen dominiert Agrarlandschaft mit entsprechenden Dörfern. Mir gefällt das alles bestens. Die Straßen sind super, bis auf ein paar Tropfen bleibt es trocken und der Westwind unterstützt noch immer. Noch nie bin ich fast eintausend Kilometer mit Rückenwind gefahren.

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Die Peripherie von Danzig begrüßt mit dem angenehmen Hinweis, die Autofahrer mögen einen Meter Abstand zu Radfahrern halten. Was sie auch ausnahmslos tun. Leider habe ich meinen Hut vergessen. Danzig Downtown überrascht mit einer ausgezeichneten Radinfrastruktur. Völlig stressfrei gelange ich in die Altstadt. Und auch wieder heraus. Die Altstadt von Danzig ist außerordentlich. Zum richtigen Genießen ist es jedoch deutlich zu überlaufen. Ich cruise etwas herum und finde ein ruhiges Café.

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Ich möchte mir für morgen noch eine gute Ausgangsposition sichern. Der Vormittag war super und läßt sich mit Sicherheit nicht toppen. Daher versuche ich es auch gar nicht und halte es pragmatisch. Anstatt im Delta der Weichsel im Zickzack um irgendwelche Entwässerungsgräben zu kurven, donner ich Kette rechts und im Lenkeruntergriff auf der Nationalstraße 7 entlang. Die Geschwindigkeit pendelt sich zwischen 27 und 29 km/h ein. Das ist auch gut so, denn im Grunde gibt es dort nichts. Selbst dem Garmin wird langweilig und anstatt Ortschaften vorab zu melden, ist sein einziger Kommentar “Fährt südostwärts”.

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Elblag (Elbing) wird mein Tagesziel und überrascht mich mit einer schönen Innenstadt nach historischem Vorbild. Mein treues Rad schläft wieder neben dem Bett.
Es sind noch etwa 60 Kilometer zur russischen Exklave Kaliningrad. Ich muss zugeben, die Spannung steigt enorm…

Elblag, 141 km, total 947 km


8. Tag, 13.08.2016

Es wird ein Tag mit Regen. So viel ist sicher. Der Blick in den Himmel scheint den Wetterbericht zu bestätigen. Doch was ist auf so einer Tour schon wirklich sicher? So ziehe ich die für den Start angelegte Regenjacke wieder aus und wechsle zur Windweste, die mir bei dem leichten Nieselregen als Schutz genügt.

Die Route führt am Rande eines Nationalparks entlang, dessen Namen ich weder aussprechen noch schreiben kann, ohne irgendwelche Verknotungen zu riskieren. Es sind auch ein paar Höhenmeter zu bewältigen. Rechts von mir ist dichter Wald und nach links blickend, sehe ich bereits das Haff, welches bis Kaliningrad reicht.

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In Frombork an diesem Haff investiere ich mein restliches polnisches Münzgeld in Illy Kaffee. Eine gute Investition. Und eine gute Pause. Innerhalb kürzester Zeit treffe ich insgesamt fünf Tourenradler. Ortlieb Packtaschen sind quasi das D-Schild der Tourenradler. So komme ich mit einem Berliner Paar ins Gespräch. Sie sind ebenfalls auf dem Weg nach Norden und fiebern auch dem Grenzübertritt entgegen.

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Die Sonne kommt heraus und nach wenigen Kilometern erreiche ich den Grenzübergang. Bis auf eine handvoll Pkw gibt es nicht viel abzufertigen. Vielleicht auch deshalb verfolgen die Grenzer ihren Job extrem akribisch. Es hat definitiv etwas Respekt einflößendes und sollte äußerst ernst genommen werden. Ich muss zugeben, dass die Grenzer auf mich bedrohlich, wie Vergessene aus dem kalten Krieg, wirken.

Nach diversen Schlagbäumen und verschieden Uniformierten bin ich mit der Pass Prozedur durch und glaube einreisen zu können. Aber-Überraschung! Eine sehr streng schauende Grenzerin verlangt die Öffnung einer Packtasche. Oh nein! Sie weist ausgerechnet auf die rechte Tasche, die Werkzeug, Ersatzteile und technischen Kram enthält. Ich erinnere mich an die letztjährigen Komplikationen am Istanbuler Flughafen und rechne mit dem Schlimmsten. Also packe ich ruhig aus und erläutere jeden Gegenstand wie bei der Sendung mit der Maus. Ich bin ziemlich sicher, dass sie das Zeugs überhaupt nicht interessiert, sondern sie mich einfach etwas provozieren und testen will. Da ich mich völlig unbeeindruckt zeige, kann ich nach dem vierten Teil wieder einpacken. - Ich bin drin.

Russland empfängt mich freundlich. Die Straßen sind top. Fahrzeug und Fahrweise haben deutlich Luft nach oben. Aber zum Glück sind die Straßen  breit genug. Mit den Menschen werde ich auf Anhieb warm.

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Glücklicherweise ist es Samstag Nachmittag. Somit gelange ich entspannt über mehrspurige Ausfallstraßen in die Stadt Kaliningrad. Wochentags ist das bestimmt ein anderer Schnack. Seit der Grenze navigiere ich hybrid, halb GPS und halb Old School. Herr Garmin kennt hier keine Kartengrundlage. Somit folge ich meinem geplanten Track auf weißem Untergrund. Eine vorher nicht bekannte Unterkunft aufzusuchen, erfordert schon eine gewisse Kreativität.

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Bereits am frühen Nachmittag bin ich geduscht und stadtfein. Kaliningrad hat viele Gesichter und die Stadt beginnt mich zu faszinieren. Die Sonne scheint, Menschen flanieren über ihre Lieblingswege durch Parks und an Stadtkanälen entlang. Und sie haben sich dazu schick angezogen. Welch wunderbarer Kontrast zu dem “Bierbauch-Hemd über Dreiviertelhose-Outdoorsandalen mit Socken” - Bild, das sich mir von der deutschen und polnischen Ostseeküste so eingebrannt hat.

Kaliningrad, 111 km, total 1.058 km


9. Tag, 14.08.2016

Mich hat der Gedanke gelockt, einen Tag in Kaliningrad zu verweilen. Aber einerseits ist mein Zeitplan etwas knapp und andererseits finde ich den Gedanken mich zur morgendlichen Hauptverkehrszeit aus Kaliningrad heraus zu ackern wenig erquickend.

So nutze ich die morgendliche sonntägliche Ruhe, um aus der Stadt heraus zu kommen. Und auch das hat seinen eigenen Reiz. Der Stadt beim Erwachen zuzuschauen. Die Stadt in der russischen Exklave tickt nicht viel anders als westliche Großstädte. Hundebesitzer führen ihre Vierbeiner Gassi, sportlich gestylte Menschen joggen in Parkanlagen, alte Frauen nehmen den beschwerlichen Weg zur Kirche auf sich.

Deutlich leichter als erwartet gelange ich mit meiner speziellen Navigation in die Peripherie der Stadt. Manche Ausfallstraßen weisen sogar Radwege auf. Mir begegnen zu der frühen Stunden, trotz des wechselhaften Wetters, auch einge Rennradler. Die im Übrigen ebenso auf der Straße fahren, wie ich auch. Es rollt dort einfach besser und es herrscht kaum Verkehr. Und alle grüßen freundlich, was mir in Polen niemals passiert ist.

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Quietschvergnügt über das problemlose Vorankommen steuer ich auf die Kurische Nehrung zu. Und es kommt, wie es kommen muss. Irgendwann geht die Nationalstraße in eine Autobahn über und kein Verkehrsplaner hat an die Radfahrer gedacht. Noch bevor ich meine Optionen durchdenken kann, entdecke ich einen Rennradfahrer auf der Autobahn. Er kommt in meine Richtung. Ich wechsel schnell die Seite, um ihn abfangen zu können. Radfahrer kennen keine sprachlichen Barrieren und schnell ist mein Problem erläutert. Gelassen deutet er mir an,  es gäbe keine Alternative und ich solle einfach bis zur nächsten Abfahrt die Autobahn benutzen. Na dann ist es eben so. Wir schießen noch ein Selfie und wünschen uns einen guten Weg. Ich habe ja eh ein Faible für Radeln auf Autobahnen und muss schmunzelnd an Tirana in Albanien denken (Transcontinental Race 2015).

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In Zelenogradsk bekomme ich den garantiert besten Kuchen der ganzen Tour serviert. Was Elena, das Café ihrer Mutter und der Song “Wind of change” (ich glaube von den Scorpions) damit zu tun haben, würde hier zu weit führen. Erst über eine Stunde nach dem ersten Kaffee breche ich dann doch auf. Zum Glück ist es draußen kühl und windig. Denn dadurch realisiere ich nach rund einhundert Metern, dass Helm und Kappe noch im Café liegen.

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Die Kurische Nehrung mit rund 100 km wildem Sandstrand beeindruckt mich sehr. Ein steifer Westwind lässt die Brandung auf den Strand rollen und das gewaltige Rauschen begleitet mich während der gesamten Passage.
Auf etwa der Hälfte der Strecke steht der Grenzübertritt nach Litauen an. Mein Fahrtag verkürzt sich ad hoc um 1 ½ Stunden. Trotz dreisten Vordrängelns an den Autos vorbei, schaue ich mir über eine halbe Stunde lang verschiedene Schlagbäume an, vor denen ich warten muss.

Mit der erfolgreichen Einreise nach Litauen darf ich dann umgehend meine Uhr eine Stunde vorstellen. Ich befinde mich in der Zeitzone der osteuropäischen Sommerzeit (UTC + 3 Stunden). Die Pause in Nida mit dem skandinavisch baltischem Charme ist absolut nett. Im Anschluss geht es dann forsch nach Klaipeda. Schließlich schreitet die Zeit weiter voran.

Der Radweg ist übrigens total empfehlenswert. Es rollt nicht viel schlechter als auf der Straße und ich werde von der Straße weggeleitet und fahre  direkt am Dünengürtel entlang. Ein paar Schritte die Dünen hinauf und ich kann auf das Meer schauen. Ein Traum!

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Klaipeda, 147 km, total 1.205 km


10. Tag, 15.08.2016

Eine neue Erfahrung! Also nicht ganz neu, aber neu für diese Tour. Gegenwind! Und zwar nicht zu knapp. Nachdem ich mit Rückenwind bis nach Kaliningrad gekommen bin, wendet sich das Blatt nun.

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Anfangs schützen mich noch Bäume und der Dünengürtel. Denn ich bin, ohne es bewusst geplant zu haben, auf der Route eines Fernradweges unterwegs. Und diese führt mich von Klaipeda über rund 40 km fast bis an die  Grenze zu Lettland. Mit einer hervorragende Oberfläche schlängelt sich der Weg fernab von Straßen direkt an der Küste entlang. Ein absolutes Highlight. Immer wieder nutze ich die Chance für einen Moment am Wasser zu verweilen und auf’s Meer zu schauen. Auch deswegen bin ich hier.

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Die letzten Kilometer zur Grenze offenbaren, was die Straßenkarte gestern am Abend schon angedeutet hat. Lange Geraden und quasi keine Ortschaften. Auf rund 60 km! Bei Starkwind von vorne links. Zum Glück fahre ich so etwas nicht zum ersten Mal.

Ich greife den Lenker tief, mache mich klein und versuche so dem Wind zu trotzen. Da muss man dann eben für zweieinhalb Stunden mal durch. Zu sehen gibt es nichts mehr aufregendes. Wald, Heide und Wiese im Wechsel. Ich stelle den Garmin Navigator so ein, dass ich die nächsten 60 km in dem Minidisplay komplett überblicken kann und schalte auf Autopilot. Ein Auge für die Straße und eins nach innen gewandt für Gedanken. Gedanken, die liegen geblieben sind, weil im Alltag mal wieder nicht genug Zeit dafür war. Gerade auf solchen Streckenabschnitten genieße ich die (für mich) kontemplative Seite des Radfahrens.

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Kurz vor Nica (etwa ¾ der Strecke) realisiere ich, dass die Häuseransammlung groß genug für einen Krämerladen sein könnte. In der Tat stoße ich erfreut auf einen Laden. Und auf ein Radlerpaar aus Ulm. Das Hallo ist groß und wir freuen uns nach den einsamen Kilometern erst recht über einen Austausch.

Die beiden sind etwa in meinem Alter und haben vor erst zwei Jahren das Radreisen entdeckt. Damit es leistungsmäßig zusammenpaßt, fährt sie ein E-Bike. Sie sind auf Usedom gestartet und fahren bis nach Vilnius. Größtenteils sind wir die selbe Route gefahren. In Kaliningrad haben wir sogar im selben Hotel genächtigt (an verschiedenen Tagen). Es ist total interessant, wie unterschiedlich unsere Wahrnehmungen und Erfahrungen dennoch sind.

Den beiden gebührt mein voller Respekt! Ich finde es total super, wie die beiden unterwegs sind. Wer etwas will, findet eben Wege.

Auf dem Weg nach Liepaja erwischt mich dann noch ein formidables Unwetter. Natürlich gibt es hier keinerlei Unterstellmöglichkeiten. So einen Starkregen habe ich auf der ganzen Tour noch nicht erlebt. Und der gestrige Vormittag war schon nicht wirklich trocken. Westlich von mir zieht der Rüssel einer Windhose seine Bahn. Ich behalte die Sache im Auge, halte sie jedoch von der Zugrichtung her für unkritisch.

Ursprünglich wollte ich 50 km weiter fahren, wo es die nächsten Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Angesichts des Wetters lasse ich es jedoch für heute gut sein. Immerhin gelingt es mir nachmittags zwischen zwei Wetterfronten den netten Ort zu erkunden. Eine überschaubare Stadt mit Straßenbahn, Holzhäusern einer kleinen Universität und vielen jungen Leuten.

Liepaja, 105 km, 1.310 km


11. Tag, 16.08.2016

Herzlich willkommen in Liepaja! Liepaja ist die Stadt der Winde…- so die Touristik Broschüre. Und was soll ich sagen? Stimmt! Und zwar die Stadt der nördlichen Winde. Der 6 bis 7 Beaufort starken Winde um genau zu sein. Das Ganze wird zur Frühstückszeit von schweren Regenfällen begleitet. Das Wetter wird zwei bis drei Tage Bestand haben und vor mir liegen 200 Kilometer eines eher ausgedünnten Küstenabschnittes. Ortschaften sind selten, Übernachtungsmöglichkeiten mit festem Dach über dem Kopf noch seltener. Ich entscheide mich für einen Pausentag. Nach 10 Tagen im Sattel und 1.310 zurückliegenden Kilometern kann ich das gut mal haben.

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Liepaja/Liebau ist seit über 750 Jahren besiedelt und gegenwärtig leben, arbeiten und studieren hier rund 70.000 Menschen. Mit der netten Innenstadt kommt mir die Stadt allerdings sehr viel kleiner vor. Speichergebäude, Holzhäuser und Jugendstilarchitektur prägen das Stadtbild.

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Mit dem Eisenbahnabschluss von 1869 entwickelte sich Liebau zu einem bedeutenden Industriezentrum. 1899 wurde die erste elektrische Straßenbahn des Baltikums in Betrieb genommen. Der Orts- und Hafenbereich Karosta wurde zu einer großen Flottenbasis ausgebaut. Zwischen 1906 und 1914 gab es direkten Schiffsverkehr nach New York und mehrere hunderttausend Auswanderer nutzten diesen Hafen.

Unter sowjetischer Führung wurden zwischen 1945 und 1990 Industrie- und Fischereibetriebe eingerichtet. 1974 hatte Liebau rund 100.000 Einwohner. Mehr als die Hälfte waren aus Russland angeworbene Arbeiterfamilien. Seit 1995 erblüht die Wirtschaft wieder. Schwerpunkte sind Stahlwaren, Möbel, Textilien und ein wachsender Dienstleistungssektor.

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Ich bin gestern (für 35,-Euro) im Fontaine Hotel Royal abgestiegen und verlängere meinen Aufenthalt um eine Nacht. Das Haus liegt an der beliebten Hafenpromenade. Zu Sowjetzeiten war dies ein gesperrter Bereich. Nun siedeln sich hier Gastronomie-, Hotelbetriebe, Musik Clubs und Szenetreffs an. Der Kontrast zwischen alter Industrie- /Hafenumgebung und aufstrebender Eleganz sorgt für einen charaktervollen Charme.

Mit Spazierpassagen zwischen den Schauern, Caféaufenthalten, Leute gucken und das Treiben der Stadt verfolgen, verbringe ich den Vormittag. Für den Nachmittag nehme ich mir den Besuch der hauseigenen Sauna vor. Draußen ist es eh mehr Herbst als Sommer. Alles in allem hätte ich es heute schlechter treffen können…smile.

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12. Tag, 17.08.2016

Der Plan sah Nieselregen vor. Wieso der Plan? Die gestrige Überlegung zu dem Pausentag basierte auf der Abwägung, Starkwind von vorne, stürmische Böen und sintflutartige Regenschauer (gestern) gegen Dauerniesel und mäßigen Gegenwind einzutauschen. Also die Front durchziehen zu lassen, um anschließend im Warmluftsektor zu fahren.

Bis zum Frühstück geht die Rechnung auf. Just zum Start regnet es richtig stark. Egal. Kette noch einmal schmieren und los. Nach zehn Minuten ist der Zauber zum Glück vorbei. Es bleibt eine Weile trocken, bis dann Nieselregen einsetzt. Dieser hält den ganzen Tag an und wird zwischenzeitlich durch normalen Regen verstärkt, welcher allerdings nie länger als eine Viertelstunde anhält.

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Das Radfahren ist heute durch ganz viel geradeaus geprägt. Die Straßenqualität reicht von Flüsterasphalt (wahrscheinlich EU Ruhezonen konform) über Brüllasphalt (festgefahrener Splitt, Mindestgröße 15 mm) bis hin zu Naturstraßen. Und alle denkbaren Zwischenstufen. Interessant sind auch Flickenasphaltdecken oder Spurrinnen, so tief, dass man mit der Kurbel Bodenkontakt bekäme. Zudem stehen die Rinnen derart voll Wasser, dass Lkw-Reifen Wasserfontänen von eineinhalbfacher Lkw-Höhe produzieren. Heute ist also nichts mit Autopilot. Höchste Konzentration ist angesagt. Obwohl es nur geradeaus geht.

