Gazelle ‚Vintage Racer‘

Am Anfang war das Feuer. Und entfacht wurde es durch Anna. Anna ist von der Schweiz aus ans Nordkap, von dort nach Gibraltar und anschließend retour in die Schweiz gefahren. 14.116 km in fünf Monaten. Sie berichtete davon in einem ‚unterwegs‘ Heftchen des Deutschen Jugendherbergswerkes.

Damit war es um mich geschehen. So etwas wollte ich auch. Der Haken an der Sache, ich war erst dreizehn oder vierzehn Jahre alt, als ich dieses Heftchen in die Finger bekam. In den folgenden Jahren entwickelte sich aber alles auf dieses Ziel hin. Die erste dreiwöchige Radtour durch die Niederlande folgte mit fünfzehn und stellte den Auftakt zu zahlreichen Touren dar.

Im Winter 1983/84 wurde es dann allmählich ernst, die Aufregung nahm zu. Den Start für meine große Nordkap-Tour plante ich für Juni 1984, direkt nach der letzten Abitur Prüfung.

In den Wintermonaten verbrachte ich viel Zeit mit dem Studium von Straßenkarten sowie der Zusammenstellung der erforderlichen Ausrüstung. Aber was ist wirklich notwendig, wenn man erstmals zu einer Tour aufbricht, welche über 8.000 Kilometer bis nördlich des Polarkreises führt?

image                                                   Trollstigen 1984

Getreu des Grundsatzes ‚Planung ersetzt den Zufall durch Irrtum‘, blieb jedenfalls genügend Raum für Abenteuer. Eben die nicht planbaren Ereignisse mit ungewissem Ausgang, die doch letztendlich das Salz in der Suppe des Reisenden darstellen. In diese Kategorie fällt auch das ‚Reservehinterrad‘…smile. Aber das ist eine spezielle Geschichte.

image                                               Polarkreis Norwegen, 1984

Absolut zweifelsfrei war jedoch die Wahl des Arbeitspferdes. Unverwüstliche Robustheit, Leichtigkeit und Leichtlauf waren die angestrebten Eigenschaften. Natürlich fiel die Wahl auf ein Stahlross. Gab es Mitte der achtziger Jahre eh kaum sinnvolle (und bezahlbare (Titan)) Alternativen, so ist Stahl auch heute noch meine bevorzugte Wahl für Fahrräder. Und zwar nicht nur für diesem Einsatzbereich.

Dennoch kostete mich der Rahmen damals gefühlt ein Vermögen. Er basierte allerdings auch auf dem legendären 531er Reynolds Rohrsatz. Erstklassig in Dieren (Niederlande) von Hand gelötet, handelte es sich um eine echte Gazelle. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mit der sogenannten ‚Semi Race‘ Geometrie brachte der Rahmen die positiven Eigenschaften von Randonneur- und Rennrad auf eine gemeinsame Spitze und wies auch bepackt ein super Handling auf. Auf diesen Rahmen war ich stolz wie Bolle.

Und er ist bis heute sein Geld wert. Komplettiert habe ich das Rad damals mit folgenden Komponenten :

Naben Campagnolo Record 40-Loch (Tandem)
Felgen Weinmann (konkav)
32mm Drahtreifen
Umwerfer/Schaltung Campagnolo Rally (langer Arm)
Tretlager / Kurbelgarnitur Specialité TA 3-fach 52/42/32
Zahnkranz Regina 6-fach (13-23 oder 25?)
Pedale Campagnolo Grand Sport
Bremsen Weinmann
Vorbau / Lenker 3ttt
Sattelstütze Camapagnolo Grand Sport
Sattel San Marco Concor
Gepäckträger und Lowrider Blackburn

Mit den Gepäckträgern war ich besonders zufrieden. Die Träger hatte ich bereits einige Jahre zuvor von Jim Jennigs aus Colorado erhalten. Wir sind uns mal irgendwo in den Alpen begegnet und einige Tage zusammen geradelt. Sein Rad war mit diesen Trägern ausgestattet und ich fand sie total genial. Da damals Blackburn Produkte in Europa meines Wissens nicht erhältlich waren, war seine Direktimporthilfe absolut großartig.

Letzen Endes war meine Reise Gazelle deutlich teurer als mein erstes Auto. Aber das ist ja auch völlig in Ordnung, sagt der Radreisende…smile.

image                                                   Nordkapp 1984

Unermüdlich hat mich meine Gazelle auf vielen Reisen durch diverse Länder getragen. Unbestreitbare Höhepunkte waren dabei die Nordkap Tour 1984 sowie die Trans Canada Tour 1985 (St.John’s, Newfoundland - Victoria, British Columbia ).

image Mile ‚0‘ St. Johns, Newfoundland, Trans Canada 1985 / Trans Canada 1985

Zuletzt ging es 2001 durch Irland, noch immer mit den originalen Komponenten. In den Jahren danach fristete die Gazelle eher ein Gnadenbrotdasein.

