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400km-Brevet ARA Hamburg, 8./9. Mai 2015

Gestern ging es weiter mit dem nächsten, abermals um einiges längeren Brevet der Audax Randonneurs Allemagne (ARA) Hamburg. Oder genauer gesagt: vorgestern ging es weiter. Denn der „400er“ startete bereits am Freitag um 22.00 Uhr. Anstatt uns morgens aus den Betten quälen zu müssen, konnten wir also mehr oder minder entspannt abends losfahren; allerdings mit dem kleinen Nachteil, dass die Nacht durchgefahren werden musste. Das Radfahren in der Nacht hat einen ganz eigenen Charakter. Weil auf den richtigen langen Brevets, den „Super-Brevets“ wie Paris-Brest-Paris auch etliche Kilometer in der Nacht abgespult werden müssen, kann es nicht schaden, dies vorher bereits zu praktizieren, dachten sich die Veranstalter Claus und Hanno.

Auf dem Hinweg machten Lars B. und ich einen großen Bogen um die Ausläufer des Hafengeburtstages und trudelten rechtzeitig im Treffpunkt in Rothenburgsort ein. Dort meldeten wir uns schnell an, begrüßten einige bekannte Gesichter und dann ging es auch schon los. Bereits nach wenigen Minuten entdeckte ich dann eine böse Überraschung. Die Akkus von meiner „Haupt“-Lampe waren so gut wie leer. Am Vortag hatte ich sie in der Lampe aufgeladen und auch das Symbol für den vollständigen Ladevorgang entdeckt, doch irgendetwas scheint da nicht funktioniert zu haben. Ich hatte zwar noch eine zweite Vorderlampe und eine Helmleuchte an Bord, trotzdem beunruhigte mich diese Neuigkeit. Viel Zeit und Ruhe zum Grübeln hatte ich aber nicht, denn der Weg raus aus der Stadt war im Pulk eng und anstrengend zu fahren, dunkel war es zudem auch noch.

Irgendwann wurden dann die Straßen breiter und es allgemein ruhiger. Wir fuhren Richtung Osten über Stemwarde, um dann nach Norden zu drehen. Die erste Kontrolle lag in Eutin nach etwas mehr als 100 Kilometern. Bis dahin fuhren wir in einer größeren Gruppe, die Straße war deshalb zumeist gut ausgeleuchtet. Wir passierten jedoch einige schmalere Wege mit Anstiegen und Abfahrten, bei denen sich die Gruppe auseinander zog.

Weiter ging es in Richtung Fehmarn. Das Wetter war nicht wirklich ideal, ein leichter Regen war unser ständiger Begleiter. Als wir die Fehmarnsund-Brücke passierten kam uns bereits eine Gruppe  entgegen. In dieser befand sich auch Lars. Sie waren uns bereits zehn Kilometer voraus. In Burg auf Fehmarn versuchten wir dann verzweifelt einen Stempel zu ergattern. Hier konnte die Kontrollstelle frei gewählt werden, was in einem Ort wie Burg um 5.00 Uhr morgens gleichwohl ein nicht ganz leichtes Unterfangen darstellt. Zwei Polizisten verweigerten einen Stempel, sie hätten gerade einen Einsatz, vermutlich der einzige in dem gesamten Halbjahr. Das war natürlich Pech für uns. So ging es als in der kopfsteingepflasterten Hauptstraße (?) hin und her und her und hin, bis wir endlich eine  nette Dame in einer noch geschlossenen Bäckerei irgendwie überzeugen konnten, uns allen den so dringlich gewünschten Stempel mitzugeben.

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Kurz danach begann es zu dämmern und ich begann aufzuatmen. Mir war jetzt aber recht kalt, aber wie so oft im Leben: immer wenn man einmal – ausnahmsweise – einen Hügel benötigt, dann ist keiner da. Ein Gesetz, das in Norddeutschland noch einmal weiter verbreitet ist als in südlicheren Gefilden.

In Heiligenhafen machten wir gegen ca. 3 Uhr Rast in einer Tankstelle, die auf Randonneure in der Nacht eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausüben, fast schon wie die Motten zum Licht. Wir machten es uns in der Tanke gemütlich, so weit dies möglich war, obwohl hier gar keine Kontrollstelle war. Die folgte etwas später in Oldenburg. Schön war dann der Moment als wir die Ostsee erreichten und an dieser bis Timmendorfer Strand entlang fuhren. Auch hier war wieder freie Stempelwahl, was dieses Mal deutlicher leichter ausfiel.

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Mit der Fähre ging es auf den Priwall rein nach Mecklenburg. Unsere Gruppe fiel mit ca. 15 Leuten recht große aus. Entsprechend häufig folgten Stopps, sei es zum Flicken, Pinkeln, Regenjacke anziehen, Sachen ausziehen etc.

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Kurz hinter Rehna machten wir die „300“ voll. Ich fühlte mich eigentlich ganz gut und dann auf den letzten 100 Kilometern teilweise sogar für mich selber überraschend recht fit. Die zwischenzeitlichen Sonnenstrahlen und die Wärme tat sehr gut. Vor allem waren es aber auch die schöne Wege, die wir fahren durfte, die mir trotz der latenten Müdigkeit viel Spaß machten.

In Möln trennte sich unsere Gruppe. Einige andere und ich auch wollten sofort weiter und nicht schon wieder eine längere Pause machen. So ging es also dann mit sechs Leuten Richtung Hamburg. Über Escheburg ging es nach Börnsen, der letzten Kontrollstelle. Es wurde jetzt richtig warm, was nach dem Regen und der nächtlichen und frühmorgendlichen Kälte sehr angenehm war. An der Reitbrooker Mühle benutzten wir die Kontrollzange und ließen es dann bis zum Ziel in Rothenburgsort ruhig ausrollen. In der letzten Gruppe fuhr auch ein Lars aus Altona mit. Wäre Lars B. auch dabei gewesen, der zu dem Zeitpunkt natürlich schon längst wieder zu Hause weilte, wären wir sogar bei sieben Personen drei Larse aus Altona gewesen, was vermutlich jegliche Wahrscheinlichkeitsrechnung gesprengt hätte.

Danke an die Mitfahrer, Lars & Co., für die schöne Tour, es hat Spaß mit Euch gemacht. Vielen Dank vor allem auch an Claus und Hanno für die tolle Strecke.

Die Nacht ist nicht nur zum schlafen da – auch Radfahren lässt sich nachts ganz gut.

Hamburg, den 10. Mai 2015 / Lars A.

Tour ins Alte Land, 18. April

Gestern fuhren wir, wie auf diversen Kanälen angekündigt, ins Alte Land. Wenn es nach uns ginge, am Besten auf “Alteisen”, auf historischen Fahrrädern. Gegen 11.00 Uhr versammelten sich immerhin 26 Personen auf dem Altonaer Balkon, darunter bekannte und unbekannte Gesichter. André hatte auch noch einmal getrommelt (vielen Dank dafür) und so machten wir uns mit einem stattlichen Grüppchen auf zur Fähre nach Övelgönne. Auf der anderen Seite warteten schon die ABCer aus Finkenwerder, York und Umgebung. Nach einer kleinen Runde durch “Downtown”-Finkenwerder rollten wir dann in Richtung Stade. Die allermeisten waren auf Rennrädern unterwegs und etliche trugen historische Radtrikots, welche das Peloton zu einer farbenfrohen Angelegenheit werden ließen. Die Gruppe auf der kleineren Runde (40 km) fiel hingegen mit drei Personen recht klein ausfiel; ich hoffe, dass Ihr auch eine Menge Spaß hattet.

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Über Cranz ging es die Elbe hinab. Wir fuhren zumeist am Deich entlang und konnten den Blick auf die Elbe und immer wieder auch den Gegenwind genießen. In Grünendeich gab es grünen Deich zu bestaunen und unaufhaltsam (mit einer kleinen, schnell behobenen Panne) näherten wir uns Stade. Die Ankunft ebenda fiel “dramaturgisch” recht gelungen aus. Durch kleine Gässchen fuhren wir zum Hafen, wo sich dann der Blick auf die alten, pittoresken Häuser öffnete, alles noch “garniert” mit historischen Rennrädern und gutgelaunten Fahrerinnen und Fahrern.

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Am Fischmarkt parkten wir unsere Räder und fielen über ein Eis-Café her. Dort verpflegten wir uns mit gigantischen Eisbechern, Apfelstrudel, Flammkuchen, Kaffee und Tee, Alster, usw. usf. Den Namen des Cafés habe ich leider vergessen (irgendetwas mit “R”, glaube ich), aber die Labestation kann dem Bicyclisten uneingeschränkt empfohlen werden. Die Sonne wärmte jetzt angenehm und die Stimmung stieg angesichts des leiblichen Wohls noch einmal an.

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Nach der Stärkung ging auf anderen Wegen und mit Rückwind zurück. Wir fuhren auf ruhigen Streckenabschnitten und ließen es zwischendurch immer einmal wieder laufen. Über Horneburg pedalierten wir nach Buxtehude, um uns dann Finkenwerder langsam wieder zu nähern.  

Am Fähranleger endete dann die rund 75 km lange Tour, die mir und ich hoffe den anderen auch viel Spaß und Freude bereitet hat. Auch wenn von der Kirschbaumblüte noch nicht viel zu sehen war, war die Yvonne und Bernhard ausgewählte Route - vielen Dank dafür auch noch einmal an dieser Stelle! - sehr schön und reizvoll.  Die Gruppe war zudem gut gemischt - nicht wenigen Frauen war zu verdanken, dass die Tour keine “Altherrenfahrt” wurde.

Wir hoffen, dass alle heil und frohen Mutes nach Hause gekommen sind. Vielleicht sehen wir uns ja einmal wieder in nächster Zeit. Der ABC würde sich freuen.

Hamburg/Altona, den 19. April 2015 / Lars A.

300km-Brevet ARA Hamburg, 11. April

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Am vergangenen Samstag startete der erste 300km-Brevet von ARA Hamburg. Frühes Aufstehen war angezeigt und angeraten, denn wir mussten spätestens um 6.30 eintreffen, um dann gegen 7.00 Uhr auf die Strecke zu gehen (eine zweite Gruppe folgte um 7.15 Uhr, womit das “Feld” ein wenig entzerrt werden sollte). Mit spürbarem Rückenwind fuhren wir über Lütjensee zur ersten Kontrollstelle in Berkenthin nach 71 km. Bis zur zweiten Kontrolle in Rehna (109 km) rollte es auch bei mir sehr gut, der Wind half uns tüchtig. Eine erste Pause legten wir in Kittlitz (132 km)im “Dielen Café” ein, das unerhört große Kuchenstücke im Angebot hat. Tatsächlich schafften es einige, ihren Kuchen nicht aufzuessen.  

Unsere Gruppe von neun Fahrern macht sich dann nach 15, 20 Minuten wieder auf den Weg. Uns und mir dämmerte es dann langsam, dass es bald “in den Wind” gehen würde. Das Wort “Gegenwind-Passage” machte die Runde und wenig später waren wir mittendrin in ebendieser.  Es wurde jetzt eine echte Plackerei bei dem starken Gegenwind, der immer wieder auch von der Seite kam und viel Konzentration erforderte. Über Büchen schleppten wir uns nach Amelinghausen (236 km), die Strecke zog sich recht mächtig und das Tempo war trotz erheblicher Anstrengung sehr überschaubar.

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Irgendwann kamen wir dann aber doch in Amelinghausen an. Ein wenig Zucker, ein bisschen Gebäck, ein Heißgetränk und die Lebensgeister kamen allmählich wieder. Auf dem weiteren Weg wurden wir dann teilweise mit Rückenwind belohnt; auf einer längeren Passage ballerten wir mit 48 km/h über den Asphalt.

Der vorhergesagte Regen erwischte uns kurz vor der Elbbrücke in Geesthacht. Das letzte Stück bis zur letzten Kontrolle im Fährhaus Altengamme (288 km) und dann bis zum Ziel in Rothenburgsort (315 km) war deshalb nicht wirklich ein Hochgenuss. Gegen 19.20 Uhr erreichten wir das Ziel. Ich machte mich schnell auf den Weg nach Hause und hatte dann inklusive An- und Anfahrt insgesamt genau 333 Kilometer hinter mich gebracht. Einen Schnaps (Mexikaner) habe ich abends dann auch noch getrunken, bevor ich mit schweren Beinen wie ein Stein einschlief.  

Weiter geht es mit den Brevets in den nächsten Wochen.

Hamburg, den 15. April 2015 / Lars A.

200km-Brevet ARA Hamburg, 28.3.

Gestern fand der zweite 200er von ARA Hamburg statt. Kurz überlegte ich morgens, die Runde sausen zu lassen und noch ein wenig zu schlafen. Den Abend und die Nacht zuvor saßen Olli und ich noch über historischem Material und versuchten das eine oder andere Rätsel aus der Hamburger Radsportgeschichte zu lösen. Ich wollte mich jedoch nicht mit einem schlechten Gewissen herumschlagen und so fuhr ich morgens brav zum Startpunkt in Rothenburgsort. Gestartet wurde wieder in zwei Gruppen, ich fand mich in der ersten wieder. Irgendwann bildete sich eine Gruppe von sechs, sieben Fahrern und zusammen drehten wir eine Runde über Büchen,  Boizenburg, zur Elbefähre in Bleckede. Auf dem Weg dahin wehte es recht ordentlich von vorne.

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Das Wetter spielte mit, zwischendurch kam sogar die Sonne durch und so fuhren wir auf schönen und verkehrsarmen Wegen. Dass ich die Strecke schon mehrmals gefahren bin, merkte ich daran, dass ich an verschiedenen Stellen aus dem Kopf und der Erinnerung navigieren konnte.

Es machte mir großen Spaß zu fahren, ich fühlte mich nach dem 200er vor eine Woche fit - zumindest bis Kilometer 180 … Zum Schluss ging es dann wieder durch die Vierlande, die ganz schön nerven können. Gegen 16.00 Uhr trudelte unsere Gruppe dann im Zielpunkt in Rothenburgsort ein. Nach einem Kaltgetränk fuhr ich mit dem Rad dann nach Hause, wie es sich für einen braven Randonneur gehört, und 100 Meter vor meinem Domizil fing es dann an zu regnen … ausnahmweise einmal gutes Timing.

Vielen Dank an ARA und Hanno und Claus. In zwei Wochen geht es mit dem ersten 300er weiter.

Hamburg-Altona, den 29. März 2015 / Lars A.

200km-Brevet ARA Hamburg, 21. März 2015

Gestern startete die Brevet-Saison in Hamburg. Die Audax Randonners Allemagne (ARA) boten den ersten von zwei 200km-Brevets an und rund 110 Starter/innen machten sich auf die Strecke. Die äußeren Bedingungen waren anfangs besser als erwartet, von Dauerregen war (noch) nichts zu sehen und zu spüren. Richtung Norden ging es durch Ost-Holstein. Nach 80 Kilometern lag die erste Kontrollstelle in Zarpen, wo wir uns ein Stückchen Kuchen einverleibten.

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Mit Christoph bildete ich eine Zweiergruppe, das Tempo passte, wir fuhren in der hügeligen Landschaft zumeist auf ruhigen Straßen. In Timmendorfer Strand warfen wir einen Blick auf’s Meer und ließen unsere Karten in einem Café abstempeln. Die Urlaubsgäste und Flaneure beäugten uns ein wenig, man sah uns einmal wieder an, dass wir aus einer anderen Welt kamen.

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Nach kurzem Stopp machten wir uns auf den Rückweg, der Wind wehte nun zumeist von hinten, es rollte gut und machte Spaß. Nach einiger Zeit, nach ziemlich genau 156 Kilometern, setzte dann aber doch der angekündigte Regen ein und sofort sank das Wohlbefinden. Meine Hände froren in den klitschnassen Handnassen sehr stark, morgens hatte ich noch überlegt die anderen anzuziehen. Brevet heißt nicht ganz umsonst “Prüfung” und so fügten wir uns dieser Prüfung und ließen sie über uns ergehen. Für meinen Geschmack hätte der “200er” an diesem Tag genau 200 Kilometer haben können, es waren jedoch 224. So spulten wir den letzten Streckenabschnitt möglichst gleichmütig ab und malten uns schon einmal die heimatliche Körperpflege und die wärmenden Heißgetränke gedanklich aus. Um 17.00 Uhr trafen wir schließlich im Ziel ein, es reichte dann doch wirklich.

Danke an die Veranstalter für die schöne Strecken und danke an Christoph für die gemeinsame Fahrt und die Navigation! Trotz des Regens hat es mir doch eine Menge Freude bereitet.

Hamburg-Altona, den 22. März 2015 / Lars A.

200er Brevet Kiel

200er BrevetKiel/Kappeln/Schleswig/Kiel

Dass Brevetfahren im Trend liegt, bestätigte sich auch beim Auftakt der Brevetserie am Startort Kiel. Ein bunter Haufen aus Liegeradfahrern, Fixiephilosophen und Rennradfahrern auf Stahlklassiker oder Joghurtbecher, machte sich vom Kanuheim in Kiel-Wellingdorf auf den Weg. Natürlich ist der Andrang im Paris-Brest-Paris-Jahr höher, denn nun müssen die Aspiranten die Serie über 2- ,3- ,4-, und 600 km schaffen, um sich im August in Frankreich auf 1.200 Kilometern Langstrecke austoben zu dürfen. Und so knisterte es in Kiel doch ein wenig, denn schließlich findet PBP nur alle vier Jahre statt und bedarf einer gewissen Weitsicht. Oder lag das an meiner mangelnden Form, die ich mir einfach nicht Schönreden konnte?