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Ausgerechnet auf einer der Naturstraßen kommen zwei Hunde bellend auf mich zu. Zum Glück kommen sie von vorne und nicht aus dem Hinterhalt, wie letztes Jahr auf dem Balkan. Jedenfalls sehen die beiden Burschen schon aus der Ferne mächtig groß aus. Ich fahre halb ins seitliche Grün, stoppe mein Rad, greife mein Messer und schneide mir aus einer Art Weidebusch einen elastischen Zweig. Mit einem Auge taxiere ich permanent den geringer werdenden Abstand der beiden Hunde. Es bleibt mir genügend Zeit schnell noch ein paar kleine Zweige zu entfernen. Dann kehre ich auf die Straße zurück und positioniere mich so, dass ich mein Fahrrad zum Schutz vor mir habe. Ich halte es mit der linken Hand. In der rechten Hand führe ich den Zweig.

Dann sind die Tölen auch schon bei mir. Trifft man auf einen Hund, funktioniert das mit dem Rad als Barriere hervorragend. Bei zweien ist es natürlich schwerer. Ich beobachte die Viecher ganz genau, um ihre Absichten einschätzen zu können. Richtig freundlich wirken sie beide nicht. Dennoch scheint einer eher neugierig zu sein, während der andere aggressiv die Zähne fletscht. Also halte ich diesen mit dem Rad auf Abstand. Der eine Köter ist weiß und der andere schwarz. Witziger Weise ist der Schwarze der Aggressive.

Ich versuche ihm verständlich zu machen, dass ich ihn mit dem Geruch eines meiner Überschuhe betäuben werde, wenn er nicht abzieht. Entweder versteht er es nicht richtig oder eben doch. Jedenfalls wird er immer aggressiver und aufdringlicher. Ich schaue ihm ganz tief in die Augen, was ihn natürlich noch wilder macht. Aber auch unaufmerksamer. Er versucht sich noch zu ducken, als er (für ihn) viel zu spät merkt, dass der Peitschenhieb auf ihn nieder geht. Es nützt ihm jedoch nichts. Ich lande einen kapitalen Volltreffer. Der Hund tut mir fast schon ein bisschen leid,  so wie er jault. Aber wir sind hier ja nicht in der esoterischen Hundeschule, sondern auf der Straße. Und da gelten eigene Gesetze. So schnell wie sie erschienen sind, verschwinden sie nach dem Zwischenfall auch wieder. Der weiße Hund schwanzwedelnd, der andere mit eingeklemmten Schwanz. Manchmal ist das Leben eben doch schwarz und weiß.

Warum ich das in epischer Breite beschreibe? Nun, einerseits war es der Aufreger des Tages und andererseits möchte ich dazu sensibilisieren, dass sich Radtourenfahrer mit dem Thema auseinandersetzen und sich VOR Touren überlegen, wie sie solchen Situationen begegnen. Gerade derart abseits wie heute, sollte man sich darüber im Klaren sein, dass so eine Situation auch ganz leicht kippen kann.

Die Situation ist allerdings in keinster Weise typisch für das Baltikum und kann wohl eher als Ausnahme betrachtet werden. Ich hatte hier bisher jedenfalls keine erwähnenswerten Begegnungen mit Hunden.

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Ansonsten geht es eben weiter geradeaus durch den Nieselregen. Ich rechne auf der gesamten Strecke nicht wirklich mit Versorgungsmöglichkeiten. Kurz vor dem Abzweiger nach Pävilosta lege ich mich darauf fest, zu versuchen dort ein Käffchen zu ergattern, sofern die Straße dorthin asphaltiert ist. Andernfalls hätte ich mich mit einem Energieriegel und einem Schluck aus der Flasche begnügt. Immerhin sind es drei Kilometer zu dem kleinen Hafenort. Und die sind jeden Meter wert. Denn in dem grauen Ort, bei diesem grauen Wetter, funkelt mich ein rotes illy-Schild an.
In einem verblüffend stylischem Café servieren junge Leute einen sehr ordentlichen Kaffee. (Und Kuchen…)

Damit ist der Tag gerettet und es kann anschließend  weiter nach Ventspils gehen.

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Ventspils, 125 km, total 1.435 km


[Zur Fortsetzung geht es HIER].

24 Stunden Rennen in Nortorf

Dichte Nebelschwaden wabern durch die dunkle Baumallee. Die Straße steigt leicht an. Ich versuche möglichst locker im Sattel zu sitzen und rund zu pedalieren. Es ist mitten in der Nacht, etwa  01:30 Uhr. Dieser dichte Nebel macht die Sache nicht einfacher. Selbst bei klarer Sicht schirmt das grüne Blätterdach die Straße so gut ab, dass das Mondlicht kaum eine Chance hat die brüchige und vielfach geflickte Asphaltdecke zu erreichen. Konzentriert folgen die Augen dem Lichtkegel der Lampe. Wassertropfen des nässenden Nebels sammeln sich an Augenbrauen und Wimpern. Akribisch suchen die Augen die ideale Linie. Und sie ist keineswegs die kürzeste Verbindung. Leicht mäandrierend gilt es auf einigermaßen fahrbarem Grund zu bleiben und die gröbsten Stellen des Flickenteppichs zu umfahren. Die Straße steigt weiter an. Ich horche in mich hinein, ob ich den Schaltpunkt halten kann wie zuvor oder ob ich früher schalten muss. Ja, es geht noch. Es ist nur ein Detail, aber es polstert das Selbstbewusstsein. Das tut nach über 370 Kilometern richtig gut. Denn die Hauptfrage ist nicht, wie viele Kilometer hinter mir liegen, sondern wie viele noch vor mir liegen, bis die Uhr nach 24 Stunden gnadenlos stoppt. Bei der Steigung von Runden-Kilometer 15 handelt es sich eigentlich um läppische 50 Höhenmeter. Eigentlich. – Denn das Fahrerfeld ist geschlossen der Meinung, dass die Höhenmeter von Runde zu Runde zunehmen. Uneinigkeit herrscht lediglich darüber, wie die Waldwichtel dies bewerkstelligen. Die Vermutungen gehen von einfachem Schaufeln bis hin zu komplexen hydraulischen Mechanismen. Und die Sache ist ernst zu nehmen.

Denn das Fahrerfeld besteht aus über 170 zum Teil sehr erfahrenen Langstreckenradlern. Einmal jährlich rotten sie sich im nördlichen Schleswig-Holstein zusammen und messen sich beim 24 Stunden Rennen der RSG Nortorf. Gefahren wir auf einer Rundstrecke von 27,87 Kilometer Länge. Start und Ziel, und somit auch das Verpflegungsdepot, liegen in Nortorf. Auf einem nahezu gleichseitigen Dreieckskurs geht es über Aukrug und Oldenhütten wieder nach Nortorf. Das Reglement ist denkbar einfach. Innerhalb von 24 Stunden müssen so viele Runden wie möglich absolviert werden. Gewertet werden nur vollständig gefahrene Runden. Im Start-, Zielbereich befindet sich eine Kontaktschleife für die Registrierung der Runden und Zeiten per Transponder.  Zwei großformatige Anzeigen geben den Fahrern die wichtige Information über die Uhrzeit und vor allem über die Restfahrzeit. Diese Uhr läuft von 24:00:00 unerbittlich runter auf Null. Pro Runde sind insgesamt 152 Meter Anstieg zu fahren. Das ist keine große Nummer und daraufhin wird der Kurs von manchem Fahrer belächelt. Und unterschätzt. Denn der eigentliche Gegner ist, neben der Uhr, der Wind. Wir befinden uns hier im Land zwischen den Meeren. Eine aerodynamisch saubere Position (wie im Lenkeruntergriff) bringt da mehr als ein Kilogramm Gewichtseinsparung beim Rad.

Das diesjährige Rennen gehe ich mit einem festen Ziel an. 2015 war ich nicht am Start, da der Termin nicht zu meiner Teilnahme am Transcontinental Race passte. In 2014 gelangen mir 19 Runden. Damit steht das Ziel für 2016 fest. – 20 Runden. 20 mal 27,87 Kilometer. 557,40 Kilometer in 24 Stunden.

Der Zählschritt von 19 zu 20 ‚verniedlicht‘ die Sachlage erheblich. Faktisch bedeutet es, in 24 Stunden 27,87 zusätzliche Kilometer zu absolvieren.  Dazu ist eine wohlüberlegte Taktik sehr hilfreich. So sah mein Basisszenario insgesamt zwei Stunden Pausenzeit vor. Das heißt, die Weg-Zeit Betrachtungen sind auf eine Nettofahrzeit von 22 Stunden ausgelegt. Was bedeutet dies konkret? Zunächst sind für das Ziel von 20 Runden, pro Stunde 1,27 Kilometer mehr zu absolvieren (gegenüber 19 Runden). Klingt wenig, ist es aber nicht. Für die einzelne Runde ergibt sich eine maximale Fahrzeit von 1:06 (1 Std 6 min). Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 25,3 Km/h. Klingt auch nicht viel, will aber über die Gesamtzeit erst einmal gehalten werden.

Und was unbedingt bewusst sein sollte, jede Verlängerung der Pausenzeit ist mit einer höheren Geschwindigkeit zu bezahlen. Eine halbe Stunde mehr Pause erhöht die erforderliche Geschwindigkeit auf 25,9 km/h, eine Stunde mehr Pause auf 26,5 km/h. Einmal auf der Piste heißt es also Disziplin, Kopfrechnen und keinen Plattfuß…

Am Morgen des 16. Juni ist es dann soweit. Die Teilnehmer trudeln ein und bereiten ihre Räder vor. Es wird noch gepumpt und geschraubt. Transponder werden in ihre Position gebracht. Mit sichtlicher Irritation beobachten zwei Carbon-Piloten, wie ich meinen Glücksbringer montiere. Ich lächle sie freundlich an, worauf sie sich etwas ertappt fühlen, und setze die Arbeit mit der Selbstverständlichkeit fort, mit der man sonst seine Trinkflasche in den Halter schiebt. Natürlich ist es selbstverständlich, dass mein Schlumpf mit auf Tour geht. Schließlich begleitet er mich seit 1984 auf Touren und Events, und hat schon etwas von der Welt gesehen. Außerdem ist an meinem  Pure Bros extra ein adäquater Schlumpfhalter montiert.

Wir Fahrer sammeln uns für das Briefing auf den Rädern an der Startlinie. Obwohl hier nicht wenige Routiniers stehen, zupft wohl jeder (unbewusst) noch einmal das Trikot zurecht, justiert zum dritten Mal den Kinnriemen vom Helm oder verändert zum fünften Mal die Einstellung der Schuhverschlüsse, um genau in der Anfangseinstellung zu landen.

Der Start um 10:00 ist dann fast eine Erleichterung. Neutralisiert geht es im Verband bis an den Ortsrand von Nortorf und dann ist das Rennen frei. Wie immer wird von Anfang an ordentlich Dampf gemacht. Das ist Chance und Risiko zugleich. Natürlich ist es nett, mittels einer Gruppe die Windarbeit deutlich zu reduzieren. Das ist jedoch völlig wertlos, wenn man sich gleich zu Anfang verzockt und dicke Beine bekommt. Schließlich haben wir eine respektable Distanz vor uns. Meine Taktik (und Stärke) beruht auf ausgeprägter Gleichmäßigkeit und eher kurzen Pausen. Grundsätzlich takte ich meinen Rhythmus dergestalt, dass ich solo über die Gesamtdistanz fahren kann.

Ich bleibe verhalten und finde eine Gruppe, die passt. Die zunächst passt. Denn bereits nach der ersten Runde fällt das kleine Peloton auseinander, da einige Fahrer das Depot ansteuern. Meine Taktik sieht nur alle vier Runden eine Pause vor. Außer zum ganz kurzen Auffüllen der Trinkflasche stoppe ich also nur alle 111 Kilometer. Grob sehe ich einen Pausentakt von jeweils  15 / 30 / 15 / 30 …Minuten vor. Wohlwissend, dass der Pausenbedarf bei schlechtem Wetter und in der Nacht höher ist. Das Wetter spielt mit. Die Temperaturen sind in Ordnung und der Wind weht mit nur  3 Beaufort aus westlichen Richtungen.

Trotz der Zurückhaltung fällt die erste Runde mit einer Fahrzeit von deutlich unter einer Stunde flott aus und kann natürlich keineswegs zu Hochrechnungen herangezogen werden. Insgesamt läuft es auf den folgenden Runden aber auch nicht schlecht. Jede Runde liegt deutlich unter 1:06. Anfangs bin ich etwas skeptisch, ob ich vielleicht über meine Verhältnisse fahre, aber es fühlt sich alles rund und ausgeglichen an. Und so lasse ich es dann einfach weiter laufen. Jede eingesparte Minute gibt mir etwas mehr Luft für Pausen in der Nacht. Oder für Plattfüße! Am frühen Nachmittag erwischt es mich dann auch. Ein scharfes Stück Splitt in der Form eines Minifaustkeils durchstößt den Pannenschutz meines Hinterreifens. Der Schlauch ist schnell gewechselt. Bei der Weiterfahrt rede ich mir dann ein, dass ich damit statistisch betrachtet ohne Plattfuß durch die Nacht kommen sollte. Ich lasse es weiter mit der eingependelten Geschwindigkeit laufen. Hin und wieder finde ich Gruppenanschluss. Die überwiegende Zeit kurbel ich allerdings solo. Interessanter Weise überholen mich immer wieder die gleichen Gruppen (ohne mich dabei zu überrunden). Sie machen eben längere Pausen. Ich bleibe bei meiner bewährten Fahrweise. Einen Geschwindigkeitsmesser fahre ich übrigens nicht. Mir reichen die Armbanduhr und die Anzeige im Start-, Zielbereich.

Nachdem es schon eine ganze Weile nieselt, dreht der Wind am Nachmittag auf Südwest, frischt auf und sorgt ab 16:00 für gut zwei Stunden Regen. Das ist nun nicht toll, aber auch nicht wirklich schlimm, denn der Regen ist eher warm. Zögerlich klart es auf. Der Wind geht auf West und nimmt an Stärke etwas zu. Wir Fahrer hoffen auf eine trockene Nacht.

Die 10.Runde lege ich in  1:00 zurück und gönne mir zum Bergfest eine ordentliche Pause und reichlich Kohlehydrate. Die freundliche Uhr im Start-, Zielbereich attestiert mir eine Restfahrzeit von 12:59:88. Es ist aktuell 21:00 Uhr. Somit habe ich für die ersten 278,7 Kilometer ziemlich genau 11 Stunden benötigt. Und zwar inklusive der Pausen. Die Durchschnittsgeschwindigkeit lag demnach bei etwas über 27 km/h. Damit bin ich super zufrieden und genieße die Erholung. Aber abgerechnet wird zum Schluss. Vor mir liegt die Nacht. Und noch einmal 278,7 Kilometer!

Auf in den Sattel. Wie es scheint liegt eine klare Nacht mit einem fast vollen Mond vor uns. Der Wind hat sich wieder beruhigt. Nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Runde 11 und 12 (1:02) laufen ebenfalls richtig gut. Während der beiden Runden denke ich über den weiteren Pausentakt nach. Vier Runden zu fahren hieße nun bis nach 02:15 Uhr durchzukurbeln, also voll ins biologische Tief zu fahren. Da ich gut in der Zeit bin, beschließe ich nach der 12. Runde eine extra Pause einzulegen, um dann gestärkt die unangenehme Zeit bis zum Morgengrauen anzugehen.

Die Verpflegung ist großartig und der RSG Nortorf mit ihren vielen engagierten Helfern gebührt ein großes Lob. Bei dieser Pause bin ich zeitlich nicht ganz so diszipliniert. Aber vermutlich nimmt sich der Körper instinktiv, was er braucht. Als ich wieder auf das Rad steige, ist es bereits Mitternacht. Es sind noch acht Runden zu fahren und die Restfahrzeit beträgt exakt 10 Stunden. Das sollte lösbar sein.

Aber jetzt kommt die schlimmste Zeit eines 24 Stunden-Rennens. Die Zeit, zu der der Körper sehr viel lieber Schlafen als Radfahren möchte. Das bekomme ich auch deutlich zu spüren. Die 13. Runde absolviere ich in 1:13. Die schlechteste Runde meines bisherigen Rennens. Das rüttelt mich ordentlich wach. Sofort springt der Kopfrechner an und prüft die  Möglichkeiten. Noch ist es nicht verloren. Die nächsten 7 Runden müssen eben sehr konzentriert gefahren werden. Vor allem die nächsten drei, bis zum Morgengrauen. Wie während des gesamten Rennens, kalkuliere ich ausschließlich mit Runden. Andernfalls müsste ich mir nun sagen – Okay. Es ist 01:13 Uhr,  Du hast 362 Kilometer in den Beinen und fährst dann mal die nächsten 195 Kilometer schön konzentriert. Eine wenig erbauliche Vorstellung. Nein, die Rundenbetrachtung macht die Sache mental deutlich handlicher.


In der 14. Runde finde ich mich dann  im dicksten Nebel wieder. In der Höhe eines Begrenzungspfahls lassen sich die Reflektoren des nächsten mehr erahnen als wahrnehmen. Die Sichtweite liegt unter 50 Meter. Die Straße auf diesem Abschnitt  ist eine echte Prüfung. Und das sind die Bedingungen, unter denen ich keine  Zeit verlieren will. Die äußeren Umstände erfordern nun eine starke innere Haltung. Ich bin froh, in der Anfangsphase nicht unnötig Körner vergeudet zu haben. Ich versuche meine Kraft und Energie möglichst dosiert und gleichmäßig auf die Pedale zu bringen und drehe so meine Runden durch die feuchte, nebelige Nacht. Nach der 15. Runde gibt es ein Käffchen und Herzhaftes vom Buffet. Noch 5 Runden (139 Kilometer). Mit der aufgehenden Sonne schwindet irgendwann der Nebel und die Lebensgeister laufen zu neuer Form auf.