Im Herbst 2012 griffen dann wieder die Flammen nach mir. Zufällig geriet ich in den Funkenflug von Carina Wolfram. Sie berichtete über ihre Teilnahme an der L’Eroica in der Toskana. Sofort loderte es wild in mir. Da will ich hin. Da will ich mitfahren. Teil sein, der Hommage an die Helden der legenden- und ereignisreichen Geschichte des Radsportes, deren Anfänge in den Staub der Schotterstraßen geschrieben wurde. Die Erfüllung der technischen Voraussetzungen für die Teilnahme an der L’Erocia stellte kein Hindernis dar. Stahlrahmen (nicht jünger als von 1987), keine am Lenker verlegten Bremszüge, keine Klickpedale etc. All das erfüllte meine Gazelle aus dem Stand. Es war eine wahre Wonne, sie bis zur kleinsten Lagerkugel zu zerlegen und wieder aufzubauen. Und zwar mit den Originalkomponenten. Es ist schon eine Klasse für sich, wie gut zum Beispiel Campagnolo Konen nach der absolvierten Laufleistung erhalten sind.

image                                                   L’Eroica Toskana 2013

Die größere Schwierigkeit bereitete die Beschaffung eines passenden Wolltrikots. Wobei mit passend weniger die Größe, als vielmehr das Gesamterscheinungsbild gemeint ist. Schließlich fährt das Auge mit. Dank eines bekannten elektronischen Marktlatzes gelang mir jedoch der Erwerb eines absolut passenden Gazelle Trikots. - Auf in die Toskana! Da meine Gazelle es absolut nicht gewohnt war im Kurzstreckenbetrieb eingesetzt zu werden, musste es bei der L’Eroica 2013 natürlich die 205 km Runde sein… Und die hat die niederländische Antilope mit Bravour hinter sich gebracht. Die L’Eroica ist wirklich eine würdige Hommage an die Altvorderen und die weißen Schotterpisten der Toskana. Ein Kurs für Stahlräder und Stahlwaden. Only steel is real.

image                                           Finish, L’Eroica 2013 

L’Eroica Finisher können nur müde über die empfindsamen Seelen der Fahrer von HighTechNASA Rädern lächeln, die lautstarke Proteste vom Zaun brechen, sobald es bei einem Radmarathon mal über nicht gebügelte Straßen geht.

Bei der L’Eroica geht es natürlich ums Radeln, aber auch um entsprechende Räder. Gaiole ist L’Eroica. An den Tagen um das Event gibt es einen fantastischen Teilemarkt mit allerhand Originalitäten und Kuriositäten. Und das trifft sowohl für die Fahrräder, als auch für die Fahrer zu. Fantastisch. Nichts zu kaufen geht eigentlich nicht. Meine fetteste Beute sind ein Paar Schutz’bleche‘ aus Buchenholz von dem alten Meister Ghisallo.

Auf der langen Autofahrt nach Norddeutschland entsteht bereits im Geiste, quasi um die Schutzbleche herum, ein Neuaufbau meiner geschichtsträchtigen Gazelle. Als Reiserad hat sie nun endgültig ausgedient. Inspiriert durch die wunderbaren alten oder auf alt getrimmten Räder in Gaiole, steht mein Entwurf fest, als ich einen Zwischenstopp im Ruhrgebiet einlege. Ich nutze die Gunst der Stunde, zerlege die Gazelle und gebe den Rahmen zum Lackieren bei meinem Lieblingsrahmenbauer Günter Krautscheid ab. Sein neues Leben soll der Rahmen in British Racing Green beginnen. Mit einer gekonnten nass-in-nass Lackierung (erst schwarz, dann giftgrün) wird ein in höchstem Maße zufriedenstellender Oberflächenglanz erzielt.

Über den Winter komplettiere ich den Rahmen mit den folgenden Komponenten.

Vorbau, Lenker Cinelli
Lenker Walker Bar, Soma
Bremsen Tektro R559 (nicht stilecht, bremsen aber deutlich besser als die alten Weinmänner)
Bremsgriffe Tektro RX4.1
Lenkerband Leder, Brooks
Steuersatz Campagnolo Record
Sattelstütze Campagnolo
Sattel Brooks Swift
Naben Primato Pista fix, Miché
Felgen Mavic Open Pro
Drahtreifen Continental Super Sport Plus, 28mm
Kurbelgarnitur 1 1/8“ Primato Pista, Miché
Ritzel Edelstahl, Phil Wood
Kette 1 1/8“ Izumi, vernickelt (läuft super präzise, längt sich kaum, in der vernickelten Ausführung gut witterungsbeständig)

Das Resultat der Tüftelei und Schrauberei ist auf den Fotos zu sehen.

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image                                                 Vintage Gazelle 2014

Für mich ist das Ergebnis ein ganz Besonderes. Die Geschichte des Rahmens ist untrennbar mit meiner persönlichen Geschichte verwoben. Und reflektiert nun im Stil eines Vintage Racers ein wenig auch die Geschichte des Radsportes.

image                                                 Kieler Tweed Run Trim 2014

Ich muss zugeben, dass die Vintage Gazelle nicht bei nassem Wetter zum Einsatz kommt. Dennoch ist sie kein Museumsstück. Neben speziellen Veranstaltungen (z.B. Tweed Run) muss sie im Sommer auch für die eine oder andere sportliche Ausfahrt herhalten. Dafür wird vorher ein 16er Ritzel montiert und mit einer 100er Trittfrequenz bleibt im hügeligen Schleswig-Holstein auch manch ein High-Tech-Bolide achteraus. Und dann ist es wieder da, dieses Feuer….

Links
http://www.grisocomodo.de/gazelle-l-eroica.html
http://www.grisocomodo.de/gazelle-vintage.html
http://www.grisocomodo.de/l-eroica-2013.html

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Hamburg, den 1. Januar 2014 / Andreas T.