Eines gleich vorweg: Untrainiert und aus dem wortwörtlichen Stand einen 200er Brevet Anfang März zu fahren, ist kein Zuckerschlecken. Doch zunächst ging es im gemäßigten Tempo, was auch immer das heißt, ich fühlte mich im Windschatten bei ca. 28 km/h sehr wohl, auf die ersten neunzig Kilometer, einschließlich kurzer Stopps an zwei Tanken für den obligatorischen Kontrollstempel im Brevet-Pass. Wellen und Wind sind schön, doch beim Radeln spürt man sie in den Beinen. Ruck Zuck „stand“ ich allein auf weiter Flur. Das sind immer ganz spezielle Momente, die ich hier gar nicht in Worte fassen kann und möchte, da sie jeder unterschiedlich erlebt. Aber der Kontrast vom gemeinsamen, schnellen, windgeschützen Fahren in der Gruppe zur Solofahrt ist enorm und, mir geht es jedenfalls so, sehr reizvoll. Bei der Kontrolle in Schleswig, Kilometer 140, schloss ich zu einer sehr sympathischen vierköpfigen Truppe auf. Der letzte Streckenabschnitt führte uns auf den Aschberg und danach an den Westensee. Hier rasteten wir kurz und genossen den Ausblick, die schöne Gegend und die Abendstimmung. Als wir nach Einbruch der Dunkelheit Kiel erreichten, war ich platt und ko, aber den Tag brauchte ich mir nicht Schönreden. 

Kiel-Wellingdorf, den 07. März 2015

Olli

Rennrad-Tour zum Ratzeburger See

Bei bestem Wetter war heute gefühlt die Eröffnung der Rennrad-Saison. Wir haben uns natürlich auch auf den Sattel geschwungen. Mit fünf Leuten - darunter drei ABCer mit dem entzückenden Vornamen “Lars” -  brachen wir von Altona aus in Richtung Ratzeburger See auf. Dort gab es (zuviel) Kuchen, zurück dann eine Menge Gegenwind. Am Ende hatten wir 156 Kilometer auf der Uhr. Schön war’s. 

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Man sieht sich.

Hamburg, den 8. März 2015 / Lars A.

Brevet-Stempelkarten

Gestern lagen die Brevet-Stempelkarten der vergangenen Saison in meinem Briefkasten. Die Brevets der Audax Randonneurs Allemagne (ARA) sind erfrischend altmodisch. An den Kontrollstellen werden die gelben Karten gestempelt, nach der bestandenen Prüfung (frz. brevet) schicken die Veranstalter die Karten an die Mutterorganisation des Audax Club Parisien (ACP). Dort werden sie abermals kontrolliert, anerkannt (“homologiert”) und über die lokalen Veranstalter dann wieder an die geprüften Randonneure versendet. Mit den Karten in der Hand und den Stempeln vor Augen frischen die Erinnerungen an sehr schöne Touren auf. Und die Vorfreude auf die kommenden Saison macht sich auch schon ein wenig bemerkbar ….

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Hamburg, den 6. Januar 2015 / Lars A.

Crossen im Volkspark

Jetzt haben wir es endlich einmal geschafft … und waren am vergangenen Wochenende mit geländegängigen Rädern im Volkspark. Der “Altonaer Volkspark”, wie er offiziell heißt, so viel Zeit muss sein, hat nicht nur eine sympathische Geschichte (denn er sollte in den 1920er Jahren für die Altonaer Bevölkerung und insbesondere auch Arbeiter/innen in der näheren Umgebung ein Ort der Ruhe und Erholung sein). Es lässt sich dort auch mit dem notwendigen Respekt gegenüber Fußgängern, Hunden und der Natur wirklich gut crossen. Lars und Lars kamen jedenfalls ob der vielen kleinen, teilweise aber giftigen Steigungen, vor allem abseits der Wege, ordentlich ins Schwitzen. Das hat echt viel Spaß gemacht.

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Zwischen dem offiziellen Wegenetz finden sich schmale Pfade, das eine oder andere Hindernis, Baumwurzelpassagen und Rampen, Hügel, Anstiege. Wir hatten zwar am Ende nur 28 km auf der Uhr, es hat sich aber nach deutlich mehr angefühlt.

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Vor allem für unsere “Altonaer Jungs” dürfte der Volkspark angesichts seiner nahen Lage reizvoll sein. Wir werden in Zukunft sicherlich häufiger dort “aufschlagen”. Wer Lust hat, kommt mit. Einfach Lars A. oder Lars B. (oder beide) anschnacken.

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Hamburg, den 5. Januar 2014 / Lars A.

The Long Distance Cyclists' Handbook

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Simon Doughty, The Long Distance Cyclists’ Handbook, Guilford, Connecticut: The Lyons Press, 2. Aufl., 2006.

Bücher über Radsport-Training existieren viele. Einsteiger können sich ein wenig in die Materie einlesen, Fortgeschrittene finden ausgefeilte Trainingspläne, Technik und Pflege von Rennrädern wird erklärt und vieles mehr. Dass das Langstrecken-Fahren sich dagegen eher in einer Nische befindet, zeigt auch der Buchmarkt. Weder über die Geschichte des seit 1891 ausgetragenen, einflussreichen Paris-Brest-Paris gibt es ein Buch, noch hat jemand eine „Anleitung“ für die besonderen Anforderungen des Langstreckenfahrens eine Publikation in deutscher Sprache vorgelegt.

Anders im englischen Sprachraum. Der Brite Simon Doughty hat erstmals bereits vor über zehn Jahren das „Long Distance Cyclists’ Handbook“ publiziert. Wie es bereits der Name „Handbuch“ verrät, behandelt Doughty das Thema sehr umfangreich und berücksichtigt zahlreiche Aspekte. Im ersten Teil „Get Ready“ stellt er Fahrräder und ihre Technik, Kleidung und Zubehör vor.  Im zweiten Kapitel „Get Set“ geht es um Ernährung, Sicherheit, Radpflege, Wetterbedingungen, Navigation usw. Der dritte und letzte Teil lautet schließlich „Go!“. Hier präsentiert der Verfasser Grundregeln des Trainings, Trainingsmethoden, Langstreckenfahrten wie die Brevets Randonneurs Mondiaux, die Psychologie langer Strecken und  herausragende Ereignisse wie das erwähnte Paris-Brest-Paris, das im bald beginnenden neuen Jahr wieder stattfinden wird.

Es liegt in der Natur der Sache eines Handbuches, dass es viele Themen und Aspekte anreißt, jedoch nicht allzu umfangreich behandeln kann. So ist es auch im vorliegenden Fall. Besonders einprägsam fand und finde ich die dargelegten sieben Grundsäulen des Trainings: Adaption, Specifity, Progression, Variation, Overload, Reversibility, Recovery. Oder anders ausgedrückt: Der Körper muss an die Belastungen angepasst werden; es sollte jeweils für die spezifische Ziele und Anforderungen trainiert werden; die Umfänge sollten kontinuierlich gesteigert, das Training aber auch variiert werden. Hin und wieder darf  man ruhig in den roten Bereich fahren (Overload), das Training darf aber nicht zu lange aussetzen, da ansonsten Fitness verloren geht. Schließlich spielt Erholung eine sehr wichtige Rolle, um die Leistungsfähigkeit zu steigern.

Die Langstrecke beruht aber gerade auch auf mentaler Stärke, worauf Simon Doughty deutlich hinweist. Meiner Meinung nach hätte der Reiz der Langstrecke noch stärker betont werden können, geht es doch nicht nur ums „Kilometer fressen“, sondern oftmals um körperliche und mentale Höhen und Tiefen, die sich gegenseitig verstärken. (Dies macht auch längere Radreisen so intensiv, wie ich finde). Das Buch kann und will selbstverständlich nicht die eigenen Erfahrungen abnehmen. Anfängern und Neulingen hilft es jedoch, die besonderen Anforderungen der Langstrecke zumindest in der Theorie kennenzulernen. Mit ein wenig Erfahrung liest sich das Buch aber immer noch gut und wird von mir auch immer wieder einmal zu Rate gezogen.

Hamburg, den 31. Dezember 2014 / Lars A.  

 

Zeitfahren Hamburg – Berlin, 11. Oktober 2014

… aus der Perspektive von Lars A.:

Anfang Oktober fiel mir ein, dass in nächster Zeit ja noch etwas anstand – das Zeitfahren Hamburg Berlin, veranstaltet vom Audax Club Schleswig-Holstein. Meine nicht ganz optimale Vorbereitung bestand darin, dass ich seit Juni nicht mehr ernsthaft trainierte hatte und auch ansonsten maximal lustlos auf Rennrad-Gebolze war. Wir hatten uns aber Anfang August als ABC-Team angemeldet und in mir gärte alsbald das schlechte Gewissen. In Kombination mit dem guten Zureden der lieben Mitfahrer beschloss ich dann, doch auf die Strecke zu gehen (und eine bessere Zeit als im Vorjahr zu erzielen).

Im Vorfeld einigten wir uns darauf, dass wir nicht auf Gedeih und Verbrechen als Team zusammenbleiben wollten, sondern notfalls auch alleine nach Berlin fahren werden. Das klingt etwas herzlos, aber spätestens beim Apès-Ski beim Bier würden wir dann wieder unseren mehr als vorbildlichen Teamspirit demonstrieren können.

Die Anfahrt klappte dieses Jahr sehr gut, wir waren  sogar 20 Minuten vor unserem Start um 7.08 Uhr am Fährhaus Altengamme. Dort gab es noch ein Brötchen und ein Getränk und dann ging es auch schon auf die Reise. Es war noch dunkel und recht frisch, zwischendurch durchfuhren wir immer wieder Nebelfelder, die bisweilen einen hohen Waschküchen-Faktor aufwiesen. Zu uns gesellten sich noch zwei, drei weitere Fahrer und so kamen wir zügig voran. Irgendwann „erwischte“ es dann Olli, wir beratschlagten kurz und ließen ihn dann zurückfallen, in dem Wissen, dass hinter uns noch viele Fahrer und Gruppen unterwegs waren.

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In Dömitz machten wir an der Kontrollstelle kurz Pause und füllten unsere Flaschen auf. Rasch ging es dann weiter. Kurz danach rauschte ein Rennrad-Tandem an uns vorbei und Stefan hängte sich spontan rein, wir alle taten es ihm nach. Wir ballerten nun im Windschatten bei häufig über 40 km/h durch die nicht weiter beachtete Gegend und machten richtig Strecke. Nach einiger Zeit bog das Tandem links ab und der Spaß war auch schon wieder vorbei. Der „Spaß“ hatte mich allerdings einige Körner gekostet und leider musste ich feststellen, dass die Zahl der Körner bei mir nun sekündlich abnahm. Bei Kilometer 146 erwischte es mich dann. „Irgendjemand“ zog bei mir den Stecker, ich hatte auf einmal keine Kraft mehr in den Beinen. Unter dieser Voraussetzung war es dann eine Wohltat, mein Team von dannen ziehen zu sehen und mich mental auf die noch verbleibenden 130 Kilometer einzustellen. Mein Schnitt sank beträchtlich, doch nach einigen Minuten päppelte ich mich wieder auf und fuhr erst mit einem anderen „Gesprengten“ weiter.

Vor Havelberg fand ich Anschluss an eine Gruppe und so ging es wieder flotter voran. Eigentlich wollte ich in Havelberg Rast machen, aber wir durchfuhren den Ort und ich holte die Pause in Rhinow nach. Nach einem kurzen Aufenthalt und einem kleinen Klönschnack ging es zu dritt weiter. Aus drei wurden zwei und so fuhr ich mit Dieter Richtung Berlin, wir beide ohne Navigationsgerät und ohne besondere Ortskenntnisse. Beim Schild „Paulinenaue“ dachte ich noch kurz, dass mir das irgendwie bekannt vorkommt … wir fuhren aber dran vorbei und landeten prompt auf der B5, die ich eigentlich meiden wollten. Wo wir schon einmal da waren, fuhren wir halten dort weiter, flankiert von einer endlosen Kette von PKWs und LKWs. In Nauen überlegten wir kurz an der Abzweigung, wo es lang geht. Dann sahen wir auch schon einen Liegeradfahrer in der Ferne und fuhren rasch in seine Richtung. In Nauen herrschte wieder leichte Konfusion, wir mussten analog navigieren und griffen auf die alten Masche „wahllos Leute anquatschen“ zurück. Ein netter, schon leicht alkoholisierter Herr wies uns darauf hin, dass „die anderen Radfahrer daaa längs gefahren sind“. Das war doch einmal ein brauchbarer Hinweis. Also fuhren wir auch daaa längs. Vor uns tauchte der Liegeradfahrer wieder auf, dem wir anschließend möglichst dezent folgten und der uns den Weg nach Berlin zum Ziel wies. Jetzt fühlte ich mich wieder besser. Der Blick auf den Tacho offenbarte sogar, dass ich unter zehn Stunden bleiben könnte. Der Verkehr wurde immer dichter und einige Havelberger und Berliner Autofahrer zeigten, dass sie weder Anstand noch Abstand haben. Diverse Rotphasen nervten mich jetzt ganz schön, da die Uhr meines Tachos erbarmungslos runterlief … ich würde es doch nicht unter 10 schaffen, nun denn. Schließlich erreichten wir um genau 17.01 das Wassersportheim in Gatow und ich war positiv überrascht, denn meine Uhr ging rund 15 Minuten vor und so blieb ich doch unter zehn Stunden. Im Ziel traf ich Lars und Stefan, die weniger als neun Stunden gebraucht hatten. Olli trudelte auch wenig später ein und nach einer Stärkung machten wir uns auf in die Berliner Innenstadt.

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Nach einigen Irrungen und Wirrungen in der Parallelwelt der Berliner S-Bahn, über die wir hier einmal den Mantel des Schweigens hüllen, trafen wir uns in einer Kneipe beim Ostkreuz und konnten jetzt endlich zusammen Bier trinken. Das Team war wieder komplett und glücklicherweise sollte auch keiner im weiteren Verlauf des Abends und der Nacht mehr „platzen“, ganz im Gegensatz zum vorangegangenen „Zeitfahren“. Eine Überraschung gab es aber auch noch: In einer anderen Kneipe lag die aktuelle READ aus, die ja einen Artikel über den ABC enthält, was zu großen Augen und offenen Mündern führte.

Noch einmal zum Sportlichen: Beim nächsten Mal melden wir vielleicht mehrere ABC-Teams an. Ich lasse mich gerne schon einmal für ABC III vormerken.

Vielen Dank an die Organisatorinnen und Organisatoren vom Audax-Club Schleswig-Holstein und die vielen Helferinnen und Helfer! Wir kommen gerne wieder, fürchte ich.  

Die Ergebnisse finden sich hier. (Eine Zeitstrafe für das Zurücklassen von Teammitgliedern, bzw. für die Unfähigkeit, ähem, von einigen Teammitgliedern im lauschigen Windschatten ihgrer Vordermänner zu bleiben, kriegen wir laut der Regeln noch aufgedrückt).

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Das Zeitfahren Hamburg - Berlin …

… aus der Perspektive von Lars B.:

Dieses frühe Aufstehen liegt mir eigentlich nicht so. Auch diesmal, es war 5 Uhr - eigentlich viel zu spät - würde es wieder hektisch werden, nur um nicht die 4 auf der Uhr zu sehen. Ab in die Bahn bis Bergedorf und von dort 10 km warm fahren. In Altengamme war großer Trubel und es gab eine Schlange bei der Anmeldung. So musste das zweite Frühstück deutlich kürzer ausfallen.

Vom Start weg fuhren wir mit mäßigen Tempo los. Bald kamen zwei Brüder in unsere Gruppe und zusammen nahmen wir Fahrt auf. Das gefiel mir schon besser…

Leider mussten einige diesem hohen Tempo Tribut zollen. So auch unser Präsi, der nach 60 km dem Tempo nicht mehr folgen konnte und wollte. Nach einigem hin und her ließen wir ihn zurück, wussten wir doch das Olli schon so einige Langstrecken gefahren ist und weiß, in welchem Tempo er fahren muss.

Nach der Kontrolle und der tollen Verpflegung in Dömitz holte uns ein Pärchen auf einem Tandem ein. Die nächsten 25 km boten sie uns bei hohem Tempo Windschatten. Trotz des leichten Gegenwindes waren es immer so um die 40 km/h.

Ich war dennoch froh, als sie irgendwann einen anderen Weg einschlugen. So sank unser Tempo zwar nur um wenige km/h, trotzdem fühlte sich das schon etwas entspannter an.

Nach 150 km fiel dann auch Lars A. aus unserer Gruppe heraus. Auch bei ihm wusste ich, dass er es bis Berlin schaffen wird. Und sicher nicht erst heute Abend.

Zweite Verpflegung in Havelsberg. Leider ist die Tanke ziemlich voll und es dauert bis wir an der Reihe sind. Belegte Brötchen und Kaffee, und Wasser und Eistee für unterwegs. Diese Pause hätte kürzer ausfallen können.

Dann die ersten Tropfen. Der für die Region vorhergesagte Dauerregen streifte uns jedoch nur mit einigen Schauern. Jedoch waren die Straßen teils pitschnass und besonders ein verdreckter Radweg besprenkelte uns so dermaßen, das wir im Ziel aussahen wie nach Paris-Roubaix bei Dauerregen.

imageBei einer Pinkelpause 80 km vor dem Ziel kam ein Einzelstarter zu uns, der morgens auch schon in unserer Gruppe gewesen war, aber aufgrund eines platten Reifens zurückfiel. Langsam näherten wir uns Berlin. Immer noch wenig Autoverkehr und viel grüne Natur. Sollte etwa die Strecke länger sein als die angegeben 275 km? Stadtgrenze Berlin. Jetzt sind es nur noch wenige km. Einige Ampeln bremsen uns immer wieder aus. Dann tatsächlich das Ziel nach 275 km.

16:04 Uhr. Weniger als 9 Stunden. Und das obwohl die beiden Pausen sehr lang waren.

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Suppe, Würstchen und Dusche warm, Getränke kalt. So hatte ich es mir unterwegs gewünscht.

Lars A. und kurz nach ihm Olli kamen dann auch, so dass wir dann gemeinsam zu unserer Übernachtungsmöglichkeit fuhren. Bei dem anschließend Kneipenbummel haben wir den ABC ebenfalls gut vertreten. Auch hier war das Tempo recht ordentlich, was aber nicht zu einer verfrühten Heimkehr führte. Nach fast 24 Stunden auf den Beinen fiel ich endlich in Schlaf.