Nach 18 Runden zeigt die Uhr eine Restfahrzeit von 2:25 an. Daran ist zu erkennen, dass die zweite Nachthälfte etwas Performance gekostet hat. Aber das Zeitkontingent ist nicht das schlechteste. Da ich mir nun nach etwas über 500 Kilometern mein 20-Runden-Ziel nicht durch einen Plattfuß vereiteln lassen möchte, forciere ich die seit zwei Runden eh wieder besser werdenden Rundenzeiten weiter. Konsequent greife ich den Lenker in der unteren Position. Die 19. Runde absolviere ich in 1:06. Somit bleiben mir für die letzte Runde 1:19. Das würde sogar noch für einen Schlauchwechsel im Falle eines Plattfußes reichen. Das Ziel ist nun zum Greifen nah. Nach über 529 Kilometern fahre ich noch eine sehr konzentrierte Runde  und erreiche nach 1:04 das Ziel.

20 Runden, 557,4 Kilometer, die Anzeige zeigt  00:15:00. (15 Minuten Restfahrzeit). Es ist Sonntag 17.07., 09:45. Und ich bin sehr zufrieden.

Rückblick

Einmal auf der Piste ist der Blick natürlich nach vorne fokussiert. Daher folgen an dieser Stelle ein paar Rückblicke.

Das Training insgesamt und für eine höhere Grundgeschwindigkeit hat auf den Punkt gepasst.

Meine Taktik ist aufgegangen. Ein Rundstreckenrennen lässt dabei einfach über die Rundenzeiten kontrollieren und steuern. Das persönliche  Ziel erreicht oder verfehlt man nicht nur im Sattel. Das Zeitmanagement der Pausen ist ebenso wichtig. Ich habe die Pausenzeit meines Basisszenarios zwar überschritten, aber ich habe mir das bewusst gegönnt. Die Uhr und die Hochrechnung hatte ich stets im Auge und damit auch die Kontrolle. Richtig gefährdet sah ich das Erreichen des Ziels nicht. Aber man muss eben scharf kalkulieren und gegebenenfalls auch so fahren. Der verbleibende Zeitpuffer von 15 Minuten mag angesichts der absolvierten 24 Stunden wenig erscheinen. Aber man kann es eben auch als jeweils eine Minute auf 15 Runden betrachten. Und das ist schon wieder viel.

Mein PURE BROS hat sich von einer seiner besten Seiten gezeigt. Gerade auf den rauen und geflickten Straßen sorgen der Stahlrahmen und die 28 mm Continental Grand Prix 4 Season Reifen für ein sehr angenehmes Fahrverhalten. Obwohl ich den Einsatzschwerpunkt meines Rades für Reisen mit Campinggepäck vorgesehen habe, ist die Geometrie des Rades sportlich genug, um bei Langstreckenevents zu begeistern. Und sie sorgt bei vielen Stunden im Sattel für entspanntes Fahren.

Hamburg, den 24. Juli 2016  / Andreas Th

Distanzfahrt Haderslev-Hamburg, 27.8.2016 (Ankündigung)

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Das “Distanz-Wettfahren Hadersleben-Hamburg” wurde erstmals 1894 ausgetragen und begeisterte im Norden sofort die Massen. Seit 1907 hieß das Rennen dann “Quer durch Holstein” und wurde ein echter Klassiker. Das Foto zeigt Wilhelm Riecken, den Sieger 1898. (Mehr zur Geschichte findet sich HIER).

Wir fahren die rund 250 Kilometer lange Strecke durch Südjütland und ganz Schleswig-Holstein am 27. August nach und wandeln damit auf den historischen Spuren eines einst berühmten Radrennens, das heute vollkommen vergessen ist. Es wird eine sportliche Tour, kein Rennen werden.

Wer sich uns anschließen möchte, kann dies gerne tun. Eine gewisse Erfahrung auf der “Langstrecke” (Touren ab 200km) wird vorausgesetzt. Einen Track können wir zur Verfügung stellen. Verpflegung ist selbst zu organisieren (einige Abschnitte der Strecke sind recht menschenleer). Das Mitfahren geschieht auf eigene Gefahr, wir übernehmen keine Haftung.

Eine Beschreibung der Strecke findet sich HIER

Der Treffpunkt und Start wird am 27. August gegen 8.00 Uhr vor der Marienkirche (Vor Frue Kirke) in Haderslev sein.  

Bei Fragen und bei Interesse kontaktiert gerne Lars (lars ÄT altonaer-bicycle-club.de).

Drei Dinge – Rund um die Schlei

Wenn es drei Dinge gibt, die ich beim Radfahren partout nicht mag, sind dies - nasse Füße, Spritzwasser vom Hinterrad des Vordermanns und mit dem Auto zum Radeln zu fahren.

Demnach sieht der Plan vor, früh morgens mit dem Rad die vierzig Kilometer zum Start des Marathons ‚Rund um die Schlei‘ nach Schleswig zu fahren, gut gelaunt bei Sonnenschein die 203 km Runde zu radeln und anschließend wieder nach Hause zu kurbeln.

Da Planung bekanntermaßen den Zufall durch Irrtum ersetzt, kommt es anders, völlig anders. Als der Wecker früh (sehr früh) morgens klingelt, prasseln fette Regentropfen an die Scheibe. Ich stelle den Wecker eine Stunde weiter und drehe mich wieder herum. Mit dem Gedanken, dass ich dann eben eine Stunde später im Regen mein Rad im Auto nach Schleswig schaffe, schlafe ich wieder ein. Ich bin zu müde, um  die Sache absurd zu finden.

Um 06:30 kutschiere ich dann in Richtung Schleswig und der Himmel zeigt sich nicht gerade in Radlers Lieblingspose. Bei der Startaufstellung ist es ungemein tröstlich, auf eine doch beachtenswerte Ansammlung von Gleichgesinnten zu stoßen, die ebenso willig sind, 203 km zu radeln, wie sich dabei nass regnen zu lassen. Das Wetter hat sich etwas beruhigt. Bei etwa 11°C weht zwar starker Wind aus westlichen Richtungen, aber der Regen beschränkt sich auf mittelstarke Schauer.

Mit einer Motorradeskorte der Johanniter werden wir auf die Strecke gebracht. Gruppen finden sich zusammen. Niemand dürfte wohl ein gesteigertes Interesse daran haben, die vor allem in der zweiten Hälfte anstehenden Gegenwindpassagen solo zu bewältigen. Auch ich klinke mich in eine Gruppe ein, die gut zu harmonieren scheint und mich freundlich aufnimmt.

Bereits auf den ersten Kilometern setzen heftige Schauer ein. Von den drei Dingen, die ich nicht mag, wurde das erste durch die Anfahrt mit dem Auto eingehandelt. Das zweite wird mir gerade in Form von Schmutzwasserfontänen ins Gesicht geschleudert (ich fahre bei solchen Verhältnissen ein Rad mit Schutzblechen). Und die nassen Füße sind dann trotz der Überschuhe nur eine Frage der Zeit.

Die regennassen Straßen führen zu einer unglaublichen Anzahl von Plattfüßen. Auf den ersten zehn Kilometern erwischt es bestimmt acht Fahrer. Bei diesen Verhältnissen sind auf Schleswig-Holsteins rauen Wirtschaftswegen eher robuste Reifen angesagt. Den totalen Hype nach Gewichtseinsparung kann ich bei uns Hobby-Fahrern eh kaum nachvollziehen. Gerade hat sich die Gruppe gut eingefahren, da sichte ich am Wegesrand einen Teilnehmer, der aufgrund seiner Handzeichen Hilfe benötigt. Wohl wissend, dass es schwer wird diese tolle Gruppe wieder einzuholen, halte ich an. Ich bin etwas enttäuscht und verärgert, dass ich der einzige bin der stoppt. Aber wenn ein anderer Radfahrer offensichtlich Hilfe benötigt, da fahre ich nicht einfach weiter. Nicht auf Radreisen und auch nicht auf Veranstaltungen wie dieser. Lange Rede kurzer Sinn, der arme Kerl hat seine Reifenheber vergessen. Tja nun. Ähnliches ist uns doch allen schon einmal passiert. Ich leihe ihm meine und nach der Demontage des Reifens setze ich meine Fahrt fort. Im Moment bin ich ganz glücklich von Wasserfontänen verschont zu sein. Aber ich habe natürlich die langen Gegenwindpassagen im Kopf.

Ich überfahre das erste Depot und da ich die Gruppe dort sichte, setze ich meine Fahrt entspannt fort. Früher oder später werden sie mich einholen und dann geht es zusammen weiter. Das stellt sich dann auch so ein. Auch wenn ich vorher etwas grummelig war, muss ich wirklich sagen, dass es eine der besten Gruppen ist, mit denen ich jemals gefahren bin. Es wird gleichmäßig, völlig diszipliniert und mit sehr viel Um- und Rücksicht aufeinander gefahren. Und zudem sind es total nette Leute, sodass sich angenehme Gespräche entwickeln. Bei Plattfüßen von Gruppenmitgliedern wird selbstverständlich gewartet. Sehr, sehr angenehm und sympathisch das Ganze.

Die Route führt uns um den Wittensee und mit mehreren Schleifen durch die Hüttener Berge. In den Depots drängt sich alles unter die trockenen Dächer. Mit Rückenwindschub sausen wir nach Kappeln, wo leckerer Milchreis auf uns wartet. Das ist eine willkommene Stärkung für die zweite Hälfte gegenan. Die Gruppe bleibt zusammen und pflügt souverän durch den Westwind. Eine starke Gruppe, ein starkes Gefühl. Der Regen hat sich mittlerweile verabschiedet und wir genießen die wärmenden Sonnenstrahlen.

Nach etwas über 203 Kilometern erreichen wir zufrieden den Ausgangspunkt in Schleswig. Eine tolle Tour geht zu Ende. Diese Veranstaltung braucht sich von den Anforderungen her nicht hinter den Events mit großen Namen zu verstecken. Die Landschaft ist phantastisch und die kleine, aber feine Veranstaltung besticht durch ihren ganz besonderen Charme. In jedem Depot bedanken sich Fahrer persönlich bei den Helfern der Depots, ohne die eine solche Veranstaltung gar nicht möglich wäre.

Trotz der ungeplanten Entwicklung hinsichtlich der top drei Punkte meiner persönlichen schwarzen Liste, entwickelt sich der Tag zu einer sehr positiven Erfahrung. Und dazu trägt ganz stark die Gruppe der Mitfahrer bei. Danke! – Ich lege den größten Teil meiner nicht ganz so wenigen Jahreskilometer solo zurück. Aber ich muss sagen, dass das Fahren in einer harmonischen Gruppe doch auch ganz angenehme Reize und Erlebnisse bietet. Ich fände es toll, wenn wir mit dem ABC auf der einen oder anderen Veranstaltung auch mit einer Gruppe an den Start und ins Ziel rollen könnten.

Andreas Th. / 6.7.2016

Große Hafenrundfahrt

Letzten Sonntag (3. Juli) trafen wir uns um 11.00 Uhr an den Deichtorhallen. Mit einer Gruppe von 20 Leuten fuhren wir dann über die Oberhafen-Connection und die Peute in den Hafen.

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Bert führte uns zu manch bekannten aber auch einigen eher unbekannten Orten.

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So blickten wir auf Hafenbecken, gestapelte Container, fuhren einige Kopfsteinpflaster-Passagen und inspizierten einige abseitige Plätze.

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Zwischendurch drückten wir auch einmal aufs Tempo, insgesamt kamen rund 70 Kilometer zusammen.

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Das Wetter spielte auch mit: eine Minute nach dem wir an der Labestation in Wilhelmsburg ankam, fing es fürchterlich an zu schütten.

Im nächsten Jahr laden wir dann wieder ein zur “Großen Hafenrundfahrt” …

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Danke an Katharina für die Fotos.

Städtetour 2016

Am Anfang stand Bordeaux-Paris, eines der ältesten Radrennen. Die Geschichte reicht zurück bis in die 1890er Jahre. Als 600 km non stop Event reizte mich die Sportveranstaltung natürlich außerordentlich. Kaum zu Ende gedacht, habe ich mich dann angemeldet. Um gut eingerollt an den Start zu gehen, reifte die Idee, auf eigener Achse von zu Hause nach Bordeaux zu radeln. Dann mit dem Peloton nach Paris und von dort per Flieger retour.

Einige Tastendrücke und Mausklicks später waren Hotels in Bordeaux und Paris, sowie der Rückflug gebucht.
Einige Wochen später wurde die Veranstaltung leider  abgesagt. Einzig das Hotel in Bordeaux konnte ich kostenfrei stornieren.

Somit wurde eben eine Tour um den Rückflug von Paris aus gestrickt. In der Folge radel ich nun über London nach Paris.

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Der erste Tag verlief schon einmal super. Morgens mit dem Rad zur Arbeit. Ein paar Stunden arbeiten bis das Rad im Büro zu unruhig wurde und dann bei Sonnenschein und Rückenwind aus Nordost bis Hemmoor. (163 km)

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2. Tag 13.5.

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Ein wirklich Radfahrer freundliches Frühstück ist ein guter Start in den Tag. Die Bedingungen sind fantastisch. Bereits beim morgenlichen Start verzichte ich auf Arm- und Beinlinge. Und es ist vollkommen in Ordnung. So fühlt sich der lang ersehnte Sommer an. Ich habe gute Beine und komme bestens voran. Das leichte Gepäck und der Rückenwind bleiben natürlich nicht ohne Wirkung. Drei Stunden und 76 km später erreiche ich die Weserfähre. War die Landschaft bisher angenehm abwechslungsreich, empfängt mich nun eine Marschlandschft mit all ihren spärlichen Attributen.
Det Wind kommt immer vorlicher aus N bis NNW. Dennoch halte ich die Pace hoch und hoffe, mir einen kleinen Puffer an Kilometern zu erfahren. Denn auch der Blick zum Himmel kündigt eine Wetteränderung an.Nach einer kleinen Erkundungsfahrt durch das schöne Leer, setze ich meine Fahrt fort und überquere noch die Grenze zu den Niederlanden. Das erste freie Quartier ist meins. Nieuweschans, 182 km, total 345 km

3. Tag 14.5.
Der Wind heult, der Dachstuhl knarzt wie ein alter, hölzerner Lastensegler. Es ist tief in der Nacht. Ich drehe mich herum und versuche wieder einzuschlafen.
Der Start erfolgt bei 8 Grad Celsius, Starkwind aus NW und schweren Regenschauern. Zum Glück kommt zwischenzeitlich auch die Sonne zum Vorschein. In tiefer Haltung im belgischen Stil trotze ich dem Wind und komme noch immer relativ flott voran. Es ist aber nicht zu leugnen, dass die Sache Körner kostet.

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In Groningen lege ich eine Pause ein und genieße das bunte Treiben sowie die stylischen Fahrräder. Bei der Weiterfahrt wird mir wiedet bewußt, welchen Vorteil die Navigation per Garmin bietet. Bei der Vorbereitung habe ich schmale Wirtschaftswege ausgesucht. Nun genieße ich das sorglose Fahren auf Wegen, die ich per Papierkartennavigation niemals gefahren, geschweige denn gefunden hätte. In Leeuwarden ist dann dad Tagewerk getan. 119 km, total 464 km

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4. Tag 15.5.

Hossa! Ist denn schon wieder Herbst?
Der Witterung folgend, liegt die Vermutung jedenfalls nahe. Bei morgendlichen acht Grad Celsius und nordwestlichen sechs Beaufort ziehe ich alle Kleidungsregister. Lange Hose und Armlinge sowieso, Überschuhe, Handschuhe, Wintermütze und die Windjacke, solange es viertelwegs trocken bleibt. Die Regenjacke ist griffbereit verstaut. Aber bei meinem Minimalgepäck ist ja eh alles griffbereit.

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Die Strecke bis Harlingen bringt wieder Wind von vorne rechts. Dann wird es spannend. Nicht nur weil die Passage über den Afsluitdijk bevorsteht, sondern weil der Kurs auch etwas südlicher ausfällt. Reicht das für achterlicher als querab? (Auf Radfahrerdeutsch: Rückenwind) - Nein. Es bleibt purer Seitenwind. Zum Glück schützt der seeseitige Deich vor dem Gröbsten. Auf der Deichkrone im Schleusenbereich kann ich jedoch kaum geradeaus fahren.

Wieder auf dem Festland geht es in Richtung Alkmaar weiter. Über viele Kilometer grübele ich. War es ein Unfall, war es Mord, wollte jemand Hose und Gummistiefel entsorgen? Oder ist es Kunst?

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In Alkmaar streife ich mit dem Rad durch die Gassen und erfreue mich an dem Treiben in den Gassen. Anschließend fahre ich noch bis Castricum und beziehe Quartier in einem ehemaligen Rathaus von 1911. Und das Beste des Tages. - Ich bin trocken geblieben. Obwohl ich desöfteren auf nasse Straßen gestoßen bin. 130 km, total 594 km

5. Tag 16.5.
Für einen Radfahrer sollte ein Tag mit einem guten Frühstück beginnen. Hat er auch, jedenfalls fast. Eine Stunde vor der Frühstückszeit werde ich wach. - Vor Hunger… Bei dem fantastischen Angebot bediene ich mich dann gerne. Das Futter reicht dann auch fast bis zur Fähre in Hoek van Holland. Die Route führt durch stark urbanes Gebiet. Das ist gewöhnungsbedürftig, war ich bisher doch ausschließlich ländlich unterwegs (also von den Stadtdurchfahrten abgesehen). Die Beschilderung für Radfahrer ist absolut vorbildlich. Selbst bei großen Straßenbaustellen werden werden gesonderte Umleitungen für Radler ausgewiesen.