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Das Zeitfahren Hamburg-Berlin …

… aus der Perspektive von Stefan:

Der Wecker klingelte um 04:50 Uhr. Das war aber unerheblich, da ich eh schon seit Stunden wach lag. Der vorherige Abend hatte etwas gegen einen erholsamen Schlaf einzuwenden. Aufgrund von frühabendlichem auswärtigen Besuch kam ich über die Zubereitung eines Abendmahles hinweg.

Als ich dann gegen 23:30 doch plötzlich Hunger verspürte, ging es noch zu einem anatolischen Spezialitätengeschäft und ich schlug mir den Bauch voll.

Mit gehörigem Völlegefühl ging es dann weit nach Mitternacht in die Waagerechte. Die Müdigkeit ließ mich schnell entschlafen, jedoch war der Schlaf nicht von langer Dauer.

Um 02:30 war ich wieder wach und ab da war an Schlaf nicht mehr zu denken. Also döste ich bis zum klingeln vor mich hin und machte mir Gedanken darüber, ob Schlafentzug sich wohl leistungsfördernd aufs Langstreckenfahren auswirken möge?

Anyway, ich traf die Jungs beim Start, da die Anreisemittel verschiedene waren und so ging es dann mit nicht ganz so frischem Mute um 07:08 Uhr auf die Strecke.

Das Dunkel der Nacht weichte schnell dem Grauen des Morgens. Recht pittoresk hingen tief liegende Nebelfelder über den Wiesen und Äckern. Einem an Herbstklischees interessierten Landschaftsfotografen wäre sicherlich das Herz aufgegangen. Sofort nach dem Start erhielten wir Gesellschaft von einigen mit Zeitfahrlenker ausgestatteten Teilnehmern. So fuhren wir mit ca. 9 Leuten nach Querung der Elbe gen Osten.

Die Fahrt nach Dömitz wurde in recht gemütlicher Fahrt in Zweierreihe bestritten. Weil es der Norddeutsche jedoch nicht anders kennt, wird auch bei Hügeln oder bei z. B. plötzlich nach Kurven auftretendem Gegenwind versucht, das Tempo aufrecht zu erhalten. Dieser Tatsache fiel leider Olli zum Opfer, denn in der Gegend um Hitzacker wurde die eine oder andere Steigung erklommen, an denen Olli ob seiner Körpergröße etwas zu kämpfen hatte. Wir hatten uns für den Fall einer akuten Unpässlichkeit bereits vorher darauf verständigt, dass wir nicht aufeinander warten wollten und trotzdem konnten wir uns nicht recht entschließen, die Gruppe auseinander reißen zu lassen. Letztlich trennten wir uns aber dann doch und mit gehörigen Gewissensbissen machten wir uns im Nebel auf und davon. Einzig die Tatsache, dass Olli ein Randonneur vor dem Herrn ist und ihn auf dem Rad überhaupt nichts klein kriegen kann, beruhigte mein katholisches Gemüt etwas. Etwas später erreichten wir dann Dömitz, wo wir kurz Essen und Trinken fassten.

Gerade als unsere Gruppe wieder losrollte, überholte uns ein Tandem. Ich führte zufälligerweise gerade und entschloss mich, die Gruppe an das Tandem heranzufahren. Ich konnte ja nicht ahnen, dass das Tandem ein Tempo anschlug, welches sonst nur bei Kriterien oder Jedermannrennen gefahren wird. So hatten wir auf einmal Cyclassics – Speed drauf und ich hoffte mal, dass das für alle Beteiligten in Ordnung ging. Wir fuhren vielleicht 20 Kilometer hinter dem Tandem her. Erst dachte ich noch, man müsste die da vorne vielleicht mal ablösen, aber das schien glücklicherweise weder gewollt noch notwendig zu sein. An einer Kreuzung zog das Tandem nach links weg, auf meinem Track war allerdings der Weg geradeaus der richtige. So ließen wir das Tandem ziehen und das Tempo nahm wieder moderatere Züge an.

Schon eindrücklich, welche Geschwindigkeitsvorteile ein solches Tandem zu bieten hat. Für mich wäre das trotzdem nichts, denn irgendwie bin ich auf dem Rad dann doch lieber mein eigener Herr.

Nach etwa 150 km kam es zu einer weiteren Spaltung unserer Gruppe, der leider auch Lars A. zum Opfer fiel. Da wir gerade an unterschiedlichen Positionen fuhren und sich die Teilung nicht ankündigte, hatte ich von dieser Tatsache zuerst gar keine Notiz genommen. Erst als wir uns an einer Kreuzung verfahren hatten und Lars A. uns nach der Umkehr entgegen kam, war klar, dass sich die Mitstreiter des ABC scheinbar in einem Team-internen Ausscheidungsrennen befanden. Um Lars A. machten Lars B. und ich uns allerdings auch keine Sorgen, denn auch er ist aus einem besonderen Randonneur-Holz geschnitzt.

Nach etwa 170 km machten wir in Havelberg an einer Tanke Rast. Bei meinen Starts in den beiden vorangegangenen Jahren hatte ich in diesem Ort jeweils an einem Supermarkt mit angeschlossener Bäckerei gehalten. Das wäre in der Rückschau wohl auch die bessere Alternative gewesen, denn dann hätten wir nicht ewig in der Schlange gestanden und die Auswahl an Essbarem wäre wohl auch größer gewesen. Falls es ein nächstes mal gibt, werde ich meine potenziellen Mitstreiter dann von der Supermarkt-Alternative hoffentlich zu überzeugen wissen.

Die Pause war auf jeden Fall bitter nötig, denn ich fühlte mich schon reichlich müde jetzt. Zum Glück hatte der Wind ein Einsehen mit uns, denn es fiel ab der Pause deutlich leichter, die Geschwindigkeit in der Führung aufrecht zu erhalten. Wir hatten überhaupt eine Supertruppe zusammen und insbesondere zwei aus Wolfsburg stammende junge Brüder mit Zeitfahraufsatz zogen ordentlich am Horn.

Nach den Erfahrungen mit Olli und Lars A. nahm ich Lars B. argwöhnisch ins Visier. Mir war aufgefallen, dass er vor den jeweiligen Gruppentrennungen besonders engagiert in die Pedale getreten hatte und ich hegte den Verdacht, dass er auch noch den Rest der Gruppe inklusive mir abschütteln wollte. So reihte ich mich also nach der Führungsarbeit immer wieder an seinem Hinterrad ein, damit er keinen plötzlichen Ausreißversuch starten konnte. Da Lars B. mit allen Wassern gewaschen ist, versuchte er auf besonders gemeine Weise, mich los zu werden. Er durchfuhr jede größere Pfütze und jedes Schlammloch zwischen Rhinow und Falkenhagen und bald sah ich aus wie nach einer Crosseinlage. Aber damit konnte Lars B. mich nicht einschüchtern. Ich tat meinen Teil dazu bei, dass auch er mit ordentlich Kruste versehen wurde.

So fuhren wir mit ordentlich Zug auf der Kette Berlin entgegen und die Kilometer flogen nur so vorbei. Regelmäßig freute ich mich über die geraden Hausnummern in der zurückgelegten Distanz.

200 KM, 250 KM, 260 KM…! Die Einfahrt in die Berliner Peripherie war etwas nervig aber kein Vergleich zu den Vorjahren. Bisher war ich über die B5 in die Stadt eingefallen, diesmal etwas weiter nördlich auf, im Vergleich zur B5, geradezu einsame Sträßchen. Die letzten 10 km zogen sich dann noch ganz schön, aber Lars B. schaffte es nicht mehr, einen Solosieg herauszufahren und so kamen wir zeitgleich beim Wassersportheim an und freuten uns alle gemeinsam über die zurückgelegte Distanz und den sportlichen Schnitt.

Nach Genuss von leckerem Eintopf und einer heißen Dusche ging es dann zum gemütlichen Teil über und nach Eintreffen von Lars A. und Olli machten wir uns bald auf, das Nachtleben von Berlin zu entern. Das war aufgrund der zu überbrückenden Distanzen, einem Plattfuß, dem wegen Baustellen eingerichteten S-Bahn-Pendelverkehr und darüber hinaus ahnungslosen Hamburger Provinzlern schwieriger als gedacht. Aber späterhin wurde dann doch noch gemütlich bei mehreren Bierchen angestoßen und das Schlafdefizit machte sich glücklicherweise erst beim zu Bett gehen bemerkbar.

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Fotos (bis auf das letzte): Burkhard Sielaff (weitere Fotos finden sich hier)

Hamburg, den 17.10.2014 / Lars A.

Radlos am Nufenen - Alpenbrevet (5.293 hm, 175 km)

Ich hatte mir bereits vor einiger Zeit vorgenommen, einmal beim Alpenbrevet zu starten. Jedoch aufgrund von mangelnder Form, mangelnder Mitstreiter oder sonstigen logistischen Problemen konnte ich diesen Wunsch bisher nie in die Tat umsetzen. In diesem Jahr passte allerdings alles. Durch meine im Urlaub erradelte Kletterform und der Bereitschaft meines bergerprobten Kumpanes Udo, sich ebenfalls mit den Schweizer Bergen anzulegen, gab es keine Ausreden mehr.

Nachdem wir am Freitagmittag in Meiringen ankamen, nutzten wird das schöne Spätsommerwetter für allerlei Justage-Arbeiten an den Rennrädern und testeten unsere Outdoor-Tauglichkeit beim Zeltaufbau.

Beim Bremsen-Check wurde klar, dass Udo mit seinen Bremsbelägen bei Nässe keinen Berg mehr heile heruntergekommen wäre. Also besorgten wir im Rahmen einer Testtour in einem Radshop in Innertkirchen sündhaft teuren Ersatz. Nach der klitzekleinen Tour, die keine weiteren Auffälligkeiten bezüglich Radtechnik zu Tage förderte, holten wir die Startutensilien ab. Etwas enttäuscht darüber, dass es im Start- und Zielbereich im Prinzip nichts weiter als ein leeres Festzelt zu bestaunen gab, machten wir uns alsbald wieder auf den Weg zum Campingplatz, um letzte Handgriffe an den Rädern zu vollführen und die nötigen Kohlenhydrate für den folgenden Tag zu uns zu nehmen. Nachdem wir uns noch mit unserem Campingnachbarn Alex aus der Nähe von Frankfurt bekannt gemacht hatten, ging es dann relativ früh in die Waagerechte…

Um kurz nach 5 Uhr begann dann der große Tag. Trotz der bereits abends zuvor zurecht gelegten Klamotten und Frühstücksutensilien wollte sich zu so früher Stunde keine geschäftsmäßige Routine einstellen und es verstrich immer wieder wertvolle Zeit, da irgendwelche Dinge wie Fahrradtacho oder Trinkflasche akut verlegt waren.

Die Klamottenfrage wurde heiß diskutiert, denn die Wettervorhersage ließ keine eindeutigen Rückschlüsse auf die einzig wahre Kombination zu. Da ich mit Satteltasche an den Start ging, entschied ich mich für „Nummer sicher“ und wollte lieber zu viel als zu wenig Kleidung mitnehmen. Das zusätzliche Gewicht spielte für mich keine Rolle, denn ich hatte ohnehin nicht vor, beim ersten Start gleich aufs Podest zu fahren. Neben der üblichen „Kurz-Kurz“-Kombination hatte ich noch Arm- und Beinlinge übergestreift. Zusätzlich hatte ich dann noch ein Langarmtrikot für kühlere Temperaturen dabei, welches ich dann bei Bedarf aus der Satteltasche hervorzaubern könnte.

So gewappnet ging es dann auf dem letzten Drücker zum Start und wir reihten uns in die nach eigener Leistungseinschätzung geeigneten Startblöcke ein. Udo wollte lieber etwas weiter hinten starten, um den psychologischen Vorteil des Überholens auf seiner Seite zu haben. Ich reihte mich etwas weiter vorne ein, um die psychologischen Nachteile des stetigen „Überholt Werdens“ in voller Gänze auskosten zu können.

Uns war klar, dass für unser Vorhaben jeder sein persönliches Wohlfühltempo anschlagen sollte und die Tatsache, dass wir unterschiedliche Streckenlängen bewältigen wollten, würde ohnehin zu einer Trennung schon nach dem ersten Pass führen. Also dann gleich von Anfang an jeder für sich. Das hatte im Nachhinein auch den Vorteil, dass sich die Summe der Erlebnisse im Zielbereich verdoppelt hatten.

Kaum stand ich also im Startblock ungefähr in der Mitte des Teilnehmerfeldes ging es auch schon los.

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Der frühe Morgen war in Meiringen ziemlich grau. Es war ohnehin noch recht dämmerig, aber zum Glück war es trotz der frühen Stunde wenigstens nicht wirklich kühl. Direkt nach dem Start ging es für 2 km fast flach daher. Im Anschluss waren etwa 100 hm zur Aareschlucht zu erklimmen. In recht schneller Fahrt ging es bergan und ich orientierte mich bezüglich der angeschlagene Geschwindigkeit an einem direkt vor mir fahrenden Grüppchen. Wir überholten einige Fahrer, wurden unsererseits aber auch von noch schnelleren Fahrern überholt. Nach Erreichen des Scheitelpunktes ging es dann rasant nach Innertkirchen hinab. Leider meldete sich an dieser Stelle mein Hinterrad lautstark zu Wort. Offenbar war mein mit Gleitlagern versehener Freilauf trocken gelaufen oder durch Regenwasser verschmutzt und er jaulte sporadisch ab einer gewissen Geschwindigkeit ganz fürchterlich. Schlimmer als die Geräuschentwicklung war allerdings, dass der Freilauf nun ab und an als Bremse fungierte und dafür sorgte, dass die Kette manchmal nach hinten gezogen wurde (oder das Schaltwerk nach vorne, je nach Sichtweise).

Hätte das nicht gestern bei der Probefahrt auffallen können? Jetzt konnte ich nichts mehr an diesem Umstand ändern. Mitten im Rennen umzukehren, um die Gleitlager nach Ausbau des Freilaufes zu ölen, war keine wirkliche Option. Ich war nicht 1.000 km in die Schweiz gefahren, um nach 100 hm die Sache für beendet zu erklären. Ich hoffte einfach mal das Beste für die weitere Fahrt und beschloss, den Freilauf so gut es ging aus meinen Gedanken zu verbannen…

Direkt in Innertkirchen ging es rechts ab und dem Grimselpass entgegen. Mit 26 km Länge und 1.540 hm wahrlich kein Zwerg unter den Alpenpässen. Aber auch kein unüberwindliches Hindernis. Die Steigungsprozente sind durchgängig eher moderater Natur und auch das Wetter spielte dahingehend mit, dass trotz geschlossener Wolkendecke der Straßenbelag weiterhin trocken war. Und die Temperaturen waren so angenehm, dass ich mich meiner Armlinge entledigte und den Helm abnahm, da mir besonders am Kopf in den Anstiegen sehr warm wird.

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Es dauerte nicht lange und ich bekam den Hinweis von einem Mitstreiter, doch lieber den Helm aufzusetzen, da der Veranstalter wohl auf dem Tragen eines Helmes bestehen würde. Ich bin im Prinzip ein sehr verständiger Mensch und halte das Tragen eines Helmes für durchaus sinnvoll. Aber nicht in einem Anstieg bei konstant 10-13 km/h. Da könnte man ja jederzeit vom Rad springen und schneller berghoch laufen, wie ich ja schon am Mont Ventoux selbst erleben durfte. Ich bin mal gespannt, wann man anfangen wird, in der Leichtathletik darüber nachzudenken, eine Helmpflicht einzuführen. Schließlich laufen ja selbst die Marathonläufer mit 20 Sachen über die Strecke! Das ist ja geradezu lebensgefährlich!

Ich ließ es darauf ankommen und beließ den Helm um den Oberlenker umgebunden. Tatsächlich hat mich dann keines der zahlreichen Kontroll-Motorräder oder sonst wer von offizieller Seite auf eine Helmpflicht o. ä. hingewiesen…

Während des Anstieges kam ich mit Oliver aus Berlin ins Gespräch. Ein sehr netter Zeitgenosse, wie sich herausstellte.

Da sich Oliver allerdings für die Platinrunde entschieden hatte und wir ob unseres Gespräches merklich an Geschwindigkeit eingebüßt hatten, wollte er sich dann doch etwas sputen, um nicht Gefahr zu laufen, das Zeitlimit für das entern der Platinstrecke in Airolo zu überschreiten. So zog er dann recht deutlich das Tempo an, dem ich alsbald nicht mehr folgen konnte…

Von einem früheren Besuch in der Schweiz hatte ich noch in Erinnerung, dass in der Auffahrt zum Grimselpass zwei Stauseen passiert werden. Die Wolken am Grimsel hingen ziemlich tief, so dass wir schon weit vor der Passhöhe von ihnen eingehüllt wurden. Irgendwann wurde es merklich flacher und der erste Teilnehmer freute sich schon, den Berg bezwungen zu haben. Aber ich wusste, dass es nur das Flachstück auf Höhe des ersten Stausees war und wir noch einiges vor uns hatten. Vom Stausee selbst war allerdings rein gar nichts zu sehen und ich befürchtete bei einer Sicht von ca. 15 m das schlimmste für die später folgende Abfahrt.

Einige Zeit später wurde dann tatsächlich die Passhöhe erreicht und ich machte schnell ein Foto vom Passschild.

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Ich fuhr weiter bis zur Labe und füllte meine Trinkflasche wieder auf. Hier traf ich dann auch Oliver ein letztes mal wieder, der sich bereits für die Abfahrt präparierte.

Wahllos griff ich nach Energieriegeln und Brot und zog mir das Langarmtrikot für die Abfahrt an. Meine Sonnenbrille steckte ich mir an den Helm (den ich für die Abfahrt selbstredend ebenfalls aufsetzte), denn mit dieser sah man im Nebel praktisch überhaupt nichts.