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Küstenabschnitt kurz vor Hoek van Holland

Die gefühlt 1.000 Ampeln vereiteln ein wirklich zügiges Vorankommen. Letztendlich ist das jedoch nicht tragisch, da das Boarding erst um 18.30 möglich ist. Na toll. Es gilt also noch mehr als viereinhalb Stunden zu überbrücken, ohne zu erfrieren…haha. Die Warterei gestaltet sich dann kurzweilig. Ich gerate in einen Haufen britischer Motorradfahrer, die mein Rad ebenso interessiert begutachten, wie ich ihre alten britischen Maschine (Matchles, AJS …). Classic meets classic. Da hat man schnell eine Wellenlänge… Hoek van Holland 96 km, total 690 km

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Auch was schön Altes auf zwei Rädern.

Warten in Hoek van Holland

7. Tag, 18.05.2016

Ein Tag der Premieren. Zum ersten Mal mit dem Rad in London, zum ersten Mal nasse Füße auf dieser Tour und zum ersten Mal im Leben die Queen gesehen.

Aber von vorne begonnen. Die rund acht Kilometer zur Tower Bridge vermitteln mir einen Teil der großen Faszination und Einzigartigkeit von London. Es ist eine unglaublich bunte Stadt mit extrem unterschiedlichen Menschen und Kulturen.

Und in London wird Rad gefahren. Für mich völlig überraschend viele Radler setzen beim Alltagsverkehrsmittel auf’s Rad. Bevorzugt werden Rennräder und Single Speed Räder. Nebenbei bemerkt ist es auch dad schnellste Individualverkehrsmittel. Ansonsten erstickt London im Verkehr.

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Mein nächstes Ziel ist der RAPHA Store. Zuverlässig führt mich der Garmin Navigator ans Ziel. Der Laden weist ein integriertes Café auf und ist super stylisch. Und selbstverständlich gibt es Radhalter und -Ständer IM Laden. (In London wird geklaut was das Zeug hält.) Ich werde auf mein sonnenverblichenes Trikot angesprochen und schon landet das Gespräch beim Transcontinental Race 2015. Ich werde freundlich bedrängt ausführlich zu berichten und werde im Gegenzug mit Kaffee und Kuchen versorgt…

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Das anschließende Verlassen der Stadt stößt auf ungeahnte Schwierigkeiten. Wesentliche Bereiche meiner geplanten Route sind gesperrt, da Frau Königin mit ihrer Kutsche vom Palast zum Parlament zu fahren gedenkt. Das Spektakel lasse ich mir nicht entgehen und stehe mit vielen Briten am gut gesicherten Straßenrand, als sie dann in naher Distanz vorbei kutschiert.

Bei der anschließenden Weiterfahrt nimmt der Regen zu, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Füße trotz Überschuhe nass sind. Auf der heutigen Route sind die Vororte bürgerlicher. Nach rund 30 Kilometern bin ich wieder im Grünen und das Lauteste um mich herum ist Vogelgezwitscher. Wie schön, nach all dem Großstadtgetümmel.

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Da ich eh nass bin und nur durch Bewegung warm bleibe, fahre ich bis Brighton durch. 107 km, total 932 km

8. Tag 18.05.2016

Sonnenschein zum Frühstück, mit Blick auf das Meer. Was will man mehr?

Gemütlich rolle ich wenig später an der nördlichen Küste des englischen Kanals entlang. Die Grundtemperatur der Luft ist noch immer kühl und der mäßige SW Wind kühlt den Körper aus. Dagegen hilft nur in Bewegung zu bleiben oder windgeschützt in der Sonne zu sitzen. Beides zelebriere ich heute in einem ausgewogenen Verhältnis.

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Zum Teil gibt es nette Radwege entlang der Promenaden. Ansonsten sind die kleineren und größeren Landstraßen überaus brauchbar. Obwohl überaus (zu) schnell gefahren wird, überholt mich  kaum ein Autofahrer mit weniger als eineinhalb Meter Abstand. Da die Straßen wirklich schmal sind, kommt es zu sehr riskanten Manövern. Aber ausschließlich zwischen den Autos. Ich ziehe mehr als einmal den Kopf ein, da ich zersplitternde Außenspiegel befürchte. Da passt dann kaum mehr eine Sunday Times zwischen. Vielleicht gibt es in UK ja einen schwunghaften Handel mit rechten Außenspiegeln…

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Ich gleite an der Küste entlang und genieße die maritime Szene. Portsmouth ist DER Hafen der Royal Navy. Wer sich näher für das Thema interessiert kann dort bestimmt eine gute Woche ohne Langeweile verbringen. Ich genieße einfach die Kulisse aus großer Historie und modern umgenutzter Werftbereiche.

Zudem setze ich von dort zur Isle of Wight über. Für Segler ist das ein fester Begriff. Seit 1826 wird, initiiert von der Royal Yacht Squadron , jährlich die Cowes Week ausgetragen. Dagegen ist die Kieler Woche neumodischer Kram. Der Royal Ocean Racing Club unterhält im Yachthafen von Cowes ein Clubhaus und richtet seit 1957 alle zwei Jahre den Admirals Cup mit dem Fastnet Race aus. Da will ich mich dann morgen mal umschauen. Newport, 100 km, total 1.032 km

9.Tag 20.05.2016

Lazy Day!  - Nach mehr als 1.000 km gönne ich mir eine entspannte Halbetappe. Zuvor mache ich mich jedoch in der Nacht an dem Spülkasten des WC meines Hotelzimmers zu schaffen, da es mitten in der Nacht   anfing zu plätschern. Aber ich bastel ja gerne mal an der Technik von Hotelzimmern herum. (Bevorzugt sind Rollladenkästen auf dem Balkan…)

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Morgens lockt dann zur Belohnung die Sonne. Es bleibt aber kühl und der frische Südwest hat Wolken in seinem Gepäck. Auf zum Teil schmalen und verwunschenen Wegen geht es gemütlich nach Cowes. Ich tingel durch den netten Ort und verfolge anschließend das Treiben im Yachthafen, wo Vorbereitungen für eine Regatta getroffen werden.

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Der Ort ist auch für die ‘Beken of Cowes’ bekannt, einer Familie von Fotografen aus Cowes. Der Name steht seit 1888 für Yachtfotografie besonderen Stils. Der Begründer hat dazu zunächst eine eigene Kamera entwickelt, da die damaligen Balgenkameras auf dem Meer nicht widerstandsfähig genug waren. Mit seinem Ruderboot ist er dann in den rauen Solent gefahren, um genau ein Foto aufnehmen zu können. Die Glasplatte musste anschließend an Land gewechselt werden.

Ich cruise noch etwas über die grüne und beschauliche Insel, bevor es mit der Fähre von Yarmouth nach Lymington geht. Zurück auf der großen Insel lasse ich mir ebenfalls Zeit zum Schauen und Verweilen. In Bournemouth gelingt es mir direkt am Wasser bzw der Promenade entlangradeln zu können. Somit bleibt mir der Stadtverkehr erspart. Die Strandbadehäuschen sind britisch bunt.

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Entgegen meiner ursprünglichen Planung entdecke ich eine Fähre auf die Studland Peninsula und erspare mir den Stadtverkehr von Poole. In dem gemütlichen Swanage beziehe ich ein Quartier und lasse den Tag ausklingen.
84 km, total 1.116 km


10. Tag, 21.05.2016

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Southwester - Wäre diese praktische, wasserdichte Kopfbedeckung für Seeleute nicht schon längst erfunden worden, hätte ich sie heute erfunden. Die charakteristische nach hinten gerichtete breite Krempe verhindert das Eindringen von Wasser in die Kleidung. Und das ist auch bitter notwendig. Der starke Südwestwind treibt hier den Regen durch alle Ritzen.

Von London nach Brighton begleitete mich Regen mit NW Wind. Der starke SW der letzten beide Tage verblüffte mich dann dahingehend,  dass ich trocken blieb. Heute war es dann aber soweit. Der Südwest macht seinem (schlechten) Ruf alle Ehre.

Anfangs finde ich die Sache noch erträglich. Der Regen ist nicht all zu stark und vor allem auch wärmer als vor drei Tagen. Auf dem Rad lernt man auch die Nuancen zu schätzen. Die Strecken sind zum Teil wieder zauberhaft und ich erfreue mich am gepflegten britischen Country Style. Alles sehr gediegen. Die eher kleine Hafenstadt Weymouth hat viel mehr Charakter als die großen Seebäder.

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Der Regen erreicht die volle Stärke und läßt sich auch durch gute Stimmung nicht ignorieren. Die Steigungen werden immer bissiger und der Südwest von vorne links kostet zusätzlich Körner. An exponierten Stellen beuteln mich bissige Böen, sodass Geradeausfahren schon eine gewisse Konzentration erfordert. Bei der Fahrt durch Abbotsbury verspüre ich im Gegensatz zum Vormittag keine Lust mehr zum Fotografieren. Obwohl das Ortsbild mit einheitlich aus Naturstein errichteten Häusern interessante Motive bietet.

Anschließend geht es eine Steigung hinauf, die der eines großen Alpenpasses würdig ist. Ich habe keine Ahnung wie hoch es geht, aber es reicht aus, um voll ins Kondensationsniveau der ohnehin feuchten Luft zu fahren. Es gießt wie aus vollen Eimern, die Sichtweite beträgt noch rund 50 m und der Wind zehrt am Lenker. Südwest-Wetter.

In Bridport streiche ich früh nachmittags die Segel. Mit Mühe gelingt es mir ein Zimmer im Tiger Inn zu ergattern. Nach der Dusche wärme ich mich erst einmal eine Runde im Bett auf und dann wird es gleich runter in den knalle vollen Pub gehen. Dort laufen Rugby Übertragungen und bereits jede Menge Bier. Ich bin sicher, dass sich morgen nicht jeder an das letzte Spiel erinnern wird…
Bridport, 78 km, total 1.194 km


11. Tag 22.05.2016

Alle Hände voll zu tun. - Das gab es heute. Für die Fortbewegung per Rad eigentlich erstaunlich. Aber das Radfahrerleben hat ja so seine Tücken. Der Start fand zwar im Trockenen statt,  aber nach nicht ganz einer halben Stunde wechsele ich von der Windweste zur Regenjacke. Im Grunde ist es auch egal. Da es im Tiger Inn keine Heizungsaktivitäten gab, sind die Socken und die Schuhe eh noch feucht. Daher macht der Regen jetzt keinen so großen Unterschied.

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Einen großen Unterschied macht jedoch die Topographie.  Und zwar zwischen Berg und Tal. Daher ist viel Handarbeit gefragt. Reißverschluss auf und zu, ist die Klimaanpassung zwischen Berg- und Talfahrt. Das läßt sich natürlich locker während der Fahrt erledigen. Die Steigungen hier in Devon sind knackig. An den Landstraßen stehen hin und wieder   Hinweisschilder…. Ich fahre aber wieder viel über total verwunschene Wege. Mir liegt das Fahren in dem extrem wechselhaften Gelände sehr. Weitere Handarbeit in Form von pfiffigem Schalten hilft die Trittfrequenz konstant zu halten. Und die sehr präzisen und kurzen Schaltwege der Campagnolo Schaltgruppe helfen bei der Freude  am Schalten.

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Ab Mittag läßt sich sogar wieder die Sonne blicken. Da macht nicht nur das Fahren  mehr Spaß. Auch die Ausblicke werden wieder richtig grandios. Ich genieße neben den abgeschiedenen Farmen und Dörfer in Binnenland, die kleinen beschaulichen Küstenstädtchen.

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Nach 1.768 Höhenmetern auf einer Distanz von 90 km, beziehe ich mein Quartier in Torqauy. Das Rad darf mit auf’s Zimmer, was mir eh am liebsten ist. Im Pub des Hauses lasse ich den absolut runden Tag mit Futter, Cider und netter Gesellschaft ausklingen. Strecke total 1.284 km.


12. Tag 23.05.2016

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Achterbahn fahren - Riesenräder sind in etlichen britischen Seebädern zu finden. Richtig Spaß macht jedoch Achterbahnfahren. Und genau das steht auf dem Programm des letzten Tages auf der britischen Insel. Es gelingt mir, fast die gesamte Strecke bis Plymouth auf meinen Lieblingswegen zurückzulegen. Da ist 'Kette links’ angesagt. Die Steigungen kommen mir zum Teil noch knackiger als gestern (bis zu 20%) vor. Mit einem Dreifachkettenblatt, etwas Übung in den Beinen und wenig Gepäck, geht das mühelos. Die Wege sind rau und weisen wechselnde oder auch mal gar keinen Belag auf. Das ist sicher nichts für Carbonfelgenfahrer mit acht Speichen. Meine Laufräder mit jeweils 36 dreifach gekreuzten Speichen und 28 mm Reifen stecken souverän eine Menge Menge weg. So lasse ich es denn auch bergab ordentlich laufen und pflüge ich durch die wunderbare grüne Landschaft.  Das ist besser als Achterbahnfahren.

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Einmal taucht verblüffender Weise vor mir ein 'Verkehrshindernis’ auf… Ich rolle dann eine Weile neben der Bäuerin her und wir führen eine sehr angenehme Unterhaltung. So etwas schätze ich bei den Briten sehr.

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Eine recht gute Radinfrastruktur leitet mich dann von der Peripherie ins Zentrum. Es ist erst Mittag und so strolche ich etwas durch Plymouth und verbringe den Nachmittag in der Sonne am Wasser.

Das Embarking für die Fähre ist erst um 1900. Es trudeln noch andere Reiseradler ein, so dass wir bald eine kleine illustre Runde sind, in der interessante Geschichten ausgetauscht werden. Aus verschiedenen Gründen, aber zum größten Teil wegen Missmanagement, kommen wir Radler erst um 2130 an Bord. Spontan fällt mir ein naheliegender Vergleich mit einer großen dutschen Eisenbahngesellschaft ein. “Thank you for travelling with…Brittany Ferries”.
1.060 Höhenmeter, 60 km, total 1.344 km


13. Tag 24.05.2016

Ironie - Brittany Ferrirs und ich werden keine guten Freunde. Mit einen guten Frühstück hätte ich mich vielleicht noch rumkriegen lassen. Aber die Chance wurde verwirkt. Irgendwie ist der gesamte Bordbetrieb relativ chaotisch. Beim Disembarking laufen definitiv zu viele Leute mit zu wenig Streifen auf der Schulterklappe herum und geben zum Teil völlig widersprüchliche Anweisungen.

Egal. Ich bin froh von Bord zu sein und freue mich die Sonne zu sehen. Ich radel zunächst ein Stündchen an der Küste entlang und lege dann ein richtiges Frühstück, mit richtigem Kaffee ein. Wie wunderbar. Willkommen in der Bretagne.

Konsequent folge ich der Küstenlinie und fahre diese auch aus. Baie de Morlaix, Baie de Lannion, Côte de Granit Rose… Das ist hier der Hammer. Hinter jeder Kurve bieten sich neue spannende und phantastische Ausblicke. Ich nehme mir Zeit zum Schauen, Verweilen und auch zum Fotografieren. (Schließlich ist das Urlaub und kein Rennen…smile.)

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Sonnenschein, blauer Himmel und türkisfarbiges Wasser. Und Ostwind! Und zwar der Stärke 5 bis 6 Beaufort. Ironie der Geschichte Ich fahre eine Küste mit gefürchteten Westwinden entlang und habe Ostwind, also Wind von vorne. Aber es ist mir ehrlich gesagt egal. Zum ersten Mal seit 10 Tagen fahre ich wieder in kurzer Hose und ich erfreue mich einfach an der aufregenden Küstenlandschaft mit den pittoresken kleinen Häfen.

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Die Steigungen sind hier übrigens längst nicht so steil wie auf der Nordseite des englischen Kanals. Für die meisten Steigungen reicht das mittlere Kettenblatt aus. Und da die Straßen von weitaus besserer Qualität sind, fahre ich bergab auch schon mal 'Kette rechts’.

Perros-Guirec, 1.350 Höhenmeter, 122 km, total 1.466 km


14. Tag 25.05.2016

Nicht lustig - Aller Ironie zum Trotz finde ich es heute nicht so lustig mit dem Gegenwind. Der Himmel ist grau und trostlos. Es ist so kühl, dass ich fast dazu neige Überschuhe, Handschuhe und Wintermütze einzusetzen. Ich versuche es dennoch ohne.

Zum Glück kann ich mich ein paar Kilometer einrollen und warmfahren, bevor die erste Steigung für das ganz kleine Kettenblatt und das ganz große Ritzel kommt. Im kalten Zustand mag ich so etwas nicht. Die nächsten beiden Landzungen lasse ich aus, da mir sonst die Zeit etwas knapp wird. Ich quere das Binnenland nach Osten. Irgendwie komme ich heute nicht richtig in den Tritt. Wenngleich hier in der Bretagne viel mehr Möglichkeiten bestehen, direkt an der Küste entlang zu fahren, was ich wirklich großartig und atemberaubend finde, so kann das Binnenland nicht mit der britischen Insel mithalten.

Manches ist nett,  vieles wirkt aber auch trostlos. Ich finde durchaus ähnliche schmale Wege, aber auch die können landschaftlich nicht mithalten. Auch vom Belag her sind sie nicht vergleichbar. Entweder sind sie viel besser oder viel schlechter. Eine Schotterpassage bleibt nicht aus. Frei nach der Aussage des Führers eines submarinen Fahrzeuges aus der deutschen Filmgeschichte sage ich mir - Das muss das Rad aushalten. (Tut es natürlich auch.)

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Als ich in einem Kreisverkehr einen Leuchtturm entdecke, muss ich dann aber doch schmunzeln und die Stimmung hellt sich etwas auf. Im Hafen von Binic esse ich das beste Crêpes meines Lebens. Mit Chocolat noir für 1,50 Euro. Als dann auch die Sonne wieder zum Vorschein kommt, finde ich meinen soliden runden Tritt wieder und kurbel vergnügt bis Pleherel Plage, 7 km südwestlich vom Cap Fréhel. Ein guter Ausgangspunkt für morgen.