Ich rollte also vorsichtig los und hoffte, dass ich möglichst bald wieder die Wolkendecke durchstoßen würde. Doch schon nach wenigen Hundert Metern hatte der Spuk ein Ende! Die Wolken hingen nur an der Nordseite und auf der Passhöhe, auf der Südseite hingegen war alles in gleißendes Licht getaucht. Welch ein Glück! Ich hielt nochmals an und setzte die Brille auf. Bis auf wenige Aussetzer des Freilaufes konnte ich die Abfahrt auch richtig genießen und fuhr flott Richtung Ulrichen talwärts. Nach ausgiebiger Kurven-Zirkelei erreichte ich die Talebene und schlug das übliche Elbdeich-Tempo an. Von hinten war eine Gruppe in der Abfahrt an mich herangerollt und fühlte sich offenbar wohl in meinem Windschatten. Nach einiger Zeit überließ ich die Führung den anderen und aß einen Energieriegel, um mich noch mal für den kommenden Pass zu stärken.

Der Nufenen ist zwar mit 14 km nicht besonders lang, allerdings müssen innerhalb dieser kurzen Wegstrecke 1.132 hm überwunden werden. Unten herein geht es noch etwas flacher zu Werke, aber der Spaß ist spätestens nach 3 km vorbei, denn ungefähr ab diesem Punkt sinkt die Steigung quasi nicht mehr unter 9 % ab. Die Passhöhe befindet sich auf fast 2.500 Metern Höhe und die Luft dort oben ist schon merklich dünner als im Tal.

Gemein an diesem Berg ist auch, dass die Strecke für weite Teile aus elend langen Geraden besteht. Vom Augenschein her sehen diese komplett flach aus, die Beine und die Prozentanzeige des Tachometers sagen allerdings etwas anderes.

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Das Feld hatte sich bereits am Grimsel recht gut sortiert, so dass man nunmehr nur noch vereinzelt überholte oder überholt wurde. Von einzelnen kurzen Gesprächsfetzen abgesehen, wurde es also etwas ruhiger im Feld. Während des Aufstieges schien die Sonne und da ich ohnehin nichts besseres zu tun hatte, ließ ich die vorbeiziehende Bergszenerie auf mich wirken. Schade, dass in dieser Bilderbuchlandschaft eine Strommasten-Trasse die Illusion einer unberührten Natur jäh zunichte machte. Aber machen wir uns nichts vor, die Straße wurde ja auch nicht von der Natur angelegt. Weiter oben wurden die langen Geraden von Serpentinen abgelöst, die die Fahrt dann doch etwas abwechslungsreicher werden ließen.

Als ich oben ankam, wusste ich nicht so recht, was ich mir von der Verpflegungsstation nehmen sollte. Irgendwie war das alles nicht so recht nach meinem Geschmack. Am liebsten hätte ich ein richtig dick mit Wurst belegtes Brötchen gegessen, aber es gab nur Süßkram und Bouillon. So aß ich einige Bananenstücke, zog schnell das Langarmtrikot an und machte mich an die Talfahrt.

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Auf der Abfahrt gab es ebenso lange Geradeaus-Passagen wie bei der Auffahrt und so ließen sich trotz der aus Betonplatten mit recht großen Dehnungsfugen bestehenden Fahrbahn sehr hohe Geschwindigkeiten erreichen. Auf einer besonders langen Geraden war ich gerade gefühlt einem persönlichen All-Time-Topspeed-Rekord nahe, als sich ganz vehement der Freilauf zu Wort meldete. Er jaulte laut auf und das Hinterrad blockierte kurz. Hinzu kam, dass ich die Kurbel plötzlich nicht mehr in Stellung bringen konnte. Ich erschrak ziemlich und verbremste mich fast in der Anfahrt auf die folgende Kehre. Zum Glück kam an dieser Stelle kein Gegenverkehr, denn ich musste auch die Gegenfahrbahn nutzen, um heile um die Kurve zu kommen. Nach der Kurve hielt ich sofort ganz rechts am Fahrbahnrand an und schnaufte ob des unwillkommenen Adrenalinkicks erst einmal durch. Nachdem ich mich wieder gesammelt hatte beschaute ich mir das Malheur.

Etwas ungläubig schaute ich auf die Kettenführung, die so gar nicht aussah wie sonst. Die hohe Geschwindigkeit und die Freilaufbremse hatten doch tatsächlich 2 Schleifchen in meine Kette gedreht. Wie das funktioniert hat, ist mir bis heute ein Rätsel. Ziemlich perplex und unschlüssig, was ich nun machen sollte, stand ich verloren in der Gegend herum. An dieser Stelle war zumindest an die Behebung des Problemes nicht zu denken. Ständig rauschten Teilnehmer in Abfahrtshaltung an mir vorbei und es gab keinen Platz, an dem ich mich in Ruhe mit dem Rad hätte auseinandersetzen können. Also beschloss ich weiter bergab zu rollen und hegte die Hoffnung, dass es bis zur Verpflegung in Airolo nur bergab gehen würde. Ich rollte vielleicht 5 km, dann wurde es allerdings so flach, dass ich nur noch mit ca. 20 km/h vorwärts kam. Auf einem kleinen, kaum merklichen Gegenanstieg kam ich dann zum stehen. Ich ging ein paar Meter und ließ es dann wieder rollen. Letztlich fuhr ich dann aber so langsam, dass ich mein Vorhaben aufgab, in Schleichfahrt bis nach Airolo zu schippern und hielt in einer Hofeinfahrt an.

Zum Glück hatte ich 2 Paar Latexhandschuhe dabei, die ich für den Pannenfall überstreifen konnte. So saute ich mir wenigstens nicht die Hände und die Klamotten total ein. Die erste Schleife konnte ich, nachdem wieder das für Denksportaufgaben notwendige Blut in mein Gehirn geströmt war, recht schnell auflösen. Dafür musste ich nur die Kette über das große Kettenblatt und die Kurbel nach außen führen. Dann ließ sich die Schleife einfach lösen. Die zweite Schleife allerdings war wirklich tricky. Sie hatte es tatsächlich geschafft sich zwischen Umwerfer und Kassette zu platzieren und nach einigen hilflosen Versuchen, die Schleife irgendwie durch den Umwerfer zu bekommen, war ich schon der Aufgabe nahe. Ich ließ von der Kette ab und zog mir die Handschuhe aus.

Ich versuchte einen klaren Kopf zu bekommen und trat erst mal aus, denn ich musste mittlerweile auch einem menschlichen Bedürfnis nachkommen und machte dafür einen kleinen Spaziergang in die auf der anderen Straßenseite befindliche weitläufige Almwiese. Nach meiner Rückkehr wägte ich meine Optionen ab. So viel ich wusste, gab es keinen Besenwagen auf der Goldrunde. Ich hätte also auf jeden Fall größere Probleme, zurück zum Start zu kommen, wenn ich das Rad nicht wieder flott bekommen sollte. Ich machte erst mal ein Foto von der Schleife und musste lachen, dass mir sowas ausgerechnet während meines Saisonhighlightes und fern der Heimat passieren musste.

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Mit dem Mute der Verzweiflung zog ich die Handschuhe wieder an und machte mich nochmal ans Werk. Und tatsächlich gelang es nach etlichen Fehlversuchen, die Schleife endlich so zu positionieren, dass sie durch den Umwerfer passte!! Der Rest war dann wie bei der ersten Schleife ein Kinderspiel. Glücklicherweise hatten, dem Anschein nach, weder Umwerfer noch Schaltwerk Schäden von diesem Vorfall erlitten.

Total erleichtert setzte ich meine Fahrt nun endlich fort.

Das Malheur hatte mich bisher geschätzte 30 min gekostet. Hinzu kam, dass sich der  Freilauf nun ab einer gewissen Geschwindigkeit mit stakkatohaften Aussetzern bemerkbar machte, so dass ich gezwungen war, in den Abfahrten so gut es ging mitzutreten, damit die Kette nicht nochmals auf dumme Gedanken kommen konnte.

So erreichte ich nach weiteren ca. 8 Kilometern dann die Verpflegung in Airolo.

Hier machte ich dann etwas länger Halt, um mich ausgiebig zu stärken. Ich traf auch Alex, meinen Campingnachbarn, der mich fragte ob ich eine Panne gehabt hätte? Ich hätte da ein paar Schmierstreifen im Gesicht ;-). Nach kurzer Unterhaltung brach er etwas früher in Richtung Gotthard auf. Für mich ging es um kurz vor 12 Uhr wieder auf die Strecke. Wenn alles optimal gelaufen wäre, hätte ich es möglicherweise vor dem Zeitlimit auf die Platinrunde geschafft, aber das war ja ohnehin nicht mein Ziel gewesen. Ist aber eine gute Erkenntnis, falls mich für eventuell zukünftige Vorhaben diesbezüglich der Wahnsinn packen sollte.

Am Gotthard wehte es recht kräftig den Berg hinunter und der Berg zeigte uns die kalte Schulter. Nach eher unspektakulären bis hässlichen 6 – 7 km, auf denen die Straße immer wieder von mächtigen Straßenbrücken gekreuzt wurde, wechselte der Straßenbelag von Asphalt auf Kopfsteinpflaster. Diese Teilstück entschädigte dann allerdings für die zuvor zu erduldende Verschandelung der Landschaft, denn die sogenannte Tremola legte die Straße in einen ganz wunderbaren, ausladenden Faltenwurf. Und wenn man wegen der kleinen Pflastersteine, die fast an Mosaiken erinnern,  so will, könnte man die Tremola auch das Alhambra der Straßenbau-Kunst nennen.

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Natürlich rollte es auf dem Belag nicht sonderlich gut und auch der Wind griff bei jeder zweiten Serpentine frontal an. Aber der tolle Ausblick sowie der mehr oder weniger gänzlich fehlende KFZ- Verkehr entschädigten für alle Strapazen. Aus meiner Sicht, war dies der bisher schönste Anstieg des heutigen Tages gewesen und die 14 km mit knapp 1.000 hm vergingen schneller als erwartet. Weiter oben wurde es empfindlich kühl und der wolkenverhangene und windige Gipfel war kein Ort, an dem man es lange aushalten konnte. Also ganz schnell alle vorhandene Kleidung angezogen und ab in den Nebel.

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In der Abfahrt war es naturgemäß noch kälter, aber da ich ja nunmehr ohnehin die ganze Zeit treten musste, konnte ich mich einigermaßen warm halten. Allein die Hände konnte ich nicht vor der Kälte schützen und das war ein echtes Problem. Die Kälte setzte den Fingern arg zu und so fühlten sie sich recht schnell sehr taub an. Schaltvorgänge führte die rechte Hand nur noch verlangsamt aus, auch das Bremsen wurde mehr und mehr zur Qual. Die Straße auf dieser Seite des Gotthard war nass und der Himmel zeigte sein finsterstes Gesicht. Überhaupt sah die ganze Szenerie hier auf der Hauptstraße nicht sonderlich einladend aus. Hinzu kam der nun starke Autoverkehr. Mitten auf offener Fläche kurz vor Andermatt kam die nächste Verpflegungsstation in Sicht. Hier war es sehr zugig und ebenfalls nicht sonderlich warm. Sehr gerne nahm ich die heiße Bouillon an, die die freundlichen Helfer austeilten. Ich traf Alex wieder, der mir erzählte, dass er mich beständig in der Tremola in Sichtweite hatte. Allerdings hatte ich mehrere kurze Fotostopps eingelegt, so dass ich nicht zu ihm aufschließen konnte. Schade, ich wäre gerne mit ihm gemeinsam den Berg hochgefahren.

Nach der zweiten Bouillon fuhren wir dann gemeinsam weiter Richtung Wassen. Allerdings kamen wir nur 500 Meter weit, da uns an einem großen Kreisverkehr die Weiterfahrt untersagt wurde. Ein Straßenbauarbeiter sagte, dass der Verkehr durch die vielen Baustellen auf diesem Teilstück so stark gestaut sei, dass für die nächsten 15 Minuten der Verkehr nur in eine Richtung flösse. So ein Pech, eine Minute früher und wir wären noch durchgerutscht. So standen wir nun an dieser kalten und zugigen Stelle und fingen langsam an zu bibbern. Wir suchten uns einen Unterschlupf neben einem Reisebus und es dauerte nicht lange, da waren wir ca 50-60 Leute, die hier vor dem kalten Wind Schutz suchten.

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Als es endlich weiter ging, konnte man die Kälte den Radlern tatsächlich ansehen. Manche froren so stark, dass sie am ganzen Körper zitterten und das Rad gleich mit. Das wir uns nur langsam durch die Baustellen bewegen konnten, machte die Sache nicht besser, denn nach wie vor ging es bergab und der Fahrtwind sorgte für weitere Auskühlung. Und vermehrtes Pedalieren zur Wärmeerzeugung war wegen der langsamen Fahrt leider nicht drin. Auch mir war wirklich kalt und ich ersehnte das Ende dieser verfluchten Passage herbei. Als wir endlich in Wassen eintrafen, ging es gleich links hinein in den letzten Anstieg und wohl noch nie hat man ein Fahrerfeld geschlossen aufatmen hören, dass es nun endlich einen Berg hinauffahren durfte! Recht schnell wurde mir wieder warm und ich hielt an, um mich meiner Abfahrtskluft zu entledigen.

Der letzte Berg also war der Susten. Mit 17,7 km und 1.308 hm das letzte große Hindernis für diesen Tag. Hier fiel mir nach kompliziertester Nachrechnung auf, dass ich damit zu diesem Zeitpunkt bereits 4.000 hm in den Beinen hatte! Wow, mehr hatte ich zuvor nur bei der Bekloppten-Tour am Ventoux gesammelt.

Ich hatte schon viel über diesen Anstieg gelesen und hoffte, dass die endlose Gerade, die den Pass hinaufführt, mich nicht demoralisieren möge. Körperlich war ich bereits recht erschöpft und für derlei negative Gedanken somit ein leichtes Opfer. Und obwohl der Susten keine wirklich schlimmen Steigungsspitzen aufwies, saugten die durchgängig zu überwindenden 7-9 % doch stetig auch die letzten verbliebenen Körner aus dem Speicher.

Während des Anstieges bekam ich eine SMS von Udo:

„Bin im Ziel. Versuche warm zu werden!“

Au weia, das konnte dann ja noch heiter werden. Denn auch Udo musste auf seiner Runde über den Susten und die tiefhängenden Wolken am Berg drohten jetzt auch mir Unheil an.

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Die Auffahrt zog sich endlos und ich fuhr nur mehr im Energiesparmodus wie ferngesteuert dem Pass entgegen. Bereits weit vor der Passhöhe hüllten uns die Wolken wieder komplett ein und es wurde wieder kalt. Verdammt kalt. War ja nach der SMS und der klaren Sicht auf die Wolkenwand nun auch keine Überraschung mehr.

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Ca. 2 km vor dem Scheiteltunnel hielt ich an und zog mir alle verfügbaren Sachen an, die ich mitgeführt hatte. Aufgrund meiner Erfahrung mit der Abfahrt vom Gotthard zog ich auch das verbliebene Paar Latexhandschuhe an. Ich hegte die Hoffnung, diese könnten der Kälte in der Abfahrt etwas entgegen setzen.

Die Weiterfahrt im dichten Nebel hatte etwas gespenstisches. Man sah im Prinzip gar nichts und als ich den zum Glück beleuchteten Scheiteltunnel erreichte, wurde die unheimliche Stimmung durch das schwach im Nebel durchschimmernde Licht noch verstärkt. Am Ende des Tunnels machte sich eine engagierte Helferin mit einer Klapper bemerkbar und rief in einem Fort „Verpflegung!“ oder „Kontrolle!“ Wenn sie dort nicht gestanden hätte, wären viele wahrscheinlich einfach weiter gefahren, denn die Sichtweite war wirklich sehr eingeschränkt und der Verpflegungsstand etwas abseits der Straße.

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Ich hielt mich nicht lange auf, denn ich war ja bereits voll eingekleidet und Hunger hatte ich auch keinen. Also ging es schnell wieder los in die Abfahrt. Ob der Sichtverhältnisse und der nassen Straße tastete ich mich anfangs langsam von Kurve zu Serpentine. Nachdem ich mich an die nassen Straßen gewöhnt hatte und mich des Bremspotentials der Alufelgen bei diesen Verhältnissen versichert hatte, ließ ich es laufen so gut es ging. Mir war so unglaublich kalt, dass ich keine Sekunde länger in dieser kalten Suppe stecken wollte, als unbedingt notwendig. Meine Zähne klapperten unaufhörlich und es schüttelte mich vor Kälte. Leider waren die Latexhandschuhe keine wirkliche Hilfe. Meine Hände waren schnell so taub, dass ich das Gefühl hatte, den Lenker nicht mehr richtig greifen zu können. Ich glaube, mir war noch nie so kalt.

Trotzdem überholte ich in dieser Abfahrt bestimmt 30 Teilnehmer, die teilweise in Schrittgeschwindigkeit den Berg hinunterfuhren. Zwei Teilnehmer schoben sogar. Wahrscheinlich waren dies vorwiegend Fahrer der Silberrunde. Mancher hätte sich vielleicht vorher genau überlegen sollen, ob Fahrtechnik und Erfahrung wirklich schon für ein solches Unterfangen ausreichen. Das sah wirklich sehr ungeübt aus und zum Teil auch gefährlich ob des nachkommenden Verkehrs.

Als ich endlich durch die Wolkendecke stieß wurde es sofort wärmer und der Straßenverhältnisse wechselten schnell von nass auf trocken. Jetzt ließ ich es noch einmal richtig krachen und im Wissen, dass ich es nunmehr fast geschafft hatte, kurbelte ich euphorisiert mit hoher Frequenz auf meinem „Fixie“ dem Tal entgegen. Die Aareschlucht zwischen Innertkirchen und Meiringen flog ich geradezu hinauf und überholte hierbei noch weitere Teilnehmer. Dann die letzte kurze Abfahrt und Meiringen war erreicht! Hier musste ich noch kurz wegen geschlossener Bahnschranken halten, aber 500 Meter später fuhr ich froh und glücklich durch das Zieltor.

Alex, der im Anstieg noch ein paar Körner mehr übrig hatte als ich, war schon da und wir beglückwünschten uns zu den vollbrachten Großtaten. Im Ziel gab es für die erfolgreichen Absolventen dann noch ein Präsent in Form eines Rucksackes. Schon bald nach Zieldurchfahrt radelten wir dann gemeinsam zum Zeltplatz und ich freute mich auf eine heiße Dusche. Am Zeltplatz empfing uns auch schon Udo, der immer noch versuchte, sich wieder aufzuwärmen, denn der Reissverschluss seiner Windjacke ließ sich auf der Abfahrt vom Susten nicht mehr schließen! Ich mag mir nicht vorstellen, wie sehr er bei der Kälte da oben hatte leiden müssen!