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Noch ein kleiner Hinweis. Ich bin kein Statistik-Freak und kurbel das Gelände einfach weg wie es kommt. Die Höhenmeter führe ich jedoch mit an, damit sie eine Orientierung geben, falls sich jemand für eine Radtour in diesen aufregenden Küstenlandschaften interessiert. Als Faustformel für die Länge der Tagesetappen empfehle ich folgende.
Britische Südküste = Flachlandetappen × 0,5
Bretagne = Flachlandetappen x 0,7
Wobei mit Flachlandetappen die Distanz gemeint ist, welche man bei mäßigen Bedingungen mit dem jeweiligen Tourengepäck zuverlässig im Mittel fahren kann.

Pleherel Plage, 1.370 Hm, 134 km, total 1.600 km


15. Tag, 26.05.2016

Rund - Ein absolut runder Tag, von Anfang an. Da es erst um 0830 Frühstück gibt, kann ich gemütlich ausschlafen. Das kleine gemütliche Hotel lädt wirklich zum Verweilen ein, aber um 0930 geht es dann los. Und zwar bei Sonnenschein.

Die Strecke zum Cap Fréhel ist absolut grandios. Am Cap gibt es dann auch einen 'richtigen’ Leuchtturm zu sehen. Vor dem nächsten touristischen Halt in St. Malo steuer ich  einen Decathlon Sportsupermarkt südlich von St. Malo an. Ich bin mir beim Vorderreifen nicht sicher, ob ich die Reste von Negativprofil sehe oder ob es sich um feine Risse handelt. Da ich die Sache weder wissenschaftlich untersuchen, noch bis zum letzten ausreizen will erstehe ich sicherheitshalber einen Faltreifen. Nachdem dieser verzurrt ist geht es weiter.

Zwischen St. Malo und dem Mont St. Michel sehe ich Fischereifahrzeuge, die dieser Bezeichnung wirklich gerecht werden. Viel mehr beschäftigt mich allerdings das hinter mir aufziehende Unwetter. Somit kurbel ich was die Beine hergeben, um möglichst lange trocken zu bleiben. Ich habe Glück und bleibe bis auf ein paar Tropfen verschont.

Der Ort vor dem Mont St. Michel ist Startort der diesjährigen Tour de France. Der gesamte Ort ist schon für den Grand Depart am 2. Juli dekoriert.

Ich radel noch bis nach Mortain weiter, wo ich nach 160 km und 1.180 Hm ankommme. Total 1.760 km


16. Tag, 27.05.

Revue - Das Frühstück in der Unterkunft wird zu einer interessanten Insider Runde. Bei meiner gestrigen Ankunft fielen mir natürlich sofort die rund zehn anderen Fahrräder im Unterstand auf. Somit werden Frühstück und Startvorbereitungen sehr kurzweilig.

Am besten, nach meinem eigenen (smile), gefällt mir ein Rad von 'Alex Singer’. Wer den Film 'Brevet’ gesehen hat, dem dürfte der Name ein Begriff sein . Das Rad ist absolut klassisch. 531er Reynoldsrohr, schön verzierte Muffen….

Ansonsten verläuft der Tag angenehm ereignislos, so dass ich die Gelegenheit habe, die bisherige Tour Revue passieren zu lassen. Nach einer halben Stunde im kühlen Nebel kommt die Sonne heraus und sie begleitet mich den ganzen Tag. Die Route führt wieder über kleine Landstraßen und ich bin mit dem Verlauf sehr zufrieden.

Erstaunlicher Weise kommen heute auch noch einmal 1.500 Höhenmeter zusammen. Aber ich finde alles recht flüssig fahrbar. Noch 120 km bis zu meiner Unterkunft in Paris.

Ich kenne nicht den genauen Streckenverlauf von Paris-Brest-Paris. Aber ich traue mir nun ein gewisses generelles Urteil über die Topographie zu. Und daher möchte ich den PBP-Absolventen, von denen ja auch der Altonaer Bicycle Club einige vorweisen kann, meinen tiefen Respekt aussprechen.

I"Aigle, 140 km, total 1.900 km


17.Tag, 28.05.

Das Ziel ist das Ziel - Und der Weg dorthin kann bis zum letzten Meter spannend sein. Mit der lässigen Gewissheit fast am Ziel zu sein, habe ich gestern Abend auf den Abgleich zwischen analoger Straßenkarte und der gespeicherten Garmin Route verzichtet. Das bezahle ich mit fünf Kilometer Umweg und der entsprechenden Zeit. Denn Herr Garmin und ich sind uns beim Start alles andere als einig.

Auf der richtigen Route unterwegs,  geht es nach Osten. Anfangs ist es feuchtkalt und nebelig. Verglichen mit den vergangenen sechzehn Tagen ist die Landschaft relativ trist. Irgendwann löst die Sonne den Nebel auf. Die Landschaft erscheint nun grüner, aber ebenso trist. Immerhin komme ich auf wenig frequentierten Landstraßen gut voran.

Nach dem Mittag braut sich im Westen ein wenig Vertrauen erweckendes Gewitter zusammen, welches in meine Richtung zieht. Auf freier Flur möchte ich da ganz bestimmt nicht hinein geraten. Daher düse ich im Einzelzeitfahrmodus von Dorf zu Dorf, um gegebenfalls Schutz vor Blitz und Donner zu finden. Wieder habe ich Glück und bleibe bis auf ein paar fette Tropfen vor Schlimmerem verschont.

Ich erreiche die Peripherie von Paris und der Garmin Navigator führt mich sicher nicht auf dem kürzesten, aber auf dem für Radler schlausten Weg zielstrebig zur vorgebuchten Unterkunft.

Noch immer blitzt und donnert es im Westen. Erleichtert und vor allem tief zufrieden steige ich vom Rad. Ich habe mein Ziel erreicht. Und es war wirklich spannend bis zum letzten Meter.

Für heute lege ich die Füße hoch. Aber morgen geht es nach Paris rein. Natürlich auf dem Rad…

Paris, 137 km, total 2.037 km

Andreas Th. / 13.-28.5.2016

L´Etrusca 2015

Die Möglichkeit das kalte und nasse Norddeutschland für ein paar Tage im März verlassen zu können, das war doch zu verlockend. Wenn man mit dem Rad im Gepäck in der sonnigeren und wärmeren Toskana eine neue Veranstaltung besuchen darf….wer kann dazu schon nein sagen?
Während der Radsaison gibt es nun schon mehrere Veranstaltungen pro Monat in allen Teilen Italiens, am bekanntesten ist sicher die L‘Eroica  in Gaiole. Da dies aber mittlerweise eine ausufernde Großveranstaltung geworden ist, finden die kleinen neu aufkommenden immer mehr Zulauf. Dort weht er dann wieder, der Geist der frühen Jahre, alles ist noch nicht so perfekt geplant und durchgestylt. Eine Prise Ungewissheit, etwas Überraschung und viel Enthusiasmus, das ist was die kleinen zum besonderen und so interessant macht.
Also habe ich die italienische Anmeldeprozedur hinter mich gebracht(Paola am anderen Ende der Leitung sei Dank!) und auf einen spannenden Kurzurlaub gefreut. Nach einem Stopp im Schwarzwald ging es mit dem Auto weiter in die Schweiz. In der lag sogar noch Schnee, was wir im Norden dann doch schon hinter uns gebracht hatten. Die Wettervorhersage stimmte mich aber heiter auf sonnige Tage in der Gegend von Livorno und schon einige Stunden später behielt die Vorahnung recht. Schon Dunkeln bezog ich das Nachtlager im Auto indem ich alles einmal auf links krempelte und mir so ausreichend Platz zwischen dem Rad und der Sitzbank verschaffte. Die Aussicht auf dem kleinen Campingplatz an der Küstenstraße war nicht so besonders verheißend.

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Am nächsten Morgen nach einer doch frischen Nacht sah ich die Welt mit anderen Augen:

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Und ab ging es in den Ort, erst mal ordentlich frühstücken und das Gefühl haben „angekommen“ zu sein.

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Zu sehen gibt es ja immer etwas….zwei „Portarini“?

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In Livorno spürt man überall die mondäne Vergangenheit und die ausladenden Gebäude sind schon beeindruckend. Leider haben sich auch hier die Global Player breit gemacht und man muss schon in die Seitenstraßen ausweichen um urtypisches oder das spannende und andersartige zu finden.
Das Frühstück dauerte doch etwas länger, denn ein fetter Regen entlud sich über die Stadt und ich weigerte mich im Regen weiter zu butschern. Bei dieser kurzen Ausfallerscheinung des guten Wetters sollte es aber auch bleiben. Der Aufenthalt im Cafe wurde allerdings noch zu einer besonderen Überraschung und einem unerwarteten Glücksfall:
Meine St. Pauli Radsport Klamotten öffneten mir eine Tür in eine andere „globale“ Welt. Der Besitzer des Cafés und seine Angestellten sind braun-weiße Anhänger und luden mich spontan ein. Da ich nicht zahlen durfte, sammelte ich die letzen Fan-Laden Aufkleber zusammen und konnte ihnen wenigstens so danken. Komisch, seit dem kommen wundersamer weise immer mal Aufkleber im Laden an.  Grazie!
Die Anmeldung zur Veranstaltung fand in den Räumen der Pferderennbahn statt, was später noch eine besondere Rolle spielen sollte. Auf dem befestigten Gelände zwischen den Gebäuden war auch der Teilemarkt aufgebaut. Eigenartig ist es wenn ein italienisches Auto mit Rennrädern zum Markt fährt die in einem Anhänger mit holländischem Kennzeichen stehen, ist das „Re-Import“? Jedenfalls war das Angebot an Rädern und Teilen für die Erstveranstaltung freudig mannigfaltig und die Preise recht human; so human sogar, das ich mehrmals mit dem Rad die erstandenen Schätze zum Campingplatz fahren durfte.

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Später dann am Samstagnachmittag begann die kleine Ausfahrt durch den Ort. Zu dieser sollte man sich im Vorfeld mit einem Partner als Zweierteam anmelden. Konnte ich ja nicht, da ich als Alleinreisender unterwegs war…aber vor Ort hat man das schnell geregelt und ich wurde Fabio an die Seite gegeben einem freundlichen und englisch sprechenden Stahlradverleiher aus der Umgebung der auch einen Stand auf dem Teilemarkt hatte. Gestartet wurde in Zweiergruppen im Minutenabstand und die ersten paar hundert Meter ging es von der Polizei eskortiert bis zur abgesperrten Strecke. Es wurde eine Schleife am Rand des Ortes gefahren und nach kurzer Zeit kamen wir der Rennbahn wieder sehr nahe. Nun durften die Teams die Pferderennbahn sehr genau kennenlernen, vielleicht auch etwas zu genau?

Als Team nebeneinander sollte man ohne Zeitnahme-Hilfsmittel das Oval dieser Rennbahn möglichst gleichmäßig in einer bestimmten Zeit umrunden. Soweit so gut. Nur dass es eine Galopp-Rennbahn in Betrieb ist.  Also war die Bahn dementsprechend beschaffen…eine Buckelpiste erster Güte! Auf den schmalen Reifen war das wahrlich kein Vergnügen und man hatte gut damit zu tun sich irgendwie einen Weg durch die Hufspuren zu bahnen, während die Knochen kräftig durch geschüttelt wurden…..Aber lustig war es trotzdem, so etwas macht man ja auch nicht alle Tage und zuhause ist das ja undenkbar.
Dem ABC wird es wohl schwer gelingen in Bahrenfeld die Bahn nutzen zu dürfen um dort mit einem Haufen Alteisentreter seine Runden zu drehen… Wenngleich es eine Wohltat sein muss aber den Spuren der Traber zu fahren anstatt durch tiefe Galopperlöcher zu staksen.
Welche Zeit wir erreichten? Keine Ahnung, aber das auch gar nicht mehr wichtig. Es war ein echter Spaß und wir freuten uns daran den nachfolgenden beim kraxeln im langsamen Tempo zuzusehen.

Am Sonntagmorgen ging es vom Campingplatz auf zum Startplatz mitten im Ort direkt an der Waterkant. Hier fielen die doch wenigen Eingang und Vorkriegsräder auf, es waren fast nur Rennräder der 60er bis 80er Jahre vertreten mit mindestens 8 Gängen, mir schwante böses…Warum habe ich den bergtauglichen Kranz bloß zuhause gelassen, warum nur?

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Die begleitende Karawane aus Automobilen und Motorrädern der 50er bis 80er Jahre erwartete schon früh die Teilnehmer. Ein privates Team leistete sich sogar einen Servicewagen, deren Fahrer fahren alle auf gleichen Legnano Rädern mit.

Auch am Start war auch die Brigata Preneste, eine Truppe die mit Gepäck auf ihren Rädern anreiste und ohne Servicewagen oder Betreuer auskam aber dafür mit umsomehr Spaß und immer einem Lied auf den Lippen auf der Strecke anzutreffen war. Vielleicht schafft der ABC das auch bald so aufzutreten, …..wir arbeiten daran!

An einem schicken, alten herrschafftlichen Gemäuer war der erste Verpflegungspunkt aufgebaut, und die Sonne entfaltete nun auch ihre Kraft.

Das einzige Mal, dass ich auf Alessandra vom Livorneser Club warten durfte,… nach dieser Steigung wartete sie netterweise immer auf mich….sehr geduldig hatte man sich hier des tedeschi angenommen….“der arme, er hat doch keine Berge zuhause…, er kennt das so nicht.“ Locals können auch sehr nett und auskunftsfreudig sein, sie war ein wunderbarer Tourguide auf der Strecke.

Nach so manchen langen Steigungen freute man sich auch über einen der Brunnen zum Trinkflaschen auffüllen.
Wenn es morgens auch noch kühl war, so war der Tag mit seinen vielen Sonnenstunden und den vielen Hügeln nun schon nicht mehr ganz ohne….

Als das Meer durch die Häuser hindurch wieder zu sehen war freute ich mich darauf endlich bald wieder in flacheren Gefilden fahren zu können…

Aber nach einer Kurve kommt bekanntlich die nächste Kurve.
Und da waren sie wieder meine drei Probleme: die fehlende Übersetzung noch zwei andere
Unzulänglichkeiten…..

Aber für solch eine Aussicht lohnt er sich eben doch das Klettern (per Rad und auch einiges zu Fuß eben ohne die richtige Übersetzung und/oder die richtigen Beine).

Im Ziel gab es noch eine Präsenttasche unter anderem mit einer Flasche Wein und, was eher ungewöhnlich ist, einer großen Flasche Duschbad.
So konnte ich nicht nur Eindrücke, nette Erinnerungen, neue Bekanntschaften,
feine Teile, Klamotten sondern auch etwas praktisches für Zuhause mitbringen. Anstatt:
„ Noch ein Rad? Du hast doch schon eins!“

Und ja, ich brachte doch noch ein Rad mit und es  war netterweise sogar ein Geschenk:


http://www.letruscaciclostorica.it/
https://www.facebook.com/pages/4-Amici-Al-Bar/411339238933659
http://www.bolgherese.com/
http://www.rondinellebedandbreakfast.com/

L'Eroica 2015

Bella Italia im Matsch und Schlamm

Am Donnerstag, also drei Tage vor dem Geschehen begann die harte Realität auf dem Parkplatz neben dem ausgewiesenen Zeltplatz in Gaiole. Nach mehr als 1500 km Fahrt war nur noch ein einziger letzter Platz frei, gerade wie geschaffen für meinen bepackten VW Bus. Ich wollte die nächsten Tage nah am Geschehen sein und auch von der Fahrerlager-Atmosphäre etwas mitbekommen. Direkt nach dem Einparken ging es vorbei an den sachlich nüchternen sanitären Einrichtungen zum voll erblühten Teilemarkt; mal sehen ob noch etwas da ist?

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Einige Händler kennt man und macht einen Bogen um sie, andere begrüßt man nett und findet wieder etwas an deren Stand. Der Tag war ein Erfolg und der zweite Tag wurde trotz Regen und Wind genauso gut.

Am Freitag kamen Holger und Birgit noch zur Startnummer Ausgabe und der Kerl mit dem T3 samt Frau und Hund erwies sich als größter anzunehmender Glücksfall als Nachbar….es wurde sehr nett beim Essen im Sportlerheim. So richtig bodenständig und gemütlich.


Die Wettervorhersage für Sonntag ließ nichts gutes Ahnen. Wir, die Truppe aus Norddeutschland, das waren Holger, Frank, Tobias, Manfred und Matthias, hatten uns für die 75 km Strecke mit 1900 Höhenmetern entschieden. Auch mit dem Gedanken vor dem starken Regen und dem Gewitter wieder im Ziel sein zu können. Aber die Praxis sollte der Theorie noch zeigen wo der Hammer hängt.

Ab vier Uhr in der Früh wurde es emsig auf dem Platz, die Fahrer der 135 und 209 km machten sich fertig und wurden per Lautsprecherdurchsage in die noch stockdunkle Toskana entlassen.

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Die Anspannung stieg. Nun trudelte Frank ein, wir trafen uns mit Manfred und Holgi und der Shuttle Bus spuckte Tobias vor unsere Füße. So rollten wir an den Start, trockenen Fußes und mit breitem Grinsen im Gesicht. Aber das verging uns bald. Es begann zu regnen, erst leicht, dann etwas mehr und dann noch mehr.

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Als sich dann das Wasser in unseren Schuhen heimisch fühlte fragte man sich schon: Warum?

Weil das damals auch so war?

Aber die negativen Gedanken wurden weggelacht und ein riesiger Baum wurde zur Fotokulisse.

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Der Sand knirschte zwischen den Zähnen, die Beine hatten wie alles andere auch Schlammfarbe angenommen, die Rückennummern waren nicht mehr zu lesen vor Dreck, ganz zu schweigen von den schönen Rahmen der Räder. Alle und alles war mit braunem Schlamm überzogen das wurde deutlich als wir bei einem Wolkenbruch ähnlichen Guß Schutz unter Bäumen suchten. Wir waren auf einer schlammigen Bergab Passage und zogen es vor wegen schlechter Sicht lieber den Schauer abzuwarten. Das dauerte dann doch etwas länger, lohnte sich aber und wir hatten danach noch mehr Respekt vor der Strecke.
Die Rastpunkte waren von allen sehr begehrt, wenn man auch nicht zu lange bleiben konnte ohne auszukühlen. Dem Wein haben wir erst spät gefrönt, auch so waren wir “gut dabei”.