Kurz überlegten wir, ob wir noch am gleichen Tag wieder abreisen sollten, entschieden uns aber doch lieber dafür, den Tag entspannt ausklingen zu lassen und packten am nächsten Morgen nach regenreicher Nacht die nassen Klamotten zusammen und verbrachten den kompletten nächsten Tag mit der Heimfahrt.

Alles in allem ein recht anstrengendes Unterfangen, aber die Freude über das Geschaffte und das Wissen darüber, die Wetterkapriolen, die Panne und - in der Folge - die „Fixie“-Kurbelei überstanden zu haben, lässt auch heute noch ein wenig Abenteuergeist in mir aufkommen und die Strapazen der langen An- und Abreise vergessen…

Hamburg, den 05. Oktober.2014 /  Stefan H.

Rennrad-Klassiker-Tour am 20. September

Herbst liegt in der Luft. Radfahren lässt sich zwar sehr gut über das ganze Jahr, aber nicht unbedingt auf klassischen Rennrädern. André Konietzko von der Classic-Sparte der Fahrradgruppe Rückenwind aus Elmshorn schlug deshalb eine Herbst-Tour im September vor. Wir vom ABC sprangen gerne als “Mitorganisatoren” ein, mussten aber herzlich wenig organisieren, denn Eugen arbeitete eine wunderschöne Route vom Startpunkt Neuwiedenthal aus, die im Vergleich zum Marschenlande Nordelbiens recht hügelig ausfiel und damit für einige von uns eine willkommene Abwechslung bot. (Vielen Dank auch noch einmal an dieser Stelle an Eugen für die tolle Tour, die schöne Strecke und die Führungsarbeit!)

So fanden sich gestern gegen Mittag am S-Bahnhof Neuwiedenthal 17 Personen ein, um gemeinsam auf alten Rennrädern aus Stahl auf die Strecke zu gehen. Um genau zu sein waren es 17 Männer, womit der Frauenanteil dramatisch niedrig ausfiel, was hoffentlich nicht an uns liegt … (Frauen sind natürlich sehr willkommen, auch bei zukünftigen Touren dieser Art).

An Rennrädern kam eine schöne Sammlung der verschiedensten Exemplare aus den 1960er bis 1980er Jahren zusammen. Vertreten waren (und mehr oder minder liebevoll “getreten”) wurden Rennräder von Gazelle, Woodrup, Olmo, Peugeot, Raleigh, Bridgestone, Pashley, Union, Basso, Motobecane, Bianchi und noch einige andere mehr, die in Bewegung und bei reichlich Sonnenschein bewundert werden konnten. Alte Wolltrikots, Kappen, Lederschuhe fehlten ebenso wenig.

Angekündigt war die Tour als “flotte” Runde - und in der Tat ging es immer wieder einmal sportlich zu. Wir fuhren zu Beginn durch die Fischbeker Heide nach Buxtehude, durch Ottensen, dessen Name mir irgendwie bekannt vorkam.

Über Moisburg gelangten wir zum Museumshof Wennerstorf, wo wir bei einer stattlichen Portion Käsekuchen ein Päuschen einlegten und die Speicher auffüllten. Die Sonne schien, ja brannte fast schon teilweise, und die Stimmung war ebenfalls bestens.

Nach der Pause ließen sich dann einige Regenwolken blicken, einige Tropfen kamen herunter, aber es regnete zum Glück nur sehr kurz. So ging die Fahrt weiter über Sieversen (wenn ich mich nicht irre) und Sottorf wieder zurück zum Startpunkt in Neuwiedenthal. Wir hatten insgesamt 82 km zurückgelegt, trotz des “Alteisens” nur eine einzige Panne unterwegs gehabt, reichlich Hügel hinauf- und wieder hinabgefahren - alle waren glücklich und zufrieden, so mein Eindruck. Ein großes “Dankeschön” an alle Mitfahrer und an André und Eugen!

(Fotos: André und Philipp Konietzko)

Hamburg, den 22. September 2014 / Lars A.

Bekloppt am Mt. Ventoux (140 km – 4.443 hm)

Nachdem der bisherige diesjährige Sommer den Alpen letztlich nicht wirklich hold war, musste der Mont Ventoux als ausgiebige Kraxelmöglichkeit herhalten. Hier in der Provence ist es immerhin um einige ° C wärmer als in den Bergen und die fast bis auf 2.000 Meter aufragende Schutthalde und deren Umgebung bietet dem Rennradler im Prinzip alles, was es für eine alpine Tour benötigt. Mehr als 1.600 hm am Stück, Schwierigkeitsstufen für jeden Geschmack und natürlich auch eine gehörige Portion Mythos.

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Der Berg ist in der Wahrnehmung der Velo-Afficionados durch die TV-Berichterstattungen von der Tour so dermaßen überhöht, dass sich die Einwohner der Orte Malaucène, Bédoin und Sault wahrscheinlich bereits alleine durch Rennrad-Touristen aus dem niederländisch sprechenden Teil Belgiens über Wasser halten könnten. Wenn man mal einen Flamen kennen lernen möchte, würde ich nicht nach Flandern sondern im Juli zum Ventoux fahren…

Nachdem ich bereits einige Tage in der Gegend verbracht hatte, sollte kurz vor Ende des Sommerurlaubes dann die erradelte Form für einen besonderen Höhepunkt genutzt werden.

Bei einem launigen Abend mit Lars A. und Lars B. hatten wir über verschiedene Rennrad-Heldentaten gesprochen und kamen auch auf den Ventoux zu sprechen. Lars B. wusste von einem Club der Bekloppten zu berichten, zu dem man sich zählen darf, wenn man den Ventoux von allen 3 mit Straßen versehenen Seiten an einem Tag erklimmt und dieses mit entsprechender Stempelkarte dokumentiert.

Zwar legte ich keinen Wert auf Mitgliedschaft in diesem elitären Verein, aber die Idee der drei Auffahrten kam mir irgendwie sinnvoll vor…

Also: gedacht – getreten!

Der erste Versuch scheiterte allerdings kläglich.

Bereits morgens wehte es unten in der Ebene sehr böig. Der Gipfel war wolkenverhangen. Eigentlich ein sicheres Zeichen dafür, dass es oben äußerst ungemütlich ist. Aber da sich der Urlaub nun mal dem Ende neigte und noch eine weitere Station angefahren werden wollte, wagte ich den Aufstieg in der Hoffnung, dass der Wind sich vielleicht noch legen könnte.

Die Wolken zogen mit gehöriger Geschwindigkeit am Himmel entlang. Die Auffahrt von Malaucène ist recht unrhythmisch und aus meiner Sicht die schwierigste, da die Steigungsspitzen etwas höher ausfallen als von Bédoin aus. Da ich ob meiner Körpergröße nicht gerade ein Bergfloh bin, zieht dann jedes weitere Prozent mehr an Steigung überproportional Körner aus dem spärlich vorhanden Vorrat. Auch bietet die Auffahrt von Malaucène aus kaum Schatten, sofern denn die Sonne scheint. Aber das Problem stellte sich an diesem Tage nicht. Bereits auf 1.000 Meter Höhe sah man Wolken auf gleicher Höhe vorbeiziehen. Diese hielten zwar noch etwas Abstand zum Berg, aber das sollte nicht mehr lange so bleiben. Der Wind drang nur vereinzelt in Böen bis zu mir vor, denn der Aufstieg liegt bis ca. 1.400 Meter Höhe recht gut geschützt im Hang. Jedoch ungefähr ab dieser Höhe nahm der Wind meine volle Aufmerksamkeit in Beschlag. Auch die Wolken waren nun bis an den Berg herangerückt und die ganze Szenerie war mit einem Milchglas-Filter versehen. Je weiter man nach oben kam, desto mehr zerrte das himmlische Kind am Lenker. Kurz unterhalb des Gipfels nahm der Wind dann Orkanstärke an. Und da es weder Bäume noch sonstige natürliche Windschilde gab, schüttelte der Wind mich wie der Barkeeper den Cocktailschwenker. Die Sichtweite betrug kaum mehr als 10 Meter. Kurz vor der Passhöhe hätte es mich dann beinahe umgehauen. Ich klickte aus und schob die letzten 200 Meter zum Gipfel-Schild. Nicht aus Erschöpfung sondern aus purer Angst, hier vom Hang gepustet zu werden. Und das wohlgemerkt nicht bei einer Highspeed-Abfahrt sondern bei ca. 10 km/h beim Aufstieg! Zu meinem Glück stand oben ein Linienbus, der zwischen den Orten Bédoin und Malaucène über den Ventoux pendelt. Der Bus war gerade zur Abfahrt bereit, aber glücklicherweise wartete der Fahrer auf mich.

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Die Sitze im Bus waren bereits gut mit Rennradlern gefüllt und auch ich hing mein Rennrad in die hinter dem Bus befindliche Aufhängung und setzte mich zu den anderen Weggefährten. Eine Abfahrt bei den Bedingungen wäre schlicht zu gefährlich gewesen. Der Bus fuhr dann auch schon bald in Richtung Bedoin hinab und auf der Fahrt zum Chalet Reynard passierten wir sicherlich noch 10 Rennradler, die noch mit der Auffahrt auf den Gipfel beschäftigt waren. Sicherlich allesamt inklusive der Businsassen Kandidaten für eine Ehrenmitgliedschaft im „Club des Cinglés du Mont-Ventoux“, wie der Club der Bekloppten offiziell auf französisch heißt.

Am Chalet Reynard machte der Bus einen Halt und viele Rennradler stiegen hier aus, denn die Wolken hingen etwas höher auf dieser Seite und der Wind konnte weiter unten auch nicht mehr so frontal angreifen wie auf der Strecke oberhalb des Chalets. Auch ich wollte zumindest von hier in den Ort Bedoin abfahren.

So richtigen Spaß machte die Abfahrt dann aber nicht, denn der Wind war immer noch präsenter als erwünscht und ob der Böen-Gefahr ließ ich es nicht wirklich laufen. Unten in Bédoin angekommen fuhr ich dann über den kleinen Col de la Madeleine zurück nach Malaucène und hoffte für die letzten Möglichkeit dieser Tour am darauf folgenden Tag auf besseres Wetter…

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Gut investiertes Geld…

Tja, und das kam dann auch tatsächlich! Also ging es mit frischem Mut um 9 Uhr morgens los. Ich hatte geplant, den Ventoux in der Reihenfolge Malaucène – Bédoin – Sault in Angriff zu nehmen. Der Hintergedanke war dabei, es mit noch frischen Beinen von der schwersten Seite anzugehen, um es dann mit zunehmender Müdigkeit etwas „einfacher“ zu haben.

Schon kurz nach Beginn der Steigung merkte ich die Temperaturunterschiede zum vorherigen Tag. Es war beträchtlich wärmer geworden und ich musste schon früh zur Trinkflasche greifen, denn der Schweiß rann mir in Strömen aus allen Poren. Der nur spärlich auf die Straße fallende Schatten wurde von mir so häufig wie möglich genutzt, um der direkten Sonneneinstrahlung zumindest manchmal entgehen zu können. Zum Glück war vom Wind auch weiter oben nur wenig zu spüren. Ganz im Gegenteil war er in Gipfelnähe sehr angenehm, da er ein wenig willkommene Kühlung mit sich führte. So war denn die erste Auffahrt nach ca. 2 h bewältigt und ich machte mich nach kurzem Aufenthalt sogleich in die Abfahrt nach Bédoin.

Die Abfahrt war auch an diesem Tage kein Vergnügen, da weit mehr Flamen als am Tage zuvor den klassischen TdF-Anstieg von Bedoin aus bewältigen wollten. Eine solche Heldentat ist für viele der Belgier eine Familienangelegenheit und nicht nur der Papi, die Mami oder der Filius fahren den Berg mit eigener Muskelkraft hinauf, sondern auch der Rest der Familie inklusive Onkel, Tante und Cousinen beobachten euphorisiert aus dem Begleitwagen die Tortur des Delinquenten. An und für sich eine schöne Sache, die den dringend nötigen Zusammenhalt in dem brüchigen Staate Belgien sicherlich zu stärken vermag (sofern die Tante denn aus der Wallonie stammt). Leider führte dieses Verhalten dann, in der auf dieser Seite fahrtechnisch teils schwierigen Abfahrt, zu häufigen und sehr unwillkommenen Engstellen. Aber an diesen Umstand gewöhnt man sich besser schnell, denn ändern wird man ihn nicht können.

Noch nicht ganz unten in Bédoin angekommen, füllte ich meine leeren Trinkflaschen an einem Brunnen wieder auf und rollte in den Ort hinein, um mir in einer Patisserie ein großes Stück Gebäck zu kaufen und im Schatten zu verspeisen. Die Pause währte ca. 20 min und ich machte mich wieder an den Aufstieg. Sofort machte sich die mittlerweile gen Zenit tendierende Sonne bemerkbar und ich hielt an, um mich meines unter dem Trikot getragenen Funktionsunterhemdes zu entledigen. Die Hitze war so stark, dass ich zusätzlich auch noch den Reissverschluss des Trikots weit öffnete, um mir irgendwie Kühlung zu verschaffen.

Nach kurzer Zeit im Anstieg schlossen 2 Franzosen zu mir auf. Wir kamen ins Gespräch und ob meiner nur rudimentären Französischkenntnisse, die sich ganz wunderbar um die nicht vorhandenen Englisch-Kenntnisse der beiden Franzosen ergänzten, dauerte es einige Zeit bis durchsickerte, dass wir alle drei das gleich Ziel für diesen Tag auserkoren hatten. Die beiden Franzosen aus Dijon waren Brüder namens Frederic und Pascal und waren ebenfalls von Malaucène aus gestartet.

Gerade als ich mich wunderte, dass beide nur mit einer 0,5 l Flasche am Rad ausgerüstet waren, bogen sie auch schon auf einen Parkplatz zur rechten ab, um sich von einem Begleitfahrzeug -  :) - verpflegen zu lassen.  Wir wünschten uns noch gegenseitig „bonne chance“ und ich setzte meine Fahrt alleine fort. Ich merkte schon recht deutlich die Anstrengungen der ersten Auffahrt und die Hitze tat ihr übriges dazu, dass in meiner Wahrnehmung die Fahrt auf einem stark haftenden, überdimensionalen Klebestreifen stattfand. Es wollte so gar nicht rollen. Mit der Vorbeifahrt am Chalet Reynard wechselte sich das Blatt allerdings. Zum einen geht es ab hier etwas flacher daher, zum anderen ändert sich die Umgebung schlagartig. War man zuvor noch in einem mehr oder weniger dicht bestandenen Korkeichenwald unterwegs, bestimmt ab dem Chalet das nackte Geröll die Szenerie. Von hier aus sind es noch 500 Höhenmeter und 7 Kilometer bis zum Gipfel, der dann auch schon bald in Sicht gerät. So nah und doch so fern, dachte ich mir. So schön es auch ist, sein Ziel fest im Blick zu haben, so doof ist es doch, das unweigerlich kommende Elend schon Kilometer im voraus genau ausmachen zu können.

Welch ein Glück also, dass ich mich dadurch ablenken konnte, dass vor mir einige Läufer den Berg hinaufliefen. Bereits vor einigen Tagen hatte ein Halbmarathon auf den Ventoux stattgefunden, an dem auch mein (natürlich flämischer Campingnachbar) teilgenommen hatte. Er erzählte mir nach dem Event, dass der Sieger nach 1:30 h oben gewesen war. Das ist für mich sogar mit dem Rennrad eine unvorstellbare Leistung! Alles unter 2 h verbuche ich für diesen Berg bereits als großen Erfolg! Und ich denke, selbst unter Läufern gibt es viele, die auf der Halbmarathondistanz bereits im flachen an einer solchen Zeit schwer zu knapsen hätten.

Diesen versprengten Läufern kam ich also nun immer näher und einen nach dem anderen überholte ich dann auch. An dem ganz vorne Laufenden allerdings schien ich mir die Zähne auszubeißen. Unwillkürlich zog ich das Tempo an, denn in mir war das Jagdfieber erwacht. Allerdings konnte ich dieses nicht lange halten, denn letztlich konnte ich hier nicht das Tempo nach freidünken bestimmen, sondern der Ventoux wies mir die angemessene Geschwindigkeit zu, mit der er mir gnädigerweise die Auffahrt erlaubte. So kam ich dem Läufer vor mir nur in Zeitlupe näher, bis ich ihn schließlich eingeholt hatte. Was dann folgte, könnte man wohl als langsamste Sprintentscheidung in der Geschichte der noch zu erfindenden Sportart Läufer gegen Radfahrer – Unterdisziplin Berg – bezeichnen. Kurz nachdem ich den Läufer überholt hatte, schloss dieser wieder zu mir auf und in den ab ca. 2 Km vor dem Gipfel wieder auftretenden Steilstücken konnte er sich wieder von mir absetzen. Ein echt starkes Stück, wie ich fand. Ich kam ihm erneut näher und holte ihn ein, aber dann kam wieder ein Steilstück, an dem mir das zusätzliche Gewicht des Rades offenbar einen Streich bei der Überwindung der Hangabtriebskraft spielte. Als ich ihm das dritte mal nahe kam, sprach ich dem Läufer meine Anerkennung für seine Leistung aus. Wir gaben uns die Hand und der Läufer nickte wohlwollend, denn Luft zum Reden hatte er keine mehr. Das hielt ihn aber nicht davon ab, in der letzten Kurve im ultrasteilen Endanstieg zum Gipfel nochmal zu beschleunigen und sich von mir abzusetzen. Tja, nur zweiter in diesem unwürdigen Kampf aber immerhin wegen dieser kurzweiligen Abwechslung auch schon zum zweiten mal oben! Wir gaben uns lachend nochmals die Hand und klopften uns gegenseitig auf die Schulter.