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Nüchtern und bei voller Konzentration zu bleiben zahlt sich auf den ausgewaschenen Wegen und den steilen Passagen aus. Man fährt in unseren Breitengraden nicht gerade häufig auf so unwegsamen Pfaden. Da muß man beherzt den Lenker fest anpacken und versuchen die Spur zu halten. Es gab zum Ende hin zwei Abfahrten, die es in sich hatten. Die erste Abfahrt ging nach einer tollen Pause auf ca 1,5 km mit sehr engen Kurven verflixt steil bergab. Die Bremsen und Felgen wurden heiß und nicht nur bei Tobias aus unserer Truppe knallte ein Reifen weg. Während des Reifentausches sahen wir die Nachfolger den Berg hinunter rasen und hörten noch andere Reifen platzen. Am Ende der Geraden mussten hier alle abrupt vor einem Stop Schild anbremsen Das war leider suboptimal gelöst worden, ansonsten war die Strecke wunderbar und machte Spaß zu fahren. Eine mehrere Kilometer Abfahrt lange auf tollem Asphalt kam dann später noch dazu.

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Auch hier stanken die Bremsbeläge bald und wurden zusehends immer dünner, die Hände hatten einiges zu tun um die Bremsgriffe weiterhin zu zu drücken. Und dann kamen die ersehnten letzten Kilometer über wunderschöne Wege auf denen wir klitschnass, saudreckig, müde und voller Euphorie nur noch bergab bis nach Gaiole rollten um glücklich die Ziellinie zu überqueren.

Die Pasta Party wird hier nach dem Fahren abgehalten und wir konnten so alle nochmal zusammen sitzen und uns an den letzten Stunden erfreuen.
Bis dem einen und anderen die Augen zu fielen…..

Mal sehen wer nächstes Jahr dabei sein wird?

8. Oktober 2015 / Michael

Velo Classico 2015

Ein kühler Morgen im September. Die Luft ist feucht, der Himmel bedeckt und die Stimmung ist herbstlich grau. Die Radsaison neigt sich dem Ende entgegen. Im Wald erhält das ohnehin gedämpfte Tageslicht einen Schleier von grün und braun. Da sind die plötzlich auftauchenden Farbtupfer ein fröhlicher Kontrast.

Im Dämmerlicht des Waldes sind die alten, verwaschenen Wolltrikots wahrhaft leuchtende Punkte. Gerade noch fuhren wir parlierend als geschlossenes Feld dahin. Nette Gespräche links und rechts, Technik-, Touren- und Ausrüstungstipps vorne und hinten. Welch angenehme Gesellschaft.

Das Peloton nimmt die Form einer Perlschnur an. Von der Spitze ist bereits das mahlende Schmatzen von mindestens 28 mm breiten Reifen im feinen Schotter zu hören. Die folgenden Fahrer versuchen irgendwie am Vordermann vorbei zu schielen, um ungeliebten Überraschungen des losen und unregelmäßigen Untergrundes aus dem Weg zu lenken. Sechzig Beine wuchten rund dreihundert Kilo Stahl über den schmalen Waldweg. Der Untergrund wird feiner und einen Augenblick später finden wir uns im Sand wieder. Es wird konzentriert gesteuert und nicht weniger konzentriert pedaliert. Hinter einer engen Kurve steigt der Weg steil an. Fast synchron greifen die Fahrer nach unten und lockern einen Pedalriemen. Bloß nicht stürzen weil man nicht rechtzeitig einen Fuß auf den Boden bekommt. Die Routiniers haben mit dem rechten Unterrohrschalthebel noch schnell in einen leichteren Gang geschaltet, bevor sie weiter nach unten griffen. Die anderen quälen die Kette nun unter hörbar mechanischer Geräuschkulisse auf ein größeres Ritzel. Das Problem habe ich mit meinem Starrgangrad nicht. Aber dafür muss ich ganz schön in die Pedale treten. Wo die Bremsschalthebel sind? – An den Rädern zu Hause!

Hier ist Retro angesagt. Wir befinden uns auf der 152 km langen sogenannten „Heldenrunde“ der „Velo Classico“. Wie bei der L’Eroica, dem großen italienischen Vorbild in der Toskana, geht es ebenfalls um eine kleine Hommage an die Anfänge des Radsports. Daher geht es auch über Stock und Stein, schließlich waren die Straßen damals auch alles andere als befestigt. Es sollte sich aber niemand abschrecken lassen. Die Route ist fein ausgesucht und führt durch eine wunderschöne, ruhige Landschaft. Die Abschnitte unbefestigter Wege sind insgesamt nicht besonders lang und problemlos zu bewältigen. Zudem werden auch noch zwei kürzere Strecken angeboten, die Genießer- und die Liebhaberrunde.

Allen Strecken gleich sind die mit Liebe ausgesuchten und vor allem betreuten Depots. Jedes Depot hat ein historisches Ambiente und manch historisches Gewand kommt zum Einsatz. Es herrscht eine absolut tiefenentspannte Atmosphäre und ich nehme mir an jedem Depot die Zeit mit den Leuten zu schnacken. Und von den regionalen Köstlichkeiten zu naschen…

Die Premiere der „Velo Classico“ fand im mecklenburgischen Ludwigslust statt. Start und Ziel waren auf der Hofdamenallee im weitläufigen Garten des Barockschlosses eingerichtet. Bei der Einfahrt ins Ziel war das Schloss eine fantastische Kulisse. Im Garten des Schweizer Hauses gab es ab Samstag Mittag einen kleinen Teilemarkt, exklusive Radfahrmode in Tweed und jede Menge Räder. Das Spektrum reichte vom professionell restaurierten Boliden bis zum Scheunenfund. Besonders beeindruckend  fand ich ein Opel Rennrad von 1906, welches von seinem Fahrer sogar über die „Heldenrunde“ getrieben wurde. Ansonsten wurde einfach viel gefachsimpelt und geschnackt. Das Schöne ist, dass irgendwie jeder eine persönliche, alte Fahrradgeschichte erzählen kann.  

Der organisatorischen und logistischen Raffinesse von Michael und Basti ist es zu verdanken, dass der ABC bei der Premiere der „Velo Classico“ einen beachtlichen Stand mit insgesamt neun Fahrrädern aus unterschiedlichen Epochen beisteuern konnte. „ABC-Sympathisanten“ verwöhnten uns sogar mit einem exklusiven ABC-Kuchen.

Am Sonntag fanden die Ausfahrten statt. Die Startzeiten waren so gestaffelt, dass alle Teilnehmer die zweite Tageshälfte im Garten des Schweizer Hauses bei Live Musik, Futter und Getränken genießen konnten. Bei nachmittäglichem Sonnenschein fand sich auch deutlich mehr Publikum ein als am Tag zuvor. Die Preisverleihung zum Ende der Veranstaltung brachte dann noch einmal echte Glanzlichter hervor. Zum Beispiel ein 30 Kilogramm schweres Schweizer Armeerad von 1935, welches von seinem Besitzer in Originaluniform über die Liebhaber-Runde bewegt wurde. (Da muss man sein Rad wirklich lieb haben.) Ferner wurden weitere besondere Räder und Radler/innen mit ausgesprochen stilvollem Outfit vorgestellt.

Da mir als Nicht-Hamburger manche Vereinsaktivitäten entfernungsbedingt vergönnt sind, habe ich die angenehme Zeit mit den ABC’lern Michael und Basti besonders genossen.  

Zum Ende einer sportlichen Radsaison fand ich die völlige Entschleunigung des Retro-Radelns und die vielen interessanten Gespräche äußerst angenehm. Und auch anregend. Denn nun beginnt wieder die Zeit des Pläneschmiedens. Willkommen Herbst.

Andreas /// Hamburg, den 25.9.2015

Überdosis Fahrrad: Paris – Brest – Paris 2015

„Paris – Brest“ die Kombination der beiden französischen Städte ist Musik in den Ohren von Radsport-Begeisterten, atmet Geschichte und Mythen, selbst ein Gebäck wurde danach benannt. Erstmals 1891 ausgetragen sollte das Radrennen Paris-Brest-Paris (PBP) angesichts der - damals alle Vorstellungen sprengenden - Distanz von 1200 Kilometern die große Leistungsfähigkeit des modernen, luftbereiften Fahrrads demonstrieren. Diese Demonstration glückte vollends und der erste Sieger, Charles Terront, avancierte in Frankreich zum hofierten Star. PBP, das aufgrund seiner Monstrosität, vor der seinerzeit Ärzte angesichts der „Überdosis“ Radfahren ausdrücklich warnten,  nur alle zehn Jahre stattfinden sollte, schrieb nicht nur Geschichte, sondern ebnete den Siegeszug des Fahrrads in und außerhalb Frankreichs. Auch in Deutschland, wo in der Folge ebenfalls „Distanzfahrten“ wie Wien-Berlin (1893) die Öffentlichkeit begeisterten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wandelte sich der Charakter vom Radrennen zur Langstreckenfahrt. Die „Randonneure“ (frz. Rad/Wanderer) nahmen sich PBP an und fuhren zumeist „gegen sich selbst“.

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Vor einigen Jahre hätte ich nicht einmal im Traum daran gedacht, eine Strecke von knapp über 1200 Kilometern in wenigen Tagen zu fahren - maximal 90 Stunden gestatten die Veranstalter, der Audax Club Parisien. Das Ziel, in Paris an den Start zu gehen, entwickelte sich bei mir ganz allmählich und fast „automatisch“ durch die Teilnahme an der Brevets der Audax Randonneurs Allemagne (ARA) in Hamburg. Im vergangenen Jahr war es dann irgendwann klar, dass Lars B. und meine Wenigkeit Paris-Brest-Paris fahren werden. Bei mir kommt hinzu, dass ich die Bretagne sehr gerne mag und dort auch schon auf Radreise unterwegs war. Die Vorstellung, von Paris in die Bretagne zu fahren, mit mehreren tausend mehr oder minder „Gleichgesinnten“, war einfach verlockend.

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Eine spezielle Vorbereitung genehmigte ich mir außer den notwenigen Brevets (200-600 km) und einigen mittleren bis längeren Ausfahrten nicht. Die Monate und Wochen verstrichen. Und auf einmal war es soweit und wir, Lars & Lars, reisten nach Paris. Am Samstag (19.8) holten wir unsere Unterlagen und die Rahmennummer – meine lautete J303, Lars war B234 - im Velodrom von St. Quentin en Yvelines ab und waren angetan von dem babylonischen Sprachgewirr und dem Anblick der Randonneure aus der ganzen Welt. Bärtige Inder, laute Texaner, Briten, ältere Franzosen, Japaner, Chinesen, herausgeputzte Italiener, wortkarge Finnen, massenhaft Deutsche, bis auf Afrika war wirklich fast die ganze Welt vertreten. Die Atmosphäre war wirklich besonders und versetzte uns in einige besondere Stimmung.

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Am nächsten Tag, dem Sonntag, sollte es dann endlich losgehen. Stunden vor dem Start merkte ich, dass ich aufgeregt bin. Wie bei einer Prüfung fühlte ich mich … und es sollte ja auch eine Prüfung werden. Lars startete zwei Stunden vor mir und dann ging es endlich um 18.00 Uhr auch für mich los.

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Der Weg raus aus der Stadt war etwas unübersichtlich, es wurde schnell gefahren und die ein oder andere gefährliche Stelle galt es zu umschiffen.

Je mehr wir uns von Paris entfernen, desto ruhiger wird es. Es sind viele Fahrer und Fahrerinnen unterwegs und so wechsle ich fleißig die Gruppen. Langsamere überhole, ich werde von Schnelleren überholt, einige trifft man immer wieder und kommt hin und wieder auch einmal ins Gespräch. Ich überhole noch bei Tageslicht zwei Italiener auf rund 100 Jahre alten Rädern, beide in mausgraue Wolle gewandet und mit obligatorischem Bartschmuck. Unglaublich, 1200 Kilometer mehr oder minder am Stück darauf zurückzulegen. 

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Es wird dunkel und alle rüsten sich für die Nacht, u.a. mit der PBP-Signalweste. Ich komme für meinen Geschmack ganz gut voran und erreiche nach 221 Kilometern um 2.36 Uhr die erste Kontrollstation in Villaines-la-Juhel. Nach kurzer Pause geht es weiter in die Nacht. Ich lasse mich treiben und fahre möglichst stoisch die Hügel rauf und runter. Eine „Strategie“ habe ich nicht wirklich, mal sehen wie weit ich komme.

Es wird hell. Im Laufe des Tages steigen die Temperaturen und gegen Mittag habe ich einen kleinen Hänger. Ich bin mehr oder minder durchgefahren, müde bin ich zwar nicht besonders, aber die Beine möchten jetzt etwas Ruhe. Kurz mache ich in der Nähe eines Friedhofs Rast und betrachte die vorbeifahrenden Teilnehmer. Ich fahre zwar kein Rennen, und achte auch nicht wirklich auf meine Zeit, aber das macht mich schon etwas unruhig. Also weiter.

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Die Landschaft ist anschließend sehr schön, selbstverständlich auch hier hügelig, und ich genieße manchen Blick. Hin und wieder kommt ein Zug von hinten, manchmal klinke ich mich ein. Einige sind mir aber zu schnell.

Abends wird es kühler, was sehr angenehm ist. Irgendwo vor Brest treffe ich Lars aus Altona, wir fahren anschließend zusammen (und werden dann auch zusammen, viele Stunden später, in Paris eintrudeln).

Die Kilometer vor Brest werden zunehmend anstrengender. Zum einen gilt es den Roc'h Trevezel zu bezwingen. Auf der folgenden Abfahrt nach Brest wird es jetzt, mitten in der Nacht, richtig kalt. Wir fahren ein Stück mit Matt, der die Gabe (oder das Problem, je nachdem …) hat, mit wirklichem jedem Menschen sofort ins Gespräch zu kommen. Der Weg nach Brest wird dann unangenehm kompliziert, es ist dunkel, immer noch hügelig, verwinkelt; ich bin froh als wir nach Mitternacht in der Kontrollstelle ankommen.

Freie Betten gibt es nicht mehr. Matt kommt mit ein paar Kartons an … „I’ve got my bed!“ So machen wir das auch. Die Rettungsdecken knistern, ich nehme die Signalweste als Decke und wir schlafen so zwei Stündchen. Und welch Wunder: der Schlaf ist erholsam. Wir essen etwas – ich tippe, dass es belegte Baguettes waren, kann mich aber aufgrund der ca. 19 Baguettes auf dem Weg nicht mehr so genau erinnern.

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Es geht wieder raus aus Brest. Es ist immer noch dunkel, aber nicht mehr ganz so kalt. Nebel taucht die Kulisse in eine unwirkliche Stimmung.

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Wir haben über die Hälfte hinter uns. Uns kommen jetzt viele Fahrer entgegen, auch einige Hamburger erkenne ich. Lars und ich haben ein ähnliches Tempo, vor allem bergab ist es in Grüppchen – von oftmals leichtgewichtigen Franzosen und Italienern – uns beiden nicht selten etwas zu langsam.

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Immer wieder stehen Menschen an der Straße oder rufen uns aus dem Auto zu. Es ist eine tolle Atmosphäre und es gibt einige Momente, die mich wirklich rühren. „Allez, allez“ wird mir jedenfalls in Erinnerung bleiben. Irgendwo kommen mir sogar Tränen angesichts der Schönheit der Landschaft – oder habe ich es geträumt?

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Die nächste Nacht. Um 22.40 Uhr kommen wir in Fougères an. Eigentlich wollten wir hier einige Stündchen ruhen. Die Kontrollstation ist angenehm, doch es zieht uns weiter. So machen wir uns auf den Weg und fahren wieder in die Nacht. Anfangs läuft es sehr gut, wir bilden mit einigen anderen ein kleines Grüppchen. Doch die Strecke bis zur nächsten Kontrollstation zieht sich. Ich sehe Dinge, wie beispielsweise einen Igel auf der Straße, die nicht da sind, wie mir gesagt wird. Irgendeiner, wird später erzählt, soll Elvis Presley in einem Baum gesehen haben; nun gut, so schlimm ist es bei mir zum Glück nicht. Die Dunkelheit, die psychedelischen Lichtreflexe der Lampen und strampelnden Beine haben aber eine berauschende Wirkung. Richtig müde bin ich aber eigentlich nicht.

Um 3.52 Uhr kommen wir in Villaines an. Schnell etwas essen und dann ruhen wir, dieses Mal in einem Schlafraum auf einer echten Matratze.

Morgens werde ich geweckt. Wo bin ich? Ach ja, stimmt ja, PBP, wieder aufs Rad. Über 1000 Kilometer sind wir jetzt schon unterwegs. Streng genommen reicht es mir mit Radfahren, aber die Strecke ist nun einmal etwas länger. Wir schließen uns mit Detlef zusammen und machen zwischendurch immer wieder mal ordentlich Druck. Wir kommen Paris jetzt immer näher.

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Weit ist es jetzt nicht mehr. Wir machen einige Witze, die Aussicht, demnächst vom Rad zu steigen, beschwingt doch ziemlich. Ich freue mich auf ein Bier. Und dann rollen wir auf das Gelände des Velodroms, einige Leute spenden Beifall und ich sehe Lars B. und wir klatschen uns ab.

Es ist geschafft, PBP liegt nach insgesamt 73 Stunden hinter mir (womit ich zwei Stunden länger benötigte als Charles Terront 1891). Im Ziel trinken wir zwei, drei  Bierchen und ich genehmige mir eine Dusche. Ich fühle mich ausgelaugt, habe aber bis auf eine etwas zwickende rechte Wade keine größeren Probleme. Ich hatte mir im Vorfeld einen meiner Brooks-Sättel aufs Rennrad montiert, eine weise Wahl, wenn ich mich ausnahmsweise einmal selber loben darf, denn ich hatte an dieser besondere Stelle der Kombination von Mensch/Maschine keinerlei Schmerzen. (Dafür hatte ich einen fiesen Kettenklemmer kurz vor St. Patrick, doch zum Glück war die Verpflegungsstelle mitsamt Radmechaniker nur rund einen Kilometer entfernt. Da hatte ich riesiges Glück).

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Im Ziel kommen wir mit einigen ins Gespräch. Der Niederländer von unserem Campingplatz erzählt von seinen Eindrücken. Neben uns sitzen auch zwei Beigleit-Motorradfahrer, mit denen wir ins Gespräch kommen. Sie sind ehrenamtlich dabei und sorgen für die Sicherheit der Teilnehmer/innen. Was für eine Begeisterung ist ihren Worten zu entnehmen. Sie berichten, dass es für sie auch nicht ganz ohne ist, die lange Strecke abzufahren und auf die Randonneure zu achten. Als Andenken schenken sie uns einen Aufnäher der „Motards du Paris-Brest-Paris“. Wir, Lars und ich, sind wahrscheinlich die einzigen Teilnehmer, die einen solchen Aufnäher bekommen. Die ehrenamtlichen Helfer, an die 2000 sollen es gewesen sein, machen PBP jedenfalls zu einer besonderen Veranstaltung. Es mag vielleicht nicht alles so professionell wie bei anderen „Events“ ablaufen, aber das Herzblut der Freiwilligen und der Menschen an der Strecke macht Paris-Brest so intensiv, finde ich.

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Einige Tage erfahre ich leider von Stürzen und Unfällen, von denen auch einige mir bekannte Personen betroffen waren. Ich hoffe, dass alle möglichst bald wieder wohlauf sein werden.

***

PBP – es war hart, es war traumhaft schön, es rührte mein Herz, es war eine Überdosis Fahrrad, es reichte irgendwann, es kann durchaus sein, dass ich noch einmal von Paris nach Brest und wieder zurück fahren werde …

***

(Tausend Dank an Lars für die Fittiche, Lars für Windschatten und gute Laune, die vielen Helferinnen und Helfer, die begeisterten Menschen an der Strecke, und diejenigen, die mich in den letzten Jahren im Langstrecken-Fahren motiviert und inspiriert haben).

***

Für die Freunde der Statistik: hier sind meine Zeiten.

Lars B. fuhr die Strecke in 55 Stunden und war damit fast einen ganzen Tag schneller als ich. Eine großartige Leistung! Hier sind seine Zeiten.

***

Fotos: Lars, Lars & Lars.

Hamburg, den 1. September 2015 / Lars A.

Verchromt, vernickelt und verrostet – die 18. Velocipediade in Bad Segeberg (07.08-09.08.2015)

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Das jährliche Treffen des Vereins für Historische Fahrräder e.V. ist für viele Liebhaber und fahrradaffine Menschen ein fester Termin im Jahreskalender. Hier kann man sich auf dem Teilemarkt „eindecken“, über die verschiedenen Philosophien der Fahrradrestauration streiten und nahezu alle Themen der Fahrradkultur diskutieren. In diesem Jahr ist die Rennkoppel in Bad Segeberg, ca. 50 Kilometer von Hamburg entfernt, der Austragungsort. Ein paar Stände stehen schon auf dem Platz, als ich am Donnerstagnachmittag eintreffe. Und nach einer herzlichen Begrüßung stellen auch wir unseren ABC-Pavillon vor der klassichen Holztribühne, wo sonst die Pferdesportbegeisterten sitzen, auf.

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Am Freitagmorgen beginne ich mit Nico und Yvonne unseren Stand einzurichten: Wir hängen die Wimpel an, bestücken die Vitrine und stellen unsere Fahrräder vor dem Stand auf und harren der Dinge die da kommen. Die ersten Teilnehmer melden sich an und auf dem Vorplatz treffen immer mehr Menschen und Fahrräder ein. Wie bei jeder Velocipediade (Velo) wird auch in diesem Jahr mit der traditionellen Auktion begonnen, die im Innenraum der Tribüne stattfindet. Ab 14.00 Uhr wechseln unter der fundierten Moderation von Dirk Breiholz seltene Fahrradteile, Plakate, Emailleschilder und natürlich Fahrräder den Besitzer. „Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten“, – das Schweizer Ordonanzrad aus den 1920er Jahren, geht bzw. fährt, wen wundert`s, zurück in die Schweiz.

Von unserem ABC-Stand aus haben wir unmittelbare Sicht auf die gegenüberliegenden Stände an denen bereits rege verhandelt, getauscht und gefachsimpelt wird. 

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Viele Besucher kommen auch zu unserem Stand, bestaunen die Exponate vom ABC, vom Radballer Gustav Koeping, das Kinderhochrad aus der Fam. des Kuntsradmeisters Richard Schulz und blättern durch Nikos neuen Fahrradkalender für 2016. Sie erkundigen sich nach unserem Verein, fragen nach was wir machen oder kennen uns bereits. Und so geht es den ganzen Tag weiter bis in die späten Abendstunden. Uwe zeigt mir noch ein paar interessante Aufnahmen von einem Harburger Straßenrennfahrer und Marco erzählt von seiner Hochradsammlung, bis ich nicht mehr aufnahmefähig bin und alkoholgeschwängert mein mehr oder weniger bequemes Quartier im Auto beziehe.

Nach einer sehr kalten Dusche auf dem angrenzenden Tennisgelände, stehe ich am nächsten Morgen neben unserer ABC Leinwand. Heute ist die Ausfahrt auf historischen Fahrrädern für die sich alle schick gemacht haben. Sehr eindrucksvoll lassen sich viele Teilnehmer im historischen Gewand fotografieren. Es sind auch einige Kinder und Jugendliche darunter, die sich ebenfalls in „Schale geworfen“ haben. Die Stimmung wird noch besser, als der Himmel „aufreisst“, die Sonne heraus kommt und die ca. 150 Teilnehmer auf ihren vernickelten, verchromten und verrosteten Fahrrädern zum Wardersee starten. Auf halber Strecke machen wir ein Picknick auf einer leicht abfallenden Wiese am Fuße des Wardersees und haben genügend Zeit uns auszuruhen und zu stärken. Bei strahlendem Wetter und fast defektfrei sind die Meisten gegen 14.00 Uhr am Veranstaltungsort zurück. Als wir eintreffen, herrscht schon reges Treiben am ABC-Stand. Unser Vereinsmitglied Michael beantwortet bereitwillig alle Fragen und freut sich über unsere Rückkehr. Turbulent verlaufen auch die nächsten Stunden, in denen sich wieder einmal alles um das Thema Fahrrad dreht. Ich bin immer wieder begeistert, welche Leidenschaften manche Liebhaber entwickeln, auch wenn mich technikgeschichtliche Exkurse nicht immer so detailliert wie manchmal vorgetragen interessieren.

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Auf der „nagelneuen“ Uferprommenade in Bad Segeberg schaue ich mir später noch das „Hochradgleichmäßigkeitsfahren“ und die akrobatischen Einlagen der Hochradfahrer an. Sehr eindrucksvoll steuern die Hochradfahrer ihre Gefährte über die Prommenade am Segeberger See und das Publikum applaudiert begeistert.  Der Abend klingt im Restaurant Klüthsee aus, wo sich die ca. 170 Teilnehmer versammeln. Nach den Reden vom stellvertrenden Bürgermeister von Bad Segeberg und  dem Vorsitzenden des Vereins Historische Fahräder e.V. , Gerd Eggers, der besonders die Gemeinschaft im Verein hervorhebt und die Organisatoren lobt, freuen sich alle aufs Essen. Ich mache mich nach einem deftigen und sehr leckeren Abendessen auf den Nachhauseweg. Auf der zweistündigen Fahrt in den Sonnenuntergang hinein, zog ich ein durchweg positives Fazit. Die zahlreichen Begegnungen in Bad Segeberg haben mir wieder einmal gezeigt, wie facettenreich die Fahrradkultur ist, wie viel Leidenschaft bei vielen dahinter steckt und wie viele sympathische Menschen man in dieser Szene trifft.

Im Namen des ABC möchte ich mich ganz herzlich bei den Organisatoren Nils Gronmeyer und Kay Kelterer sowie bei den zahlreichen Helfern bedanken, die eine tolle Velo 2015 organisiert und durchgeführt haben. Ein besonderer Dank geht auch an unsere ABCer Nico und Yvonne Thomas, Michael Jahnke, Basti Grünow sowie Nico Boer, die ihre Exponate zur Verfügung stellten, „angepackt haben“ und den ABC an diesem Wochenende vertraten.

Olli Leibbrand

Transcontinental Race

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Samstag 18. Juli 2015. – Ich stehe vor einer 10,0 Kilogramm wiegenden Maschine. Sie stellt für mich in gewisser Weise die höchste Evolutionsstufe einer Mensch-Maschine Kombination dar.

10,0 Kilogramm wohl gezogenen, von Hand gefügten Stahls sowie eine Komposition aus Aluminium, Titan und einigen anderen Materialien. 10,0 Kilogramm, die meine Muskelkraft effektiv in Bewegung umsetzen werden und mich mit meiner Minimalausrüstung einem definierten Ziel entgegen bringen werden.

Behutsam wische ich mit einem weichen Tuch den Staub der letzten Fahrt von den Rahmenrohren.

Jedes wichtige Detail wird einer letzten Prüfung unterzogen. Schweigend und gedankenversunken bleibe ich vor meiner Maschine stehen. Meinem Randonneur-Rad, das mir Günter Krautscheid gebaut hat.

Wahrscheinlich geht es in diesem  Moment rund zweihundertdreißig über Europa verstreuten Pedaleuren ebenso wie mir. Gedanken kreisen um Fragen, Sorgen und Unwägbarkeiten…aber auch die kraftvolle, innere Haltung, das Ziel zu erreichen.

Wie die Mücken ins Licht, werden die Pedaleure am Freitag den 24.07.2015 in das Zentrum von  Geraardsbergen in Flandern streben, um exakt zur Mitternacht im Scheine ihre Kopf- und Radlampen aufzubrechen.

Aufzubrechen zum Transcontinental Race, einem Radrennen der besonderen Art. Die Philosophie des Rennens ist ein ‚unsupported Race‘.  Das bedeutet jeder Fahrer trägt ausschließlich selber Sorge für seine Logistik. Unterstützung durch Dritte, wie etwa Begleitfahrzeuge, ist nicht erlaubt. Damit greift das Rennen den Geist der Geschichte der großen Rundfahrten auf. In den Anfängen konnten die Fahrer nicht auf Unterstützung hoffen und waren absolut auf sich allein gestellt. Beispielsweise mussten sie Reparaturen gemäß Reglement komplett alleine ausführen. Dramen haben sich ereignet und Mythen sind entstanden. Noch heute zählen diese zu den ganz großen Geschichten des Straßenradsports.

Wenn wir in Geraardsbergen starten, wird jeder Fahrer seine eigene große Geschichte erleben und innerlich festschreiben. Die Stoppuhr läuft vom Start bis zum Ziel. Jeder wählt seine Route, seine Etappen und seinen Rhythmus. Vier Kontrollpunkte sind während des Rennens zum Abstempeln der Brevet Karte anzufahren.  1. Mount Ventoux (ganz oben)  2. Strada dell’Assietta (ca. 40 km Schotter und ganz viel oben)   3. Vukovar (Kroatien ganz unten rechts)  4. Mount Lovcen, Montenegro (wieder ganz oben). Vom vierten Kontrollpunkt geht es (mehr oder weniger) direkt zum Ziel : Istanbul (Gesamtstrecke etwa 4.200 Kilometer)…

Weiteres nach der Rückkehr oder vielleicht auch mal von unterwegs.

Andreas, Startnummer 127

http://www.transcontinental.cc/

BPB – Brüssel-Paris-Brüssel – 600km-Brevet – 28./29. Juni 2015

Am Ende gab es Schokolade. Zuckersüß ging es aber keineswegs die ganze Zeit auf dem Brevet von Brüssel nach Paris und zurück nach Brüssel zu. Schließlich sollten genau 610 Kilometer zurückgelegt werden, nicht unbedingt ein Zuckerschlecken … Eigentlich wollte ich den mir noch fehlenden „600er“ Ende Mai in Hamburg fahren, allerdings merkte ich am Vorabend um 22.00 Uhr, dass ich noch keinerlei Vorbereitungen getroffen hatte. Dies war ein mehr als klares Zeichen für meine fehlende mentale Einstimmung. Ich entschloss mich deshalb später und woanders zu starten. Es schmerzte ein wenig, zu gerne wäre ich bei der „Brocken“-Tour dabei gewesen – es ging von Hamburg zum Brocken rauf und wieder zurück. Also hieß es für mich anderswo starten. Bloß wo? Viele Möglichkeiten blieben nicht mehr: Ostfalen, Kopenhagen … und Brüssel-Paris-Brüssel, worauf Magnus gestoßen war. Wir beschlossen gemeinsame Sache zu machen und zusammen dorthin zu fahren, um neben radsportlicher „Auslandserfahrung“ auch die Serie von 200-300-400-600km zu komplettieren.

Am Freitag ging es gegen Mittag per Bulli von Hamburg los, ich durfte nach längerer Stau-Abstinenz endlich einmal wieder einen Stau bei Hannover erleben; unterwegs sammelte ich Magnus ein, durchs Ruhrgebiet fuhren wir nach Belgien.

Abends, bei Dämmerung erreichten wir unser Ziel, die Kneipe „Wie anders?“, von der am Samstag Morgen der Brevet starten sollte. Die Kneipe mit dem „putzigen“ Namen hatte allerdings zu, ein belgisches Bier, um genau zu sein: zwei, gönnte ich mir allerdings auf dem zentralen Platz von Groot Bijgaarden, einem westlichen Vorort von Brüssel. Wir präparierten noch unsere Räder, packten die Sachen zusammen und legten uns dann im Bus ca. 30 Meter vom Startort entfernt schlafen.

Am nächsten Morgen wachten wir rechtzeitig auf, es war an der Straße doch etwas lauter als erwartet. Wir verabreichten uns ein schnelles Frühstück, rein in die Klamotten und so langsam sammelten sich auch schon die belgischen Randonneure vor der Kneipe. Die meisten Teilnehmer, Frauen waren nicht darunter, entschieden sich für die De Luxe-Version mitsamt Gepäcktransport und Übernachtung. Wir wollten hingegen die Harte Hunde-Nummer durchziehen: kein Schlaf, keine Dusche, kein Luxus, kein Schnickschnack. Wir waren ja schließlich nicht zum Vergnügen nach Belgien gefahren, sondern wollten ein wenig leiden.

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Ohne viel Tamtam und große Reden fuhren wir pünktlich um 8.00 Uhr los. Es ging Richtung Südwesten zum Wendepunkt namens, kein Witz, St. Witz, nach 280 Kilometern und rund 30 Kilometer von Paris entfernt. (Der Track findet sich hier). Anfangs fuhren wir durch Wallonien, ein Hügel folgte dem nächsten, keine nennenswerten Anstiege, dafür aber ein ständiges Auf und Ab. Zudem mussten wir uns auf dem Hinweg mit seitlichem Gegenwind arrangieren, der spürbar bremste.

Kurz hinter Mons erreichten wir nach 65 Kilometern die erste Kontrollstelle. Die Gruppe von ca. zehn Leuten, in der wir fuhren, machte erst einmal bei einem Kaffee Pause – Magnus und ich beschlossen alleine weiterzufahren. Bald erreichten wir die französische Grenze und durchquerten das Department Nord, ebenfalls recht wellig und hügelig. Es folgte eine traumhafte Strecke auf sehr ruhigen und zumeist kleinen Straßen. Es ging durch Wälder und kleine Ortschaften, bei mir machte sich Urlaubsstimmung breit.

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Bei Kilometer 100 erblickten wir Frank, den Veranstalter und einen Helfer, die in einem Waldstück eine Geheimkontrolle machten. Bei der Gelegenheit gab es für uns ein paar Getränke und ein paar Snacks.

Weiter ging es, allerdings merkte ich alsbald ein Zwicken im rechten Oberschenkel. Eine Krampfneigung kündigte sich an und wollte sich Bahn brechen und das nach rund 110 Kilometern. Nicht wirklich ideal, wenn noch 500 zu fahren sind … Lag es an der langen Autofahrt am Vortag? Ich begann jetzt wirklich zu schwächeln und bekam keinen Druck mehr aufs Pedal. Dazu ständig Hügel und Gegenwind. Negative Gedanken machten sich breit. Ich musste mich immer wieder hinter Magnus zurückfallen lassen, der mir in der Ferne den Weg wies. Ohne sein Navigationsgerät wäre ich zudem aufgeschmissen gewesen, denn die Strecke ohne ein solches zu fahren, wäre sicherlich möglich gewesen, hätte aber vermutlich neun Tage benötigt.

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Es nützte alles nichts: Ich durchlebte eine veritable Krise und das bereits nach verlgeichsweise wenig Kilometern. Die 200 wollte ich aber jedenfalls voll machen, um dann zu schauen ob ich nach den Tausend Toden an den Tausenden Hügeln eine Wiedergeburt erleben könnte. Zudem hatte Frank ein solch menschenleere Strecke entworfen, dass ein Ausstieg per Bus und Bahn praktisch wohl kaum möglich gewesen wäre. Vielen Dank auch dafür noch einmal, Frank! Zudem sprach mir Magnus gut zu, vielen Dank noch einmal für die Hilfe, Magnus!

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Irgendwie ging es weiter. Ich berappelte mich nach einiger Zeit ein wenig. Wir kamen schließlich Paris und damit dem Wendepunkt näher. Die Aussicht auf bessere Winde, sprich: Rückenwind, belebte mich und meine müden Knochen zusätzlich. Ich konnte jetzt endlich wieder die Strecke genießen: die einsamen Straßen, die leeren Dörfer, und auch die Hügel entfalteten auf einmal eine Ästhetik, die mir zuvor noch verschlossen geblieben war. Ungefähr alle 30 Minuten überholte uns einmal ein Auto, teilweise kam es mir vor als ob wir die letzten Menschen auf der Welt seien. Die wenigen Autofahrer waren zudem Franzosen und keine Deutsche – ein Unterschied wie Tag und Nacht, den ich jedes Mal auf dem Fahrrad in Frankreich erlebe.  