Ich verschnaufte kurz oben und erfreute mich an dem bisher geschafften und an der fantastischen Weitsicht an diesem Tag. Allerdings mischte sich dann auch gleich ein kleiner Wehrmutstropfen in die Freude, denn ich konnte jetzt nicht einfach zurück nach Malaucène abfahren und den Rest des Tages die Beine hochlegen, sondern wollte ja das ganz dicke Brett bohren.

Also fuhr ich erneut in Richtung Bédoin ab und nahm beim Chalet Reynard den Abzweig Richtung Sault. Diese Strecke ist weitaus flacher im Vergleich zu den ersten beiden und auch in der Abfahrt musste man zum Teil ordentlich in die Pedale treten, um die Geschwindigkeit aufrecht zu erhalten. Hier merkte ich dann schon recht deutlich die Strapazen der zurückliegenden Aufstiege. Die Beine wurden langsam fester und ich registrierte schon eine leichte Krampfneigung in den Waden wie auch in den Oberschenkeln. Nach recht zäher Fahrt erreichte ich die Ebene und musste mich noch einen Gegenanstieg hochkämpfen, um in den Ort zu gelangen. Auch hier betrat ich eine Patisserie und versorgte mich mit einem leckeren Stück Kuchen. Dazu kaufte ich eine kalte Cola, die ich zuvor für lange Jahre nicht auf meinem Getränkeplan stehen hatte. Warum eigentlich? Herrlicher, klebriger, Karies begünstigender Zucker! Was gibt es besseres, wenn man schon ziemlich angeknocked ist? Ich setze mich mit diesem ausgefeilten Menü auf eine Steinstufe und es dauerte nicht lange, bis ein wirklich großer Hund Interesse an meinem Stück Kuchen zeigte. Aber ich wäre bereit gewesen, in den Ringkampf zu gehen, wenn er es gewagt hätte, mein sauer verdientes Mahl auch nur zu beschnuppern. Ich füllte meine Trinkflaschen dann noch an einer Wasserstelle und machte mich wieder auf, den Ventoux ein drittes mal zu erklimmen.

Nachdem ich den Hang herabgerollt war und den Aufstieg begann, spürte ich sofort, dass das Unterfangen noch schwierig werden würde. Ich fühlte mich alles andere als frisch und die Aussicht, jetzt noch 27 km erst flacher, später dann ab dem Chalet Reynard steiler bergan fahren zu müssen, hebte nicht gerade meine Stimmung. Ich fuhr betont langsam, um mir die Kräfte einzuteilen und nach ca 5 km im Anstieg holten mich doch tatsächlich Frederic und Pascal wieder ein. Meine Laune stieg sofort und auch die beiden Brüder machten einen lebhaften Eindruck. Wir versicherten uns gerade unseres Zustandes und ich war guter Dinge, ein Stück des Weges gemeinsam mit ihnen zurückzulegen, da wartete dann auch schon das Begleitfahrzeug am Wegesrand auf die Brüder.

Sie fragten mich noch, ob ich noch etwas benötigen würde, aber da ich mich erst kurz zuvor neu gerüstet hatte, lehnte ich dankend ab. So wünschten wir uns dann viel Glück für das Finale und ich fuhr wieder alleine meiner Wege.

Der weiterhin flache Anstieg kam mir ob meines Zustandes natürlich entgegen, allerdings wollten die Kilometer bis zum Zusammenschluss mit der Strecke von Bédoin aus am Chalet Reynard einfach nicht vergehen. Als ich endlich am Chalet eintraf, machte ich erst mal eine Pause und vertrat mir etwas die Beine. Jetzt waren es nur noch 7 km bis zum Gipfel und ich hätte es geschafft. Aber diese 7 km würden mir jetzt noch einmal alles abverlangen.

Mittlerweile hatte der Trubel rund um den Berg doch deutlich abgenommen. Es war jetzt kurz nach 17 Uhr und die meisten Ritter hatten ihren Kampf mit diesem Berg bereits in den Morgen- und Mittagsstunden ausgefochten. Nur noch vereinzelt standen flämische Familien am Wegesrand und warteten mit dem Fotoapparat im Anschlag auf ihre Lieben. Das kam mir sehr gelegen, denn den mitleidserregenden Eindruck, den ich auf die Passanten machen musste, konnte ich wiederum direkt aus ihren Gesichtern ablesen. Dann doch lieber alleine leiden…

Mir kam das Wort Qual in den Sinn und der wunderbare Text, in dem Max Küng dieses Wort so treffend beschreibt:

„Qual: welch kurzes Wort, zu beschreiben, was das wirklich bedeutet. Lausige vier Buchstaben. Das ist doch viel zu wenig. Vor allem heute, jetzt, in diesem Moment. In diesem Moment ist es heiß. Sehr heiß. Die Sonne brennt, kein Schatten weit und breit, bloß Straße vor mir…“

Dem war von meiner Seite nichts hinzuzufügen. Außer vielleicht, dass sich die Krampfneigung meiner Beine nun vollends Bahn brach und ich nach langem Kampf 2 km vor dem Gipfel ausklicken musste, da mich ein heftiger Krampf im rechten Oberschenkel zwickte. Beim ausklicken des linken Fusses ereilte es auch das linke Bein, so dass ich mit starren Beinen über dem Lenker gebeugt die Welt verfluchte. In dieser Position verharrte ich einige Zeit bis sich die Krämpfe gelegt hatten. Ich stieg wieder auf und machte mich an das große Finale.

Die letzten beiden Kilometer ab dem Gedenkstein für Tom Simpson bis zum Gipfel sind recht steil. An einen flüssigen Tritt war leider nicht mehr zu denken. Da jetzt nur noch wenig Verkehr herrschte, nutzte ich so häufig wie möglich  die komplette Straßenbreite, um den Steigungsprozenten durch zickzack-fahren ihre Schärfe zu nehmen. So kreuzte ich sozusagen mit vollen Segeln gegen den Wind und schaffte es bis zur letzten Kurve. Im Hochgefühl, es nun tatsächlich geschafft zu haben, ging ich ein letzes mal aus dem Sattel und trat so heftig in die Pedale wie ich nur konnte. Wenigstens auf den letzen Metern bis zur Passhöhe wollte ich es dem Berg in würdiger Art und Weise zeigen, dass er mich nicht klein bekommen hat! Diese Majestätsbeleidigung strafte er dann sogleich mit dem nächsten Krampf. Aber das war nun auch alles egal, denn ich hatte es geschafft!!!

Für das obligatorische Passfoto hatte ich mein Smartphone an einen freundlichen Radler aus … na ihr wisst schon überreicht. Als ich ihm bedeutete, dass er gerne ein paar mal häufiger knipsen könne, schließlich sei ich auch ein paar mal hochgefahren, machte sich ein weiterer Radler bemerkbar, der an diesem Tage das gleiche vollbracht hatte.

Er war allerdings die Kombi Sault – Bédoin – Malaucène gefahren.

Also wurde die Tour mit zunehmendem Verlauf immer schwieriger. Ich weiß nicht, ob ich das überstanden hätte. Ich beglückwünschte ihn zu seiner Leistung. Wir unterhielten uns nur kurz, denn ich konnte es kaum erwarten, das Beste an diesem Tage in Angriff zu nehmen. Die rasante Abfahrt auf gut ausgebauter Strecke zurück nach Malaucène. Und das praktisch ohne Verkehr! Ich zog mir meine Windjacke  an und wollte mich gerade ins Abenteuer stürzen, da sah ich die beiden Brüder den Gipfel erklimmen. Ich wartete natürlich auf deren Eintreffen. Wir gratulierten uns herzlich für die vollbrachten Großtaten und tauschten noch einige Nettigkeiten aus.

Dann ging es aber los und ich konnte mich ganz dem Rausch der Geschwindigkeit hingeben. Mehrmals kratzte ich die 80 km/h Marke, reizte die Höchstgeschwindigkeit allerdings nie aus. Darauf kam es mir auch nicht an, denn oberstes Ziel war kein Geschwindigkeitsrekord sondern das Ankommen in einem Stück.

Das gelang mir dann auch ohne weiteres und nach 140 km und 4.443 Höhenmetern kann ich mich nun wahrlich bekloppt nennen!

Hamburg, den 28. August 2014 / Stefan H.

Pässerunde Col d’Allos – Col de la Cayolle – Col des Champs (118 km – 3.100 hm)

Ausgangsort der Tour anlässlich meines Sommeraufenthaltes in den französischen Alpen war das kleine Festungsstädtchen Colmars (nicht zu verwechseln mit dem pittoresken Touri-Örtchen Colmar in den Vogesen).

In der Nacht zuvor hatte es geregnet und am frühen Morgen hingen Wolkenfetzen noch tief über dem Kopf des arglosen aber wagemutigen Velozipeden-Reiters. Der Wetterbericht versprach für diesen Tag eine Regenpause und so wagte ich mich gegen 10 Uhr morgens auf die Runde. Über die beiden Pässe Allos und Cayolle hatte ich bereits einiges in Erfahrung bringen können und die Steigungsprozente erschienen im Vergleich zu den sonst üblichen Schwierigkeiten beim Erklimmen von 2.000ern recht moderat. Den Col des Champs hatte ich bei meinen Betrachtungen allerdings nur als notwendiges Übel auf dem Weg zurück zum Startort betrachtet und ihm wegen seiner eher geringen Höhe von 2.080 Metern im Vergleich zum Allos (2.250 m) und zum Cayolle (2.326 m) keine größere Bedeutung beigemessen. Da tat ich ihm Unrecht, wie sich noch herausstellen sollte…

Los ging es mit der Fahrt durch das Örtchen Colmars mit seinem schönen historischen Stadtkern, welcher in ebenso alten Festungsmauern eingepfercht liegt. Auf der Fahrt aus dem Ort heraus Richtung Col d‘Allos passierte ich bereits ein Schild mit der Aufschrift Col des Champs, welches auf eine Straße zu meiner Rechten hinwies, welche man eher als eine zugewucherte Zufahrt zu einem verlassenen Gehöft hätte halten können. Das hätte mir vielleicht zu denken geben sollen…

Nun ja, es ging erst einmal recht gemütlich bei sehr moderaten Steigungsprozenten in den Anstieg hinein. Auf der linken Seite der Straße strömte mit einiger Macht der an diesem Berg entspringende Verdon, der in seinem weiteren Verlauf gestaut wird und sein klares Wasser späterhin gegen ein tiefes Türkis am Lac de St. Croix am Ausgang der Gorges du Verdon eintauscht. So rollte ich für ca. 10 km auf breiter 2spuriger Straße bis ich mit der Durchfahrt des Ortes Allos eher widerwillig die Kette weiter nach links wandern ließ, da die Steigungsprozente nun deutlich zunahmen. Der bis hierher noch recht regelmäßige KFZ-Verkehr nahm dafür deutlich ab. Die Straße verengte sich zu einem schmalen Asphaltband und ich kletterte in einer engen Folge von Serpentinen, nun recht schnell an Höhe gewinnend, dem Pass entgegen. Alles in allem war dieser Pass von Colmars kommend recht unspektakulär und selbst das Passschild war eher lieblos angebracht.

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Noch liebloser war allerdings der Zustand der Straße, über die ich mich nun nach Barcelonette begeben musste. Es rumpelte doch ziemlich über den Flickenteppich auf der Abfahrt und ich war gezwungen, der Hangabtriebskraft recht stark Einhalt zu gebieten, da ich immer wieder von der Ideallinie abweichen musste, um nicht allzu stark durchgerüttelt zu werden. Hinzu kam die auch auf dieser Seite sehr schmale Straße, die zum Teil ohne Seitenbegrenzung den Blick in eine tiefe Schlucht eröffnete. Unter diesen Bedingungen siegte dann doch der Überlebenstrieb und die Hände blieben immer in bremsbereiter Position. Nach etwa 12 KM Abfahrt besserte sich der Straßenzustand allerdings und ich konnte es dann doch mal laufen lassen. Im weiteren Verlauf erreichte ich problemlos Barcelonette bzw. den vor dem Ort befindlichen Abzweig zum Col de la Cayolle. Dort machte ich kurz Halt und entledige mich der für die Abfahrt angezogenen Windjacke und füllte meine Trinkflaschen an einem Brunnen kurz nach dem Abzweig. Dort stand zwar „Eau non contrôlée“ zu lesen, aber ich hoffte mal das Beste…

Der Col de la Cayolle war landschaftlich um einiges reizvoller als der Col d’Allos. Gleich am Fuße des Anstieges durchfuhr ich eine enge Schlucht, die der Fluss Bachelard gegraben hat und im Anstieg sah man immer wieder, wie sich dieser von links oder rechts kommenden Wasserfällen und Bächlein speiste. Sehr schön und abwechslungsreich, so dass man die zurückgelegten Kilometer kaum bemerkte. Ehe ich mich versah, hatte ich nach diversen Flachstücken, bei denen man das Tempo anziehen konnte, auch schon mehr als 20 Kilometer zurückgelegt. Die letzten 10 km fanden dann in einer großzügiger werdenden Almumgebung statt, welche von kleinen Wasserläufen durchzogen war.

Während dieses Anstieges hatte ich meinen ersten Energieriegel gegessen, der in meiner Trikottasche verstaut war und in der Annahme, dass noch weitere davon in meiner Satteltasche schlummern, hatte ich mich in Barcelonette bis auf das Füllen der Trinkflaschen nicht weiter verpflegt.

Auf dem Gipfel traf ich zwei rennradelnde Münchener, mit denen ich kurz ins Gespräch kam. Sie erzählten mir, dass sie die von mir angestrebte Runde auch in den nächsten Tagen in Angriff nehmen wollten, allerdings in entgegen gesetzter Richtung, da der Straßenbelag in den Abfahrten somit in besserem Zustand sei. Insbesondere sei aus diesem Grunde von der Abfahrt vom Col des Champs in Richtung Colmars abzuraten. Kurz hielt ich inne. Sollte ich hier tatsächlich umkehren und den Weg zurück über Barcelonette und den Col d’Allos antreten? Die Aussicht, den bereits zurückgelegten Weg komplett zurück zu fahren, fand ich wenig reizvoll. Also entschloss ich mich zur Weiterfahrt…

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Die Abfahrt vom Col de la Cayolle war sehr gut zu fahren. Der Belag war in einem guten Zustand und die Straße 2spurig ausgebaut. So ließ ich es laufen und zirkelte mit Schwung durch die Kurven. Nach einer lang gezogenen Rechtskurve blieb mir dann allerdings fast das Herz stehen. Auf meiner, dem Abgrund zugewandten, Seite fuhr ein Auto vielleicht 20 Meter vor mir im Rollatortempo von einer Parkbucht in Richtung Gegenfahrbahn und blockierte meine Fahrspur.

Nach rechts auf die Parkbucht ausweichen war zu gefährlich, da dahinter der Abgrund schlummerte und ich zu schnell war, um auf dem Schotter zum stehen zu kommen. Also zog ich nach links Richtung Gegenfahrbahn bzw. Felswand und bremste mit allem was ich hatte. Das Hinterrad brach erst zur rechten, dann zur linken Seite aus. Der Autofahrer hielt auf halben Wege mitten auf der Fahrbahn an, so dass es mir gelang zwischen Felswand und Auto hindurchzuschlüpfen und 15 Meter später zum vollständigen Halt zu kommen. Kopfschüttelnd machte ich dem Touristen aus einem westlichen Nachbarland mit viel Käse und Orangen auf seine lebensgefährliche Schlafmützigkeit aufmerksam. Dieser war nun scheinbar etwas geschockt, zumindest jedoch vermutlich genauso bleich wie ich und ich bedeutete ihm, zügig weiter zu fahren, denn falls ein weiterer Verkehrsteilnehmer um die Kurve gekommen wäre, hätte es mit Sicherheit böse Folgen gehabt!

Ein mir entgegen kommender Rennradler hatte die Szenerie von einer gut einsehbaren Stelle weiter unten verfolgt und beglückwünschte mich bei seiner Vorbeifahrt für mein Glück und meine Steuerkünste. Auch ich freute mich, dass ich meine Fahrt noch in einem Stück fortsetzen konnte! Nachdem ich zweimal ordentlich durchgeatmet hatte, setzte ich meine Fahrt fort. Weiter unten fing es dann zu allem Überfluss an zu regnen.

 Unten im Ort Saint-Martin-d'Entraunes angekommen, wollte ich mich erst einmal stärken, konnte allerdings weder etwas Essbares in meiner Satteltasche noch in dem kleinen Dörfchen entdecken. War ja klar! Langsam wuchs in mir die Erkenntnis, dass diese Tour wohl unter keinem guten Stern stand. Nach dem Beinahe – Unfall, dem einsetzenden Regen und dazu dann auch noch die Aussicht auf einen drohenden Hungerast fehlte nun nicht mehr so wahnsinnig viel zum Glück.

Neben dem Wegweiser zum Col des Champs stand im Ort jedoch immerhin auch ein Schild, dass auf eine Herberge auf dem Weg zum Gipfel hinwies. Ich schöpfte neuen Mut und dachte mir, dass ich die letzten 13 KM bis zum Gipfel schon irgendwie schaffen würde und unterwegs bestand ja nun noch eine Einkehrmöglichkeit (sofern geöffnet). Der Rest wäre ja nur noch Abfahrt und so schlimm würde die schon nicht werden…

Der Himmel sah mittlerweile recht bedrohlich aus und vereinzelt zuckten Blitze am Horizont. Der Regen hörte nach 2 km im Anstieg auf. Dafür wehte ein böiger Wind, der beständig an Kraft zulegte und deutlich dunklere Wolken mit sich führte, als die, aus denen der bisherige Niederschlag stammte. Mir war klar, dass ich mich nun wohl besser nicht im Schongang fortbewegen sollte, wenn ich nicht in ein Unwetter kommen wollte.

Der Anstieg zum Col des Champs war deutlich anspruchsvoller als die vorherigen beiden, denn es ging beständig bei Steigungsprozenten zwischen 8 – 10 % nach oben. Nur vereinzelt gab es flachere Passagen, in denen man das Tempo anziehen konnte. Ich spürte mittlerweile richtigen Hunger, aber zum Glück hatte sich das auf meine körperliche Leistungsfähigkeit noch nicht wirklich ausgewirkt. Ich hatte noch eine Trinkflasche mit Wasser und eine mit etwa 0,3 Liter Eistee, aus der ich mir etwa alle 2 KM einen Schluck gönnte. Ich hoffte, dass ich so meinen Zuckerhaushalt einigermaßen im Lot würde halten könnte.