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Wir machten jetzt regelmäßig, aber zumeist kurze Pausen. Etwa in Pierrefonds nach 230 Kilometern. Wir konsumierten einiges an gezuckerten Kaltgetränken, sommerlich und warm war es geworden.

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Weiter ging es Richtung Süden. Das letzte Stück zum Wendepunkt in St. Witz, ca. 30 Kilometer nördlich von Paris war wieder ein Waldgebiet, weshalb es angenehm kühl wurde.

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In St. Witz erwartete uns schon Frank, wieder mit Getränken und kleinen Stärkungen. Die erste Gruppe kam uns frisch geduscht und fertig für das abendliche Unterhaltungsprogramm entgegen. Wir verabreichten uns Pizza und Nudeln und machten uns danach fertig für die Nacht.

Es wurde jetzt dunkel. Die folgende Strecke sollte ca. 60 Kilometer durch einen Wald und den Naturpark Oise gehen. Der Abschnitt gestaltete sich recht schwierig für eine Nachtfahrt, da wir auf sehr kleinen Straßen fuhren und ständig mit Schlaglöchern rechnen mussten. Mehrere Male kamen wir Rehen ziemlich nahe, was eine weitere Gefahr darstellte. Dann folgte auch noch eine Sandpassage … Eine Liegeradfahrer schloss von hinten auf und zu dritt versuchten wir die Wege möglichst gut auszuleuchten. Magnus und ich fuhren die ganze Zeit nebeneinander, um mehr Licht zu haben, was ganz gut funktionierte

Wir erreichten Chantilly und das dortige Schloss. Das Kopfsteinpflaster war ein echter Material- und Nerventest. Den sandigen Fußweg konnten wir in der Dunkelheit nicht sehen. Wir erfuhren von unserem Begleiter, dass Ludwig XIV. und die anderen französischen Könige das Gebiet als Jagdrevier verwendeten und zum Plaisir den einen oder anderen Hirsch erlegten.

Unsere Freude stieg beträchtlich als wir aus dem Wald herauskamen und auf größeren Straßen unseren Weg in Richtung  Compiègne fortsetzen konnten. Dort angekommen wollten wir eigentlich unsere Flaschen nachfüllen und ein wenig Essen besorgen. Wir verpassen aber die Stadtmitte und fahren einfach weiter.

Es war jetzt tiefe Nacht. War es tagsüber schon menschenleer, so ist die Gegend nun völlig ausgestorben. Geschlossen waren auch die nächsten beiden Kontrollstellen, eine in Noyon gelegen. Dort begutachtete uns nur die örtliche Polizei aus ihrem Auto und das gleich mehrmals. Haben die Herren französischen Polizisten etwa noch nie etwas von Randonneuren gehört, die die Nacht zum Tag machen?

Die 400 Kilometer machen wir kurz danach voll. So langsam wird es schon ein wenig hell am Himmel. Der Morgen lässt aber noch auf sich warten, während gleichmäßig und gleichmütig pedalieren. Wir durchfahren Péronne, weiter nach Norden, vom Department Somme geht es wieder ins Department Nord. Irgendwann kommt dann der magische Moment: die Sonne geht auf. Es wird hell und wir können frohen Mutes wieder etwas mehr Fahrt aufnehmen.

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So langsam macht sich aber Hunger bemerkbar. In einem Dorf reicht es verführerisch nach frischem Brot und Croissants. Die Bäckereien haben aber leider noch nicht geöffnet. Wir werden müde und beschließen gegen 6.00 Uhr ein wenig in einem „EC-Hotel“ zu ruhen. In einer Filiale von Credit Agricole machen wir es uns gemütlich. Herrlich wie die Geldautomaten wärmen! Nach 15 Minuten wachen wir auf, der Wecker klingelt. Guten Morgen. Wir haben da ja noch etwas vor, fast hätte ich es vergessen. Überraschung, Überraschung: Ich fühle mich recht frisch. Schnell geht es weiter, bevor noch ein Kunde Geld abheben möchte.

Endlich finden wir dann auf dem weiteren Weg eine geöffnete Boulangerie. Die Croissants sind etwas enttäuschen, dafür mundet die Cola ziemlich gut. Dafür sind die Zeichen der kommendenTour de France nicht zu übersehen. Hier und auch andernorts.

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Es wird jetzt immer wärmer und wir genießen die Fahrt. In der Erinnerung verschwimmen die vielen Orte und Dörfer zu einer langen Kette kurzer schöner Momente.

Ein Stück wird aber vor allem in Erinnerung bleiben. Bei Carnières fahren wir zwei Kilometer der Strecke von Paris-Roubaix. Die Pflastersteine in Verbindung mit den Anstiegen und Abfahrten sind im wahrsten Sinne des Wortes eindrucksvoll. Wir machen ein paar Poser-Fotos von uns. (Dieser Teil der Strecke wird auf der vierten Etappe der diesjährigen Tour de France befahren werden, wie ich später erfahren werde).

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Wir überholen irgendwo im Rausch eine Parade historischer und qualmender Traktoren.

Irgendwo anders sind wir auf einmal kurz Teil einer Fahrrad-Demo mit ganz vielen Kindern.

Nach etwas mehr als 500 Kilometern erreichen wir wieder Belgien. Es wird jetzt wirklich heiß. Ich bin mal wieder ganz in schwarz gewandet … Ich muss mal wieder Pause machen.

Wir fahren anschließend sehr lang an einem Kanal entlang. Bäume spenden immer wieder willkommenen Schatten. Ausflügler kommen uns entgegen oder  werden von uns überholt. Wir wollen jetzt wirklich ins Ziel, es ist schließlich schon Nachmittag und so langsam reicht es denn auch.

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Gegen Ende haben wir ausnahmsweise einmal kleinere Probleme mit der Navigation. Nach 570 Kilometern fahren wir durch Geraardsbergen, die dortige „Muur“ müssen wir zum Glück nicht hoch.

Weiter geht es am Kanal. Auf einmal, kurz vor der Ankunft, kommt uns Frank, der Veranstalter, entgegen. Wir seien die 4 und die 5, die ins Ziel eintrudeln. Er geleitet uns ein paar Kilometer zu sich nach Hause nach Groot Bijgaarden. Im Ziel gibt es dann – mal wieder – eine kalte Cola und ein paar Snacks. Wir übergeben unsere Kontrollkarten und berichten über unsere Erfahrungen und bedanken uns. Kurz danach kommt Rick. Wir schnacken ein wenig, wollen aber dann zurück zum Bus, um Essen zu fassen und uns ein wenig dringend notwendigen körperlichen Hygiene widmen. Im Bus machen wir uns lang – und schlafen schnell ein. Das von Frank versprochene belgische Bier verpasse ich deshalb leider, was natürlich äußerst schade ist.

Nach zehn Stunden wachen wir – wie neugeboren – auf. Wir haben die 600 Kilometer zurückgelegt. Wir beide, Magnus und ich, sind die ganze Serie gefahren und damit „Super Randonneur“. Nicht zuletzt sind wir für Paris-Brest-Paris qualifiziert. Es fühlt sich gut an.

***

Vielen Dank an Frank für die wunderschöne Strecke und den Support, tausend Dank an Magnus für die gemeinsame Erfahrung und das zwischenzeitliche „Mitziehen“. Ein Großes Danke auch an Stefan für seinen Bus, der den ganzen Trip deutlich vereinfacht hat.

Brevet fahren in Belgien und  Frankreich – ich bin begeistert! Viel besser kann es nicht werden.

Nach BPB kann PBP also kommen. Bald, im August, ist es so weit …  


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Hamburg, den 1. Juli 2015 / Lars A.

Streckeninspektion Haderslev-Hamburg

Haderslev-Hamburg, das Radrennen, welches seit über 100 Jahren im Dornröschenschlaf liegt, soll im September vom ABC wieder ins Leben gerufen werden.

Doch bevor man die hoffentlich zahlreichen Teilnehmer auf die Strecke schicken kann, sollte die Strecke vorher abgefahren werden, um die Fahrer gesund und zufrieden nach Hamburg zu lotsen.

Was lag da näher, als den Dänemark-Urlaub dafür zu nutzen, um auf dem Rückweg dieses zu tun.

Lars A. und Stefan wollten eigentlich auch mitfahren. Da die Wetteraussichten für diesen Tag Regen und Temperaturen unter 10 Grad prophezeiten, entschieden sie sich klugerweise dagegen. Stur wie ich bin, ignorierte ich diese Bedingungen, und sollte dafür meinen Preis zahlen.

Dänemark ist zwar klein, trotzdem waren es 75 km Anreise um von Haderslev aus zu starten.

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Glücklicherweise blies ein kräftiger Rückenwind, der ab Haderslev leider mehr von der Seite und von vorne ein weiteres, schnelles Dahinrollen unterbinden sollte.

Morgens um acht fuhr ich dann ab Hadersleben, wie es auf deutsch heißt, durch eine hügelige, einer Modelleisenbahn ähnlichen Landschaft gen Süden. Bereits nach wenigen Kilometern setzte ein leichter Sprühregen ein, der ab nun mein ständiger Begleiter sein sollte.

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Leider waren meine Beine an diesem Tag noch schlechter als das Wetter, was die Aussichten für den Rest des Tages trübte. Ob es an dem 400er Brevet eine Woche zuvor lag oder an der fettigen, belgischen Leibspeise, welche ich mir am Abend zuvor gönnte und welche auch die Dänen nicht verachten, weiß ich nicht.

So sank das Tempo und meine Laune. Demut musste einkehren um zu akzeptieren, dass es noch viele Stunden so weitergehen sollte.

Ab Abenraade ging es an einer Bundesstraße immer geradeaus. Zum Glück verläuft parallel die Autobahn, so dass der Verkehr nicht wirklich störte.

Kurz nach der Grenze erreichte ich Harrislee, wo ich in einer Bäckerei eine Pause einlegte. Die Ausläufer von Flensburg störten kurzzeitig mit mehr Verkehr, bevor ich wieder ruhigeres Fahrwasser fand.

Die nächsten Stunden wurden dann sogar so ruhig, dass ich ich keine Tankstelle oder ähnliches fand, um mich zu verpflegen. Erst in Hohn wurde ich fündig, wo ich meine fast leere Trinkblase bis zum Anschlag füllte. Weiter ging es in ruhiger Natur, die Wirtschaftswege waren praktisch autofrei.

Erst in der Peripherie von Hamburg wurde ich wieder aus meiner Ruhe gerissen.

Über Quickborn, welches ich nicht „quick“ eher „slow“ durchquerte, ging es über Rellingen nach Hamburg.

Eigentlich wollte ich noch einen Abstecher zur Radbahn in Stellingen machen, wo wir in meinen Träumen im September ähnlich wie bei Paris-Roubaix noch eine Runde drehen werden. Jedoch entschied ich mich dafür, die fahrradfeindliche Kieler Straße als Abkürzung zu nutzen, da aus dem Nieselregen ein kräftiger Schauer wurde und die 250km ab Haderslev schon zu Buche standen.

Wahrscheinlich bin ich nun das erste ABC-Mitglied seit über 100 Jahren, welches diese Strecke unter die Räder nahm. Und wahrscheinlich auch der Langsamste seit Bestehen.

Dreimal verlief die Strecke über nicht asphaltierte Abschnitte, so sollte am Streckenverlauf noch etwas gefeilt werden. Aber bis September ist ja noch etwas Zeit.

Hamburg, den 18. Mai 2015 / Lars B.

400km-Brevet ARA Hamburg, 8./9. Mai 2015

Gestern ging es weiter mit dem nächsten, abermals um einiges längeren Brevet der Audax Randonneurs Allemagne (ARA) Hamburg. Oder genauer gesagt: vorgestern ging es weiter. Denn der „400er“ startete bereits am Freitag um 22.00 Uhr. Anstatt uns morgens aus den Betten quälen zu müssen, konnten wir also mehr oder minder entspannt abends losfahren; allerdings mit dem kleinen Nachteil, dass die Nacht durchgefahren werden musste. Das Radfahren in der Nacht hat einen ganz eigenen Charakter. Weil auf den richtigen langen Brevets, den „Super-Brevets“ wie Paris-Brest-Paris auch etliche Kilometer in der Nacht abgespult werden müssen, kann es nicht schaden, dies vorher bereits zu praktizieren, dachten sich die Veranstalter Claus und Hanno.

Auf dem Hinweg machten Lars B. und ich einen großen Bogen um die Ausläufer des Hafengeburtstages und trudelten rechtzeitig im Treffpunkt in Rothenburgsort ein. Dort meldeten wir uns schnell an, begrüßten einige bekannte Gesichter und dann ging es auch schon los. Bereits nach wenigen Minuten entdeckte ich dann eine böse Überraschung. Die Akkus von meiner „Haupt“-Lampe waren so gut wie leer. Am Vortag hatte ich sie in der Lampe aufgeladen und auch das Symbol für den vollständigen Ladevorgang entdeckt, doch irgendetwas scheint da nicht funktioniert zu haben. Ich hatte zwar noch eine zweite Vorderlampe und eine Helmleuchte an Bord, trotzdem beunruhigte mich diese Neuigkeit. Viel Zeit und Ruhe zum Grübeln hatte ich aber nicht, denn der Weg raus aus der Stadt war im Pulk eng und anstrengend zu fahren, dunkel war es zudem auch noch.

Irgendwann wurden dann die Straßen breiter und es allgemein ruhiger. Wir fuhren Richtung Osten über Stemwarde, um dann nach Norden zu drehen. Die erste Kontrolle lag in Eutin nach etwas mehr als 100 Kilometern. Bis dahin fuhren wir in einer größeren Gruppe, die Straße war deshalb zumeist gut ausgeleuchtet. Wir passierten jedoch einige schmalere Wege mit Anstiegen und Abfahrten, bei denen sich die Gruppe auseinander zog.

Weiter ging es in Richtung Fehmarn. Das Wetter war nicht wirklich ideal, ein leichter Regen war unser ständiger Begleiter. Als wir die Fehmarnsund-Brücke passierten kam uns bereits eine Gruppe  entgegen. In dieser befand sich auch Lars. Sie waren uns bereits zehn Kilometer voraus. In Burg auf Fehmarn versuchten wir dann verzweifelt einen Stempel zu ergattern. Hier konnte die Kontrollstelle frei gewählt werden, was in einem Ort wie Burg um 5.00 Uhr morgens gleichwohl ein nicht ganz leichtes Unterfangen darstellt. Zwei Polizisten verweigerten einen Stempel, sie hätten gerade einen Einsatz, vermutlich der einzige in dem gesamten Halbjahr. Das war natürlich Pech für uns. So ging es als in der kopfsteingepflasterten Hauptstraße (?) hin und her und her und hin, bis wir endlich eine  nette Dame in einer noch geschlossenen Bäckerei irgendwie überzeugen konnten, uns allen den so dringlich gewünschten Stempel mitzugeben.

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Kurz danach begann es zu dämmern und ich begann aufzuatmen. Mir war jetzt aber recht kalt, aber wie so oft im Leben: immer wenn man einmal – ausnahmsweise – einen Hügel benötigt, dann ist keiner da. Ein Gesetz, das in Norddeutschland noch einmal weiter verbreitet ist als in südlicheren Gefilden.

In Heiligenhafen machten wir gegen ca. 3 Uhr Rast in einer Tankstelle, die auf Randonneure in der Nacht eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben, fast schon wie die Motten zum Licht. Wir machten es uns in der Tanke gemütlich, so weit dies möglich war, obwohl hier gar keine Kontrollstelle war. Die folgte etwas später in Oldenburg. Schön war dann der Moment als wir die Ostsee erreichten und an dieser bis Timmendorfer Strand entlang fuhren. Auch hier war wieder freie Stempelwahl, was dieses Mal deutlicher leichter ausfiel.

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Mit der Fähre ging es auf den Priwall rein nach Mecklenburg. Unsere Gruppe fiel mit ca. 15 Leuten recht große aus. Entsprechend häufig folgten Stopps, sei es zum Flicken, Pinkeln, Regenjacke anziehen, Sachen ausziehen etc.

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Kurz hinter Rehna machten wir die „300“ voll. Ich fühlte mich eigentlich ganz gut und dann auf den letzten 100 Kilometern teilweise sogar für mich selber überraschend recht fit. Die zwischenzeitlichen Sonnenstrahlen und die Wärme tat sehr gut. Vor allem waren es aber auch die schöne Wege, die wir fahren durfte, die mir trotz der latenten Müdigkeit viel Spaß machten.

In Möln trennte sich unsere Gruppe. Einige andere und ich auch wollten sofort weiter und nicht schon wieder eine längere Pause machen. So ging es also dann mit sechs Leuten Richtung Hamburg. Über Escheburg ging es nach Börnsen, der letzten Kontrollstelle. Es wurde jetzt richtig warm, was nach dem Regen und der nächtlichen und frühmorgendlichen Kälte sehr angenehm war. An der Reitbrooker Mühle benutzten wir die Kontrollzange und ließen es dann bis zum Ziel in Rothenburgsort ruhig ausrollen. In der letzten Gruppe fuhr auch ein Lars aus Altona mit. Wäre Lars B. auch dabei gewesen, der zu dem Zeitpunkt natürlich schon längst wieder zu Hause weilte, wären wir sogar bei sieben Personen drei Larse aus Altona gewesen, was vermutlich jegliche Wahrscheinlichkeitsrechnung gesprengt hätte.

Danke an die Mitfahrer, Lars & Co., für die schöne Tour, es hat Spaß mit Euch gemacht. Vielen Dank vor allem auch an Claus und Hanno für die tolle Strecke.

Die Nacht ist nicht nur zum schlafen da – auch Radfahren lässt sich nachts ganz gut.

Hamburg, den 10. Mai 2015 / Lars A.

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