Ob des sich wandelnden Wetters mit mittlerweile recht kräftigen Windböen und der mit zunehmender Höhe deutlich sinkenden Temperaturen wurde mir langsam frisch und ich zog mir während der Fahrt Armlinge und Windjacke an, die ich in der Trikottasche mitgeführt hatte.

Als es gerade richtig ungemütlich wurde, kam die im Talort ausgeschilderte Herberge in Sicht. Sie schien geöffnet zu haben! Meine Laune stieg sofort und ich fasste frischen Mut.

Ich stellte mein Rad vor dem Zaun ab und eilte die Stufen zum Lokal empor. Auf der Terrasse vor der Herberge war niemand zu sehen, aber zum Glück ließ sich die Glastür zum Gastraum öffnen. Ich hörte Stimmen aus der Küche und machte mich bemerkbar. Ich fragte den hervor tretenden Wirt nach essbarem und er wies mit dem Finger auf eine kleine Snackbar, in der sich in großer Auswahl sowohl Mars als auch Twix-Riegel befanden. Für den konkurrenzlos teuren Preis von 4 € gönnte ich mir die komplette Speisekarte und kaufte mir jeweils einen Riegel jeder Sorte. So trat ich dann wieder vor die Tür und wollte die Riegel auf dem Rad verspeisen, um keine Zeit zu verlieren. Jedoch blieb mir schon der erste Bissen im Halse stecken. Der Mars schmeckte schon recht seltsam. Ein schneller Blick auf das Verfallsdatum bestätigte meine Vorahnung. So machte ich umgehend kehrt und fragte den Wirt nach frischen Exemplaren, denn auch der Twix war schon abgelaufen. Natürlich waren alle Riegel abgelaufen. Der Fülle der beiden Schoko-Kartons, dem nicht vorhanden Verkehr auf der Straße und der irgendwie nicht sonderlich gastfreundlichen Art des Wirtes nach zu urteilen, war ich wohl der einzige Kunde in der Saison gewesen.

Obwohl in der Küche irgendetwas am köcheln war, gab mir der Wirt zu verstehen, dass es hier nichts anderes zu holen gäbe. Vielleicht brutzelten er und seine Frau ja nur zum Spaß oder für eine ahnungslose Abendgesellschaft…

Also nahm ich meine 4 € wieder an mich und hatte außer einem schalen Geschmack im Mund nichts gewonnen. Ganz im Gegenteil hatte ich im Wettlauf gegen das drohende Gewitter eigentlich nur Zeit verloren. Also ging es noch etwas frustrierter wieder aufs Rad und mit einer gewissen Portion Wut im Bauch trat ich nun ohne Rücksicht auf Verluste die letzten 6 km zum Gipfel heftig in die Pedale. Tatsächlich habe ich den Anstieg dann ohne Einbruch überwunden, auch wenn die letzten beiden Kilometer sich zogen wie ein Kaugummi auf heißem Asphalt.

Hier oben war es einfach nur kalt und stürmisch und ich machte mich nach dem obligatorischen „Passfoto“ sofort daran, die Abfahrt in Angriff zu nehmen. Schon mit der ersten Querrinne wurde mir klar, dass diese Abfahrt kein Vergnügen wird.

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Ca. alle 300 Meter wurde die Straße durch quer zur Fahrbahn verlaufende Vertiefungen unterbrochen, im Prinzip das recht kantige Negativ zu den bekannten 30er-Zonen-Bumpern. Offenbar ist an diesem Berg eine Menge Wasser über die Straße abzuleiten. So konnte ich es natürlich nicht einfach rollen lassen und musste immer wieder abrupt bremsen. Nach ungefähr 3 km hatten die unsäglichen Querrinnen ein Ende. Dafür kamen dann allerdings neben einer Vielzahl unebener Teerflicken auch eine Menge Schlaglöcher hinzu, die zum Teil so groß waren, dass man einen Wurf Katzenjunges ohne weiteres darin hätte ersäufen können. So schlich ich also nun im Zickzack von Asphaltflicken zu Teerflicken und spürte schon bald, wie unangenehm es doch für die Hände, Nacken und Schultern ist, eine Abfahrt mit Dauerbremsen zu bestreiten. Hinzu kam noch, dass die Straße von dieser Seite noch einmal steiler war als von der Auffahrtseite und somit das Langsamfahren noch beschwerlicher wurde. Obwohl ich es, so gut es ging, habe laufen lassen, war ich eine gefühlte Ewigkeit unterwegs, bis ich endlich aus der eingangs erwähnten verlassenen und zugewachsenen „Hofeinfahrt“ auf die Hauptstraße in Colmars einbiegen konnte. Selten war ich so erleichtert, denn selbst eine halbe Stunde nach Ankunft am Ausgangsort kribbelten meine tauben Hände noch mehr als unangenehm von der Dauerbremserei…

Nur das abendliche Essen und einige Bierchen in einem für französische Verhältnisse wirklich ausnehmend guten Restaurantbetrieb ließen mich dann doch milde auf den zurückliegenden Radtag und nach draußen auf den kurz nach meiner Ankunft einsetzenden heftigen Dauerregen blicken…

Hamburg, den 26. August 2014 / Stefan H.

NO CLASSICS - warum ich die Cyclassics nicht mitfahre ...

Einigermaßen regelmäßig werde ich gefragt, ob ich auch bei den Cyclassics, diesem größten Radrennen aller bewohnten und unbewohnten Planeten für Jedermänner und Jederfrauen teilnehme. Die Frage beruht vermutlich auf der Tatsache, dass ich mich hin und wieder auf einem Rennrad fortbewege und vielleicht sogar, so meine Hoffnung, ein wenig sportlich wirke. Ich verneine dann stets, prompt und ehrlich. Nein, da fahre ich nicht mit; gelegentlich erwähne ich sogar (mutig), dass ich da überhaupt nicht mitfahren möchte. Ich war zwar vor ein paar Jahren einmal angemeldet, weil ich mich hatte beschnacken lasse, mein Rad hatte dann aber just am Vortage des „Events“ einen kapitalen Aussetzer, weshalb es und ich dann zu Hause blieben.

Um wertvolle Lebenszeit aller Beteiligten zu sparen, habe ich mich also einmal hingesetzt und die Gründe meiner Nichtteilnahme aufgeschrieben. Ich werde diese auf Toilletenpapier – zwei- oder sogar dreilagig, das weiß noch nicht so genau – ausdrucken und bei zukünftigen Ausfahrten auf dem Rennrad in einem kleinen Gefrierbeutel dabei haben, um im Fall der Fälle, der Frage nach der Cyclassics-Teilnahme, mein kleines Manifest dann ohne großen verbalen Firlefanz dem Fragesteller, der Fragestellerin feierlich und möglichst bedeutungsschwanger überreichen zu können.

Die ganz Neugierigen finden den Text im Folgenden dokumentiert.

***

Ich fahre die Cyclassics NICHT mit, …

 … weil mir die Veranstaltung zu klein ist. Ich nehme in der Regel erst an Veranstaltungen teil, die mindestens 100.000 Besucherinnnen und Besucher umfassen; also Events wie der Kirchentag, Vatertag, Sperrmüll oder Bundestagswahlen.

… weil ich als Neuling, Newcomer und Newbie von ganz hinten starten müsste. Da ich aber ein ziemlich rasanter und imposanter Radfahrer bin und echtes Racerblut in meinen Adern pulsiert, würde ich folglich an hunderten und tausenden, vielleicht sogar zehntausenden Teilnehmern vorbeipreschen und diesen dabei ein unschönes Feeling, möglicherweise sogar ein traumatisches Erlebnis verabreichen. Da ich jedoch ein echt netter und sozialer Typ bin, verzichte ich einfach auf die Teilnahme.

… weil der Anblick von zehntausenden rasierten Frauen- und Männerbeinen mich irgendwie, wie soll ich sagen, aufwühlen würde …

… weil ich ansonsten am Vorabend und in der vorherigen Nacht nicht mehr als sechs oder sieben Bier trinken könnte. Und das am Wochenende!

… weil der Startort in Hamburg und nicht in Tokyo liegt. Mit dem Rennrad zu einer Radsportveranstaltung fahren geht gar nicht, meiner Meinung nach. Die Teilnahme bekommt deutlich mehr Gewicht, wenn man per Flugzeug, Nightliner, SUV, Schnellzug und ähnlichem anreist.

… weil ich ohnehin jeden Tag über die Köhlbrandbrücke mit dem Rad fahre.

… weil eine Strecke von 155 Kilometern so lächerlich gering ist, dass es überhaupt nicht lohnt, Trikot, Rennradschuhe und den ganzen Schnickschnack anzuziehen. Von den anderen Streckenlängen von 100 und 55 Kilometern soll an dieser Stelle einmal lieber überhaupt keine Rede sein.

… weil es jetzt sowieso für eine gute Frühform zu spät, für eine gute Spätform zu früh ist.

… weil mir über 20.000 Lutscher auf einen Haufen etwas zu viel sind.

… weil die Veranstaltung vermutlich ohnehin zu früh anfängt, oder?

… weil ich nicht den Wald vor lauter Bäumen, die Straße vor lauter Rennradfahrern sehen könnte.

… weil meine Mutter sich dann einfach viel große Sorgen machen würde.

… weil ich mich nicht entscheiden könnte, was ich anziehe … ganz in schwarz? HSV-Trikot? Superman? Teppich-Kibek?

 … weil … weil … weil …

 … weil man in Hamburg „tschüß“ sagt.

Allen Teilnehmerinnnen und Teilnehmern wünsche ich gleichwohl viel Spaß und Freude und eine unfallfreie Fahrt! Man sieht sich (nicht).

Hamburg, den 20. August 2014 / Lars A,

200km-Brevet ARA Sønderborg/Dänemark – sehr „hyggelig“ am 14. Juni 2014

Bislang kannte ich nur den Hamburger Startort wo alljährlich alle Langstreckenbegeisterten, rund um Claus Czycholl, ihre Langstreckenprüfungen über 200, 300, 400 und 600 Kilometer meistern.

Nun ging es um Punkt 5 Uhr Richtung Sønderborg zum dänischen Startort los. Nach etwas über einer Stunde Autofahrt erreichte ich das Danhostel in Sønderborg, den südlichsten Treffpunkt der dänischen Randonneure.

Um Punkt 7 Uhr pedalierten wir zur Fähre nach Bøjden/Fünen. Wir waren nur zu dritt, doch das änderte sich auf dem Weg zur Fähre fast minütlich, denn die Züge der heimischen „Cykleklubs“ sirrten nur so an uns vorbei, fuhren auf gleicher Höhe oder reihten sich in unsere Kleingruppe ein. Nach sechzehn flotten Kilometern erreichten wir Fynshav. Ca. 80 Radsportler auf der Fähre – sehr schön. Nach einer knappen Stunde waren wir auf der Insel Fünen. Die Radfahrer schwärmten aus. Wir rollten Richtung Norden an der Küste entlang über Assens nach Kolding. Es ging auf und ab. Mit entsprechendem Schwung konnte man die Wellen „wegdrücken“, was aber nicht immer gelang. Über die älteste Hängebrücke Dänemarks, de Gamle Lillebaeltsbro, verließen wir Fünen und fuhren nach Jütland. Nach knapp 100 Kilometern erreichten wir Kolding, unsere zweite Kontrolle, eine Tankstelle, in der wir unsere Streckenausweise abstempeln ließen und die Trinkflaschen befüllten. Nun ging es auf der anderen Seite des Lillebelts Richtung Süden zurück nach Sønderborg. Immer wieder in Wassernähe auf neu asphaltierten Radwegen oder landwirtschaftlichen Straßen fuhren wir im Sonnenschein und genossen die Landschaft. Sehr gemütlich, ohne Stress, die Dänen sagen auch „hyggelig“, radelten wir unsere vorgegebene Strecke weiter. In den kurzen Pausen, in denen wir den Streckenverlauf besprachen, bemühte ich mich mein spärliches Dänisch aufzubessern. Hier die wichtigsten Begriffe für eine dänische Brevet: højre=rechts; venstre=links; fortsaet=weiter geradeaus; und natürlich: Kør ind rundkørselen=fahr in den Kreisverkehr.

Und dann ging alles ganz schnell: wir erreichten Haderslev – leider flogen wir nahezu durch die Stadt, sodass ich nicht viel wahrnehmen konnte – und radelten die letzten Kilometer nach Sønderborg hinein. Die letzte Kontrolle, plus Anfahrt zur Fähre zeigte mein Tacho 240 km. Wir waren erschöpft aber auch sehr glücklich. Nach ein paar Minuten erreichten wir Helges Haus. Er organisiert die Brevets und hatte uns gebeten unsere Streckenausweise in den Briefkasten zu werfen. Die Medallien fanden wir in einer Kiste unter der Kellertreppe, wie es uns Helges Frau morgens erklärt hatte. Zurück am Startort verabschiedeteten wir uns herzlich. Es war ein schöner Ausflug und ein herrlicher Tag.

Im Ziel! Die angehenden Randonneure aus Roskilde.

Farewell!

Bargum, 20. Juni 2014 / Olli

600km-Brevet der ARA Hamburg am 7./8. Juni 2014

200-300-400-600 Kilometer. Das ist die eherne Arithmetik der Brevet-Saison und sie ist recht sinnvoll, denn tastet man sich doch so an (immer) längere Strecken heran. Für mich sollte es mein erster 600-km Brevet werden und einen Tag vorher merkte ich schon, dass ich ein wenig abgelenkt und nicht vollständig „fokussiert“ war. Ich überlegte sogar einige Sekunden, den mit 600 Kilometern doch etwas längeren „Ritt“ abzusagen und stattdessen zwei, drei Bier zu trinken. Machte ich dann aber doch nicht, keine Sorge, sonst hätte es auch kaum diesen Bericht gegeben. Ich packte abends meine Sachen, stopfte den Rucksack, legte die Kleidung hin, alles wie gewohnt und schon einige Male vorher praktiziert.

Am Samstag Morgen hielt ich um 6.40 Uhr die Nase aus dem Fenster  – und es war schon recht warm. Mit Lars fuhr ich dann von Altona zum Startpunkt in Rothenburgsort, wo ich unter den rund 50 Teilnehmern einige bekannte Gesichter traf. Hanno erläuterte noch einige Dinge – wie das Prozedere mit den Kontrollkarten und Beweisfotos, falls Kontrollstellen geschlossen sein sollten. Und dann machten wir uns auf. die Reise gen Süden ins Wendland, über die Elbe durch Mecklenburg, an die Ostsee, Richtung Fehmarn, wieder an die Ostsee, durch die Holsteinische Schweiz und zurück nach Hamburg.

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Die Fähre am Zollenspieker Fährhaus fuhr uns vor der Nase davon und so versammelte sich die ganze „Baggage“. Nach dem Übersetzen ging es zügig weiter, ich hatte aber keine Lust auf eine Verfolgungsfahrt und nahm etwas Tempo raus, traf Magnus, dem es ebenfalls so ging. Die erste Kontrolle lag bei einer Tankstelle in Holm-Seppensen nach 58 Kilometern, dann ging es einmal wieder durch Amelinghausen – irgendwie geht es immer durch Amelinghausen. Nach ca. 100 Kilometern fühlte ich mich schlapp und kraftlos, das Tempo war mir etwas zu schnell, vor Bad Bevensen, dem zweiten Kontrollpunkt nach 130 Kilometern – tauchten einige Hügel auf, die zusammen mit der einsetzenden Hitze mich doch etwas schlauchten. Bei mir waren nicht nur die Beine schlapp, auch der Geist war nicht wirklich willig. Vor Bad Bevensen dachte ich sogar kurz daran, wie bequem man von dort mit der Bahn nach Hamburg reisen könnte … Doch aufgeben wollte ich natürlich nicht, schließlich würde ich mit dem 600er die komplette „Super Randonneur“-Serie gefahren sein. Also hieß es für mich: Tempo herausnehmen. Meine Vierergruppe mit Magnus ließ ich ziehen und fuhr so ca. 40 Kilometer alleine.

Nach 177 Kilometern erreichte ich die nächste Kontrollstelle in Dammatz, in einem Hotel und Restaurant mit Biergarten gelegen. Nach einigen Minuten traf eine größere Gruppe um Hanno ein, zu der ich mich gesellte. Es tat jetzt gut, nicht auf dem Rad sondern im Schatten zu sitzen. Alleine ging es dann weiter, bei Dömitz über die Elbe, die Gruppe holte mich irgendwann ein und ich klinkte mich in diese ein (und sollte dann bis zum Ende des Brevets dabei bleiben). Wir fuhren Richtung Norden durch Lübtheen, Hagenow und Zarrentin, wo wir nach 260 Kilometern die fünfte Kontrolle anliefen. Die Hitze, die von Feldern herüberschwappte war recht beträchtlich, ich hatte morgens noch überlegt, ob ich nicht ein blaues Trikot anziehen sollte – anstatt des schwarzen … na ja, es gab ja reichlich Fahrtwind.

Ich kam jetzt aber in den Brevet körperlich und gedanklich gut rein, das Tempo passte, die Gruppe funktionierte gut, die Stimmung war bestens, es rollte. Zudem wurde es langsam kühler, während wir Richtung Ostsee pedalierten. Als wir auf dem Priwall ankamen, dämmerte es schon und wir beschlossen, in Travemünde eine längere Pause einzulegen und etwas zu essen. Wir fanden einen Italiener an der Promenade und verköstigten uns.

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Dann hieß es: raus in die Nacht und weiter. Die Reflexwesten wurden angelegt und wir fuhren nun entlang der Ostsee, durch Timmendorfer Strand, Scharbeutz, Neustadt. Um uns herum waren vergnügte Urlauber und Passanten, an denen wir auf Promenade entlang „brausten“. Irgendwie sah und merkte man uns an, dass wir aus “einer anderen Welt” kamen, in einem anderen Modus waren … Mir machte die Fahrt jetzt sehr viel Freude, gerade diese „Parallelwelt“ des Brevet Fahrens machte mir Spaß; die ganze, jetzt zum Glück kühle Nacht auf dem Fahrrad zu verbringen, genoss ich sehr.

In Lensahn erreichten wir mitten in der Nacht die nächste Kontrollstelle, durch Oldenburg in Holstein ging es nach Heiligenhafen, dem nördlichsten Punkt der Tour. Dann wieder zurück nach Oldenburg und nach Hohwacht. Ich fühlte mich körperlich jetzt erstaunlich gut. In der Nacht hatte ich kaum Führungsarbeit in unserer (jetzt eingespielten) Sechsergruppe geleistet (weil ich über kein Navigationsgerät verfüge und auch meine Akkuleuchte nicht die hellste ist). Mit dem Einbruch der Morgendämmerung fühlte ich mich wieder sicherer und wir nahmen wieder etwas mehr Tempo auf. In Hohwacht lag die Kontrollstelle in einem Hotel, das wir morgens um 5 Uhr erreichten. Der Portier schenkte einige Tassen Kaffee aus, Frühstück gab es leider aber noch nicht. Ein Mitfahrer legte sich draußen zum Schlafen nieder uns, zog nach kurzer Zeit weiter.

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Für mich folgte nun der schönste und bewegendste Teil der Strecke. Hinter Lütjenburg ging die Sonne auf und machte den Blick frei auf sanfte Hügel und malerische Bäume. Ich empfand es als großes Glück, just in diesem Moment durch genau diese Landschaft fahren zu dürfen – es war jetzt eine pure Freude. Weiter ging es durch Malente und die Holsteinische Schweiz. In unserem gemäßigt-zügigen Tempo konnte ich die Schönheiten der Natur genießen, auch wenn sich jetzt mancher Hügel dazwischen gesellte. Zwei aus unserer Gruppe leisteten die meiste Führungsarbeit. Ich versuchte, mich ein wenig mehr vorne zu beteiligen.

Wir hatten jetzt rund 450 Kilometer in den Beinen und keine Sekunde geschlafen; Müdigkeit verspürte ich jedoch keine, im Gegensatz zu einigen anderen Teilnehmern, die die eine oder andere Kontrollstelle für ein kleines Nickerchen nutzten. In Reinfeld erreichten wir die nächste Kontrollstelle in einem bekannten Schnellrestaurant. Ich musste jetzt unbedingt etwas essen und bestellte etwas mit Eiern, die ich „normalerweise“ nicht esse. Da unsere Veranstaltung aber ja auch nicht ganz „normal“ war, machte ich einmal eine Ausnahme. Die Sonne wärmte jetzt schon wieder ganz ordentlich. Zu unserer Gruppe gesellte sich noch Morten, der uns auf seinem Liegerad begleitete.

So langsam kamen wir in heimatliche Gefilde. Die nächste Kontrollstelle war in Mölln. Es ging jetzt teilweise auf fürchterlichen Straßen mit tausenden von Schlaglöchern “voran”. Doch wir kamen Hamburg immer näher. Die letzte Kontrollstelle lag in Oststeinbek, jetzt waren es nur noch 20 Kilometer nach Hamburg. Zügig ging es nach Hause. Körperlich ging es mir trotz der wieder voll entfalteten Hitze ziemlich gut. Einzig die rechte Fußsohle brannte und lenkte mich etwas ab.

Boberg, Tatenberg, jetzt waren fast da. Nach rund 610 Kilometern erreichten wir dann am Sonntag gegen 14.00 Uhr das Ziel im Hotel Holiday Inn in Rothenburgsort. Ich war jetzt doch ein wenig berührt und gerührt, umarmte Hanno und bedankte mit bei meinen anderen Mitstreitern. Wir gaben unsere Kontrollkarten ab, unsere treuen Begleiter und „Heiligtümer“ während der letzten 30 Stunden. (Wer seine Kontroll- und Stempelkarte verlieren sollte, dem wird der Brevet nicht anerkannt). Dann setzte ich mich wieder aufs Fahrrad und rollte nach Altona.

Heute, mit einigen Tagen Abstand, spüre ich die Anstrengung immer noch ein wenig in den Beinen, auch die rechte Fußsohle, der rechte Fußballen hat sich noch nicht vollständig erholt, aber es überwiegen deutlich die positiven Eindrücke der Tour: die Naturerlebnisse, die Bewältigung der Strecke, das Fahren durch die Nacht, die vorübergehende Gemeinschaft der Gruppe. Der 600-km-Brevet ist für mich die bislang längste am Stück zurückgelegte Strecke. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass noch weitere Langstreckenfahrten dazu kommen werden. Dabei geht es mir weniger um eine Rekordjagd (immer länger, weiter, mehr Kilometer), es ist vielmehr die Intensität, das Erleben, das Auf und Ab auf einer längeren Tour, das mich so reizt. Ach ja, und das Verwegene der Langstreckenfahrten „Audax Randonneurs“ (frz. Audax = verwegen) sagt mir auch sehr zu … das Bild von uns als neonbeschürzte “Fahrradzombis”, die bei Dunkelheit entlang der Ostseepromenade an den erstaunten und beschwipsten Passanten vorbeifliegen, wird mir jedenfalls in Erinnerung bleiben.

Hamburg, den 12. Juni 2014

Flèche Allemagne, 29./30. Mai 2014

Der „Flèche Allemagne“ (flèche = frz. Pfeil) ist eine Langstrecken-Sternfahrt, die von den Audax Randonneurs Allemagne (ARA) organisiert wird und alle zwei Jahre stattfindet. Teams von drei bis fünf Fahrerinnen und Fahrern fahren in 24 Stunden zum Treffpunkt auf der Wartburg in Eisenach eine mindestens 380 Kilometer lange Strecke, die vom jeweiligen Team-Kapitän erstellt wird und von den Organisatoren genehmigt werden muss. So viel zu den Regeln.

Da es irgendwann absehbar war, dass ein eigenes ABC-Team nicht zustande kommen würde, klinkte ich mich in das Team von Hans-Hermann ein, in dem mit Jörg, Andrea und Thorsten einige weitere mir bekannte Randonneure mitfuhren. Der Name unseres Teams lautete „Elbe-Kattenberg-Express“, da wir im Fährhaus Altengamme „anner Elbe“ um 9.00 Uhr am 29. Mai, am Himmelfahrtstag starteten. (Andrea und Jörg sind im RSC Kattenberg). Ich beschloss mit dem Rad von Altona nach Altengamme anzureisen und traf gegen 8.40 Uhr dort ein. Nach Tee und Kaffee und etwas Klönschnack machten wir uns auf die Strecke und pedalierten anfangs sehr gemächlich Richtung Süden. In Geesthacht ging es über die Elbe, über Winsen fuhren wir nach Celle. Der Wind meinte es gut mit uns und kam zumeist von hinten und der Seite, es war glücklicherweise die ganze Zeit trocken, doch die Temperatur blieb auch tagsüber bei unangenehmen 12 Grad, weshalb wir alle fröstelten.

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Unterwegs explodierte mir ein Schlauch und mein Hinterreifen hatte nach einiger Zeit eine Unwucht, was das Fahrvergnügen doch etwas schmälerte.

In Seesen machten wir gegen 20 Uhr nach rund 270 Kilometern eine längere Pause und speisten warm. Die Stimmung war sehr gut im Team und wir machten uns gegen 22.00 Uhr bei einsetzender Dunkelheit wieder auf den Weg. Am Rande des Harzes ging es weiter in Richtung Süden und wir erklommen manche Steigung und fuhren einige Abfahrten in der nun stockfinsteren Nacht. Mir machte die Nachtfahrt großen Spaß, auch wenn mir die Unwucht im Hinterreifen immer wieder, gerade bergab zu denken gab. Die einsetzenden Stille und die (wenigen) Geräusche der Nacht entschädigten mich aber.

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Irgenwo vor Bleicherode standen wir dann allerdings vor einer nicht passierbaren Baustelle, die unseren Käpt'n und uns alle überraschte. Wir mussten zurück und irrten nun eine Zeit lang umher, auf der Suche nach dem „verlorenen Track“. Für die Stimmung waren die „Extrakilometer“ auch nicht gerade förderlich. Doch irgendwann waren wir wieder auf der geplanten Route, allerdings hatten uns das reichlich Zeit gekostet.

Nach durchfahrener Nacht  ging dann plötzlich die Sonne auf und einige Minuten erstrahlte die Landschaft in einem atemberaubenden, goldenen Licht. Ein magscher Moment, in dem wir anhalten und die Stimmung aufsaugen mussten (und natürlich ein paar Fotos knipsten).

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Über Worbis fuhren wir nach Mühlhausen, unserem letzten Kontrollpunkt. Hier legten wir wieder eine etwas längere Pause ein und machten uns morgens um 7.00 Uhr auf das letzte Stück zur Wartburg auf. Es warteten jetzt noch einige Anstiege auf uns und unser Team „franste“ etwas aus. Ich musste mich meiner Jacke entledigen und fand mich kurz vor Eisenach alleine auf weiter Flur. In Eisenach sah ich dann einige Randonneure und fand schnell den Anstieg auf die Wartburg, der nach ca. 430Kilometern (für mich rund 470) und 26 Stunden ohne Schlaf noch ein – im wahrsten Sinne des Wortes - echtes „Highlight“ bot. Oben traf ich dann sofort einige Hamburger, u.a. Hanno und Friedhelm Lixenfeld. Hans-Hermann und Jörg sah ich kurz später, ebenso wie Andrea und Thorsten, die kurz nach uns ankamen.

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Nach dem Gruppenfoto (keine Ahnung ob das irgendwo im Internet zu finden ist) ging es dann wieder runter in die Stadt. Nach einer Katzenwäsche – die Duschen war mir zu bevölkert und ich verspürte keine große Lust dafür anzustehen – fuhren wir zum Treffpunkt, wo es dann Essen und ein Freigetränk gab. Die Auswahl an vegetarischen Gerichten wurde nach einiger Zeit etwas überschaubar, weshalb ich mir beim zweiten Gang Nudeln „nach Eimsbütteler Art“ genehmigte – Nudeln mit Ketchup. Die Stimmung war jetzt sehr gut und gelöst, die Sonne ließ sich blicken, wir schnackten trotz Müdigkeit viel und erfreuten uns alle an der Erfahrung der zurückgelegten Strecke und der Nachfahrt.

Vielen Dank den Organisatoren, die für eine sehr überschaubare Gebühr eine Menge boten (Essen, Aufkleber, etc.). Danke auch an unseren Kapitän, Hans-Hermann, der die Strecke erstellte und uns mit ins Team nahm. Auch wenn nicht alles glatt lief, war es für mich doch ein sehr schönes Erlebnis. Die Rückfahrt mit dem Zug war dann aber  recht zäh. Aufgrund eines “Personenschadens” hingen wir vor Weißenfels fest und durften nach längerer Zeit des Wartens einige richtig rasante Busfahrt „genießen“. Das war aber alles halb so wild und wir nutzten die Rückfahrt für das eine oder andere Nickerchen und weitere Gespräche.

Am Hamburger Hauptbahnhof setzte ich mich wieder aufs Rad und traf wenig später die Critical Mass, die mit über 5000 Teilnehmer/innen einen neuen Rekord aufstellte. (Am Flèche waren insgesamt 260 Fahrer/innen beteiligt - es müssen also nicht immer die großen Massen sein, wie ich finde …) Kurz überlegte ich, ob ich mich in die kritische Masse einreihen sollte, doch ich wollte jetzt möglichst direkt Hause, Essen fassen, etwas trinken und die Beine hoch legen.

Es blieb und bleibt das schöne Erlebnis, gemeinsam im Team von Hamburg zur Wartburg, diesem symbolischen Ort deutscher Geschichte gefahren zu sein und dort mit meinen Team-Mitgliedern und den anderen Randonneuren eine Art von Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Fléche Allemagne … Wartburg … ich komme wieder …

Hamburg, den 1. Juni 2014 / Lars A.

Unter Geiern

Um 9 Uhr morgens machte ich mich am vergangenen Sonntag vom Orte meiner alten Heimat im Südoldenburger Land wohl genährt auf den Weg Richtung Hamburg. Mein Routenplan sah hierfür vor, sich südlich von Bremen Richtung Osten zu kämpfen, vor Verden dann nordwärts zu schwenken, die Weser zu queren und auf Nebenpfaden Richtung Hamburg zu fahren, um in Neu Wulmstorf die S-Bahn zu besteigen. Bei guten Beinen wäre dann vielleicht sogar noch die Tour bis zur Elbfähre in Finkenwerder oder gar durch den Hafen und den alten Elbtunnel drin.

Die Optionen B und C verwarf ich jedoch recht schnell, da der aus Nordost und somit weitgehend von vorne kommende Wind etwas gegen ein flüssiges Fortkommen einzuwenden hatte.

Es war bereits am frühen Morgen angenehm warm, so dass ich mich recht bald meines Langarmtrikots entledigte und selbiges in der Satteltasche verstaute. Da es sonntags früh in dem ausschließlich ländlich geprägten Weser – Ems – Gebiet praktisch gar keinen Autoverkehr gibt, überholte mich bis KM 22 handgezählt exakt ein (in Zahlen: 1) Auto. Bei der Ortsdurchfahrt durch Twistringen war dann kurzzeitig „rush-hour“, direkt danach wurde es dann wieder ruhig. Nun ja, bis auf den Autofahrer, der wild hupend an mir vorbeifuhr. Er war wohl gerade mit Reviermarkierungsarbeiten beschäftigt. Kennt man ja. Über diesen Heini konnte ich jedoch nur müde lächeln.

So fuhr ich denn nun meiner Wege bis ich plötzlich sehr unsanft aus meinen Gedanken gerissen wurde. Ich spürte auf einmal einen Schlag und einige unsanfte Kratzversuche an meinem Kopf. Das kam jetzt wirklich aus heiterem Himmel und ich schaute mich erschrocken um. Da sah ich dann schon den Übeltäter. Ein Greifvogel mit ziemlich beeindruckender Spannweite schwebte unheilvoll über meinem Haupt. Ich verdeutlichte dem Geier per Handzeichen und unter Abgesang von schmutzigen Liedern, dass ich von solch plumpen Annäherungsversuchen nicht viel halte und weder eine seltsam langsam fliegende Gans noch sonstiges zum Verzehr geeignetes Getier darstelle.

Ich habe mich dann schnell aus der Gefahrenzone entfernt und der Sturzpilot beließ es bei seiner einmaligen Attacke. Bis auf einige Kratzer habe ich zum Glück nichts weiter abbekommen.

Eine Recherche nach meiner Ankunft zu Hause legt die Vermutung nahe, dass es sich bei dem Draufgänger um einen Bussard gehandelt hat, der seine Brut verteidigen wollte. Sicherheitshalber habe ich mich dann am Abend nach dem noch größeren Aufreger - der knapp gehaltenen Klasse des HSV - in der Notfallambulanz gegen Wundstarrkrampf impfen lassen. Dazu wurden dann noch die Kratzer desinfiziert. Den gestandenen Mitarbeitern vor Ort war nach Erläuterung der Sachlage ein solches Kuriosum auch noch nicht untergekommen und sorgte für erstaunte Gesichter. Der gemeine Stadtmensch lässt sich halt lieber von seinesgleichen aufhübschen als von einem dahergeflogenen Vogel…

Das ganze widerfuhr mir nach ca. 50 km Fahrt kurz hinter der Ortschaft Uenzen. Also falls mal jemand von Euch da durch kommt: Kopf einziehen!

Nach dem das Adrenalin verflogen war, näherte ich mich auch schon der Weser. Bis zu diesem Punkt hatten mich keine 10 Autos überholt. Somit lässt sich für diese Gegend wirklich das Prädikat „traumhaftes Rennradrevier“ auf gut rollendem, weitgehend intaktem Straßenbelag postulieren. Nach der Überquerung der Weser nahm der Verkehr etwas zu. Ich machte Rast an einer Tankstelle, die ziemlich genau bei der Hälfte der Gesamtdistanz für willkommene Erfrischung sorgte. Ein Müsliriegel später und mit vollen Trinkflaschen machte ich mich wieder auf den Weg.

Da ich zuvor größtenteils in östlicher Richtung unterwegs war, hatte ich mehr oder weniger beständigen Seitenwind gehabt. Mit der Weserquerung kam der Wind nunmehr jedoch unbarmherzig von vorne. Aber noch fühlte ich mich ganz munter und da ich mich nur sporadisch mit einem Blick auf das Tacho über die zurückgelegte Distanz informierte, konnte mich die nun sinkende Fahrt-Geschwindigkeit nicht demoralisieren.

Wie eingangs erwähnt war es ein schöner, sonniger Tag. Dieses blieb auch so, bis es sich zwischen Gyhum und Elsdorf bei Kilometer 120 zuzog. Der Wind frischte auf, es wurde merklich kühler und mir wurde klar, dass es hinten raus wohl noch mühevoll werden würde. Und so kam es auch. Das Fortkommen wurde immer beschwerlicher und die letzten 25 km zogen sich schließlich wie Kaugummi. Hinzu kamen dann noch die in dieser Gegend befindlichen leichten Anstiege, über die man für gewöhnlich einfach „drüberdrückt“, aber bei Gegenwind und im leicht angeschlagenen Zustand war mir das nicht mehr möglich. Also hieß es jetzt beißen und die Sache mit Anstand beenden.

Als ich endlich die B73 erreichte und auf den Radweg parallel zur Straße einbog (eine der ganz wenigen Passagen, auf der man überhaupt einen Radweg benutzen musste), war mir klar, dass ich es geschafft hatte. Da konnten mir auch der üble Verkehr auf der Straße und die unschöne Kulisse beidseits der Straße mein Hochgefühl nicht verleiden. Müde aber gut zufrieden bestieg ich nach 165 km die S-Bahn in Neu-Wulmstorf und ließ mich in die Innenstadt chauffieren. Für die Strecke bis Finkenwerder oder durch den Hafen fehlten mir einfach schon die Körner und die Nerven…

Hamburg, den 20. Mai 2014 / Stefan H.